Am 3. Juni wollte diese Zeitung von Saab-Sprecher Christian Trottmann wissen: Was ist von Gerüchten zu halten, wonach Saab nicht bereit ist für die Flugtests Ende Monat in Payerne? Die Antwort des Saab-Sprechers war glasklar: «Dies entspricht nicht den Tatsachen. Saab wird in Payerne den Gripen E zur Evaluation bringen.»

Zehn Tage später sieht es anders aus: Der Gripen E wird nicht an den Flugtests von Ende Monat in Payerne VD teilnehmen. Mit einem Unterton von Bitterkeit hält der schwedische Saab-Konzern in einer Mitteilung fest: «Das eidgenössische Bundesamt für Rüstung Armasuisse hat Saab formell empfohlen, mit Gripen E nicht an der kommenden Flug- und Bodenerprobung in der Schweiz teilzunehmen. Der Grund dafür ist, dass die Tests nur zur Evaluation von 2019 bereits operationell einsatzbereiten Flugzeugen entwickelt wurden.»

Damit liegt jetzt auch die Antwort auf eine Frage vor, die diese Zeitung im April stellte: «Fliegt der Gripen, oder fliegt er raus?»

Armasuisse bestätigt: Gripen E scheidet aus Evaluation für neues Kampfflugzeug aus

Armasuisse bestätigt: Gripen E scheidet aus Evaluation für neues Kampfflugzeug aus

Der Gripen E des schwedischen Herstellers Saab scheidet aus dem Evaluationsverfahren für die Beschaffung eines neuen Kampfflugzeugs aus. Dies entschied das Bundesamt für Rüstung Armasuisse, nachdem Saab angekündigt hatte, an den Flugtests nicht teilzunehmen.

2014 am Volk gescheitert

Der Gripen war der Sieger der letzten Evaluation. 2014 aber legte das Volk sein Veto gegen den Kauf von damals 22 Gripen-Jets für gut 3 Milliarden Franken ein. Ein Grund war: Der Gripen E war ein «Papierflieger», er existierte noch gar nicht, befand sich noch in der Entwicklungsphase.

Heute verfügt Saab laut eigenen Angaben über 3 Testflugzeuge des Typs, und «noch dieses Jahr werden die die ersten Gripen E an die Kunden ausgeliefert», so Saab in der Mitteilung. Die Kunden sind Brasilien und Schweden. Aber derzeit verfügt Saab noch nicht über «voll einsatzfähige Flugzeuge» und erfüllt also eine zentrale Bedingung von Armasuisse nicht.

Gripen E «noch nicht voll einsatzfähig»

Beobachter berichteten in den letzten Wochen und Monaten immer wieder, dass Saab versuche, mehr Zeit zu erhalten. Aber Armasuisse war den Schweden bereits weit entgegengekommen: Sie durften als letzte zu dem Flugtests antreten, erhielten also die grösste Vorbereitungszeit.

Aber damit war der Spielraum ausgereizt. Dem Vernehmen nach flogen Rüstungschef Martin Sonderegger und der Kampfjet-Delegierte des Bundes, Christian Catrina, vor einigen Wochen nach Schweden, um Saab klar zu machen, dass man kein Auge zudrücken werde, dass es keine weiteren Zugeständnisse gebe.

Saab versuchte alles

Saab versuchte, trotzdem zu den Tests zu gelassen zu werden, wie der Konzern in der Mitteilung nun offiziell bestätigt: «Da der Gripen E die volle Einsatzfähigkeit noch nicht erreicht hat, machte Saab verschiedene Alternativvorschläge, um an den Flugtests von 2019 teilnehmen zu können». Und weiter: «Das Angebot, für die Flug- und Bodenerprobungen im Juni 2019 neben einem Gripen-E-Testflugzeug einen voll einsatzbereiten Gripen C zur Verfügung zu stellen, wurde von Armasuisse abgelehnt.»

Spöttische Konkurrenz

Und dann folgt ein bitterer Vorwurf an Armasuisse: «Andere Mitbewerber jedoch haben ihre Fähigkeiten auf bestehenden Plattformen demonstriert, die sich von den zu liefernden Versionen unterscheiden.»

Die Hersteller müssen mit ihren Jets unter anderem eine Manöver zeigen, bei dem zwei Maschinen Flügel an Flügel fliegen. Letzte Woche in Payerne amüsierte sich ein Vertreter des US-Jets F-35 im Gespräch: «Nimmt mich wunder, wie die Schweden das mit ihrem einzigen Gripen E bewerkstelligen wollen.»

Die Amerikaner, die mit der ganz grossen Kelle anrichten in der Schweizer Ausmarchung, haben derartige Probleme nicht. Sie reisten mit nicht weniger als 4 F-35-Tarnkappenbombern zu den Flugtests in der Schweiz an.

Vorwürfe an Armasuisse

Saab fühlt sich also benachteiligt vom Schweizer Verteidigungsdepartement (VBS) unter Viola Amherd. Das VBS und seine neue Chefin wollen allerdings offensichtlich um jeden Preis verhindern, dass ihnen wie beim letzten Mal der Vorwurf gemacht werden kann, man wolle ein Flugzeug kaufen, das noch gar nicht erprobt sei. Der Papierflieger-Gau soll sich nicht wiederholen.

Die Schweden werfen der Schweiz allerdings jetzt durch die Blume vor, sie habe nicht mit offenen Karten gespielt. Armasuisse habe immer gewusst, welchen Entwicklungsstatus und welchen Fahrplan der Gripen E habe. Und dennoch sei Saab 2018 eingeladen worden, sich an der Ausschreibung zu beteiligen, steht in der Saab-Mitteilung weiter.

Trotz des Forfaits für die Flugtests sieht sich Saab aber mit dem Gripen weiterhin im Rennen um den nächsten Schweizer Kampfjet. «Wir sind überzeugt, dass Gripen E für die Schweiz die beste Wahl darstellt, und das im Januar 2019 unterbreitete Angebot gilt nach wie vor. Saab ist bereit, sich zur termingerechten Lieferung von mindestens 40 Gripen-E-Kampfflugzeugen zu verpflichten und sich dabei an alle Vorgaben sowie an das geplante Budget zu halten», schreibt der Konzern.

Saab hofft weiter

Die Schweden gehen also offensichtlich davon aus, dass ihre Flugzeuge die weitaus günstigsten sind. Das geht aus der Aussage hervor, wonach für 6 Milliarden Franken «mindestens 40 Gripen-E-Kampfflugzeuge» geliefert werden könnten.

Manche gehen davon aus, dass es für diese Summe nur etwa 30 Jets anderer Hersteller geben wird. Saab hofft offenbar, in einer späteren Phase des Auswahlprozesses wieder ins Spiel zu kommen: Dann, wenn es um den Preis geht.

Saab nimmt nicht an den Flugtests teil. Damit steht fest, dass es in der Ausmarchung um den neuen Schweizer Kampfjet bis auf weiteres keine Flugtests mehr gibt. Letzte Woche wurde als viertes und letztes Flugzeug der F-35 von Lockheed Martin getestet. Zuvor waren der Eurofighter von Airbus, der Super Hornet von Boeing und der Rafale von Dassault an der Reihe.