Kampfjets
Flugstunden im Simulator statt in der Luft? Konkurrenz wundert sich, wie der F-35 angeblich Schweizer Testsieger wurde

Dass der US-Tarnkappenbomber der insgesamt günstigste Jet sein soll, stösst bei der Konkurrenz auf Unglauben.

Henry Habegger
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Fliegt er bald für die Schweiz? US-Jet F-35. (Payerne, 7. Juni 2019)

Fliegt er bald für die Schweiz? US-Jet F-35. (Payerne, 7. Juni 2019)

Peter Klaunzer/ Keystone

Im letzten September haben die Kampfjet-Gegner eine Schlacht haarscharf verloren. Mit 50,1 Prozent der Stimmen sagte die Stimmbevölkerung Ja zum Kauf von neuen Militärflugzeugen für bis zu 6 Milliarden Franken.

Weniger als ein Jahr später können die Jet-Kritiker vom Lehnstuhl aus zusehen, wie einige Sieger vom letzten Jahr ihren Pokal schrotten.

Wie allen voran die NZZ berichtete, soll der Tarnkappen-Bomber F-35 des US-Herstellers Lockheed Martin die Schweizer Evaluation klar für sich entschieden haben. Ebenfalls soll feststehen, dass Verteidigungsministerin Viola Amherd (Die Mitte) dem Bundesrat den Kauf des US-Jets beantragen will. Dassault (Rafale), Airbus (Eurofighter) und Boeing (Super Hornet) gingen damit leer aus. Gleichzeitig heisst es, dass ausgerechnet bürgerliche Departemente gegen den angedachten Typenentscheid mobil machen: Finanzminister Ueli Maurer (SVP) und Aussenminister Ignazio Cassis (FDP).

Diese Kampfjet-Modelle haben das Rennen wohl nicht gemacht:

Steilvorlage für die Kampfjetgegner

Ins Gewicht fällt vorab die Opposition von Maurer, war er doch einst selbst Verteidigungsminister. Unter seiner Führung ging die Abstimmung um den Kauf des schwedischen «Papier-Fliegers» Gripen verloren. Armeechef war damals André Blattmann, der jetzt ebenfalls tätig wird. In einem Papier, über das die NZZ berichtete, riet er vom Kampfjet-Kauf ab. Wenn schon, seien maximal 20 statt 30 bis 40 Flugzeuge zu kaufen. Das Geld müsse auch für andere wichtige Investitionen der Armee reichen. Eine Argumentationslinie, die sich offenbar mit jener von Maurer deckt.

Hat Bundesrat Ueli Maurer das Gripen-Grounding überwunden?(18. Mai 2021)

Hat Bundesrat Ueli Maurer das Gripen-Grounding überwunden?
(18. Mai 2021)

Anthony Anex / Keystone

Es gibt Beobachter, die meinen: Maurer und Blattmann hätten das Gripen-Grounding nicht überwunden. Andere sagen, Blattmann und Maurer versuchten bloss, einen weiteren Absturz zu verhindern. Denn die Wahl des umstrittenen F-35 wäre eine Steilvorlage für die vorwiegend links-grünen Kampfjetgegner und ihre geplante Volksinitiative. Wie auch immer: Jedenfalls lodert ein Feuer im Dach der Kampfjet-Freunde.

Allerdings zweifeln Vertreter der drei anderen Anbieter daran, dass der F-35 die Evaluation des Rüstungsbeschaffers Armasuisse deutlich gewonnen haben kann und dass der Jet das klar beste Preis-Leistungs-Verhältnis über die gesamte Lebensdauer aufweise.

Testsieger dank Flugstunden im Simulator?

Stutzig macht Beobachter etwa der Hinweis in der NZZ, wonach der F-35 «wegen seines Simulatorsystems» mit weniger Flugstunden auskomme und damit tiefere Betriebskosten und auch weniger Lärm und CO2-Ausstoss verursache.

Bei den anderen Anbietern heisst es, man habe mit «echten Flugstunden» gerechnet, wie Armasuisse das verlangt habe. Diese seien aber natürlich «um ein Vielfaches teurer» als Simulator-Stunden. Offenbar habe Lockheed «billige» Simulator-Stunden eingerechnet und das auch noch als Vorteil verkauft, so der Verdacht im Umfeld der Konkurrenz.

Europäer glauben sich weiterhin im Vorteil

Alle Beobachter weisen zudem darauf hin, dass die Betriebskosten des F-35 als sehr hoch gelten, was in den USA immer wieder für Kontroversen sorgt. Ein Insider sagt:

«Der F-35 ist für vieles bekannt, aber nicht für tiefe Betriebskosten.»

So wird betont, dass die Kosten pro Flugstunde beim F-35 gemäss kürzlichen Angaben etwa doppelt hoch gewesen seien wie beim französischen Rafale.

So zweifeln manche die Aussage glatt an, dass der Tarnkappenbomber der Jet der Wahl des Verteidigungsdepartements sein kann. Selbst wenn der F-35 technisch-finanzieller Testsieger von Armasuisse wäre, nach der politischen und wirtschaftlichen Beurteilung durch den Gesamtbundesrat müsste sich ein anderes Bild zeigen. Gerade die Vertreter der Europäer glauben, dass sie der Schweiz in Sachen politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit ungleich mehr zu bieten haben als die Amerikaner. Nur schon bezüglich Flugtraining in nahen europäischen Ländern.

Amherd führt derzeit bilaterale Gespräche mit Bundesratskollegen. Ob die Regierung bereits heute entscheidet, ist fraglich. Bei Geschäften solcher Tragweite sei eine «zweite Lesung» nicht unüblich, heisst es in einem Departement. Die hitzige Debatte um das sechs Milliarden teure Kampfjetgeschäft hat gerade erst so richtig begonnen. Klar scheint auch: So schnell wird sich kein Hersteller geschlagen geben.