Hass im Netz

Jetzt kommt die Versicherung gegen Cybermobbing – doch: Hilft das?

Jedes vierte Kind in der Schweiz wird im Netz angegriffen. Hass im Internet ist ein immer grösseres Problem. Doch Politik und Gesellschaft reagieren nur zögerlich.

Jedes vierte Kind in der Schweiz wird im Netz angegriffen. Hass im Internet ist ein immer grösseres Problem. Doch Politik und Gesellschaft reagieren nur zögerlich.

Hass im Netz ist allgegenwärtig. Schweizer Versicherungen wittern damit nun ihre grosse Chance. Und suggerieren damit Kontrolle über etwas, das unkontrollierbar ist.

Häng dich, du Nutte. Niemand will dich. Wir werden dich finden. Und dann kommst du dran.

Die meisten von uns werden nie Opfer von Cybermobbing werden. Solche Sätze lesen, an einen selbst adressiert. Nie Drohungen und Beleidigungen ausgesetzt sein, die so weh tun, dass wir uns tagelang nicht mehr aus dem Bett trauen. Angstzustände haben. Oder uns, wie im Fall des 13-jährigen Mädchens Céline aus Spreitenbach, das Leben nehmen. Die meisten von uns werden nie im Auge eines Shitstorms stehen und mental fast daran zerbrechen.

Oder doch?

Keiner weiss das so genau. Keiner, der das Internet lesen könnte. Die Dynamiken, die es bildet. Keiner, der gefeit wäre, vor dem, was da wartet, sobald man den Mund aufmacht. In einer Kommentarspalte kommentiert. Ein Bild hochlädt. Sich in den falschen Mann verliebt.

Hass im Netz ist allgegenwärtig, durch alle Sparten der Gesellschaft hindurch, auf verschiedensten Plattformen, in Foren, in Privatnachrichten. Und genau deshalb auch so bedrohlich. Weil niemand wirklich mit Sicherheit voraussagen kann, wen es treffen wird. Und warum.

Jedes vierte Kind in der Schweiz schonmal im Netz bedroht

Und die Schweiz ist mittendrin. Eine Untersuchung des Bundesamtes für Statistik kam kürzlich zum Schluss: Schweizerinnen und Schweizer sind stärker von Mobbing-Attacken betroffen als EU-Bürger. Rund 260'000 Personen zwischen 16 und 74 Jahren wurden in der Schweiz innerhalb nur eines Jahres Opfer von Cybermobbing.

Bei der James-Studie, die den Umgang von Schweizer Jugendlichen mit Medien untersucht, gaben fast 25 Prozent der 12- bis 19-Jährigen an, dass sie schon mal jemand im Netz fertigmachen wollte. Jedes vierte Kind.

Warum ausgerechnet wir das Problem am allerwenigsten im Griff zu haben scheinen, kann so genau niemand erklären. Das Bundesamt für Statistik stammelt etwas von unglücklichem Erhebungszeitraum, andere meinen, man sehe nunmal einfach die niederen Instinkte aufploppen, die sowieso schon da sind, Dritte geben der Anonymität im Netz die Schuld. Einig scheinen sich alle darin zu sein, dass das Problem da ist. Aber keiner so recht etwas dagegen tut.

Dieser Meinung war auch Alexander Mazzara vom Zürcher Start-Up Silenccio, als er 2016 die USA bereiste, ein paar Mal falsch parkierte - und jedes Mal eine Busse erhielt, obwohl er mit seinem falschen Parkieren niemandem direkten Schaden zugefügt hatte.

Und gleichzeitig sah er zu, wie in Online-Foren und auf Social-Media-Plattformen Menschen psychisch für immer kaputt gemacht wurden, in die Ecke gedrängt und mundtot gemacht, und keiner, der dafür bezahlen müsste. Zurück in der Schweiz war die Idee, gegen Cybermobbing vorzugehen, geboren. Eine Idee, die nett klingt. Und auch hoch skalierbar ist.

Übernehmen Versicherungen nun das, was Gesellschaft und Politik bisher nicht geschafft haben? Menschen vor Hass im Netz zu schützen?

5000 zahlende Kunden, noch kein Gerichtsfall

Silenccio wurde 2017 gegründet und kam 2018 mit einer Plattform gegen Cybermobbing auf den Markt. 2019 beteiligte sich die AXA an dem noch jungen Startup. Das Unternehmen ist mit diesem Fokus auf Sicherheit im Netz schon lange nicht mehr alleine: Alle grossen Schweizer Versicherungen bieten auf die eine oder andere Art Schutz vor Cyberkriminalität. Viele bieten auch Versicherungsschutz, wenn es um Cybermobbing geht. Sprich: Deckung etwaiger Gerichtskosten und Kosten für psychologische Betreuung.

AXA und Silenccio gehen jedoch noch einen Schritt weiter und suggerieren: Wir kümmern uns um das Problem, bevor es zu gross wird. Per Algorithmus wird das Internet in regelmässigen Abständen nach Kommentaren und Posts abgesucht, die für den Kunden problematisch werden könnten.

Und lässt den Versicherten wissen, wenn etwas droht, ausser Kontrolle zu geraten. Entsprechende Anfeindungen werden abgemahnt, angezeigt, etwaige Gerichtskosten getragen. Rund 5000 Kunden zahlen Prämie.

Katrin Sprenger, CEO von Silenccio, sitzt an einem verregneten Tag im September im Sitzungszimmer eines verwaisten Reisebüros, bei dem das Start-Up eingemietet ist, und sagt: «Glücklicherweise konnte bislang vieles ohne Gericht gelöst werden – eine offizieller Brief bringt manche Leute zur Räson. Aber natürlich wird es in Zukunft auch Gerichtsfälle geben, damit rechnen wir.»

Politiker und religiöse Figuren werden nicht versichert

Es ist das Kerngeschäft von Versicherungen: Absicherung gegen eine Bedrohung, die in den allermeisten Fällen gar nie eintrifft. Sie ist mehr eine mentale Stütze als etwas, das man wirklich täglich braucht. Und suggeriert den Kunden ein Stück Kontrolle über etwas, das gar nicht kontrollierbar ist.

Damit bewegen sich Versicherungen im Bereich des Cybermobbings auf einem ethisch heiklen Terrain. Denn ausgerechnet diejenigen Personen, die am stärksten von Hass im Netz betroffen sind, werden gar nicht erst versichert. Zu dieser Kategorie gehören bei der AXA Politikerinnen und Personen, die öffentliche, religiöse Ämter bekleiden.

Und Leute wie Jolanda Spiess-Hegglin. Der Algorithmus von Silenccio hat trotzdem mit ihr gearbeitet. Sie hat dem Unternehmen ihre Hass-Postings zur Verfügung gestellt, damit das System daran lernen kann.

Private Chaträume sind vom Monitoring ausgeschlossen

«Politiker erhalten fast täglich beleidigende Kommentare. So schlimm der Fakt an und für sich ist, ein Versicherungsmodell funktioniert einleuchtenderweise nur bei Vorfällen, die selten passieren, sich der Versicherte in diesem Moment aber eben absichern möchte», sagt Sprenger.

Privatpersonen und Influencer würden versichert. Dort sei der Wirkungskreis überschaubar. Und einigermassen voraussehbar, wann und warum ein Shitstorm kommen könnte. Beispielsweise, wenn ein Influencer über Fleisch schreibt. Oder die falsche Handcrème benutzt.

Die Grenzen sind nicht nur bei den zu versichernden Personen eher eng gesteckt, sondern auch in Punkto automatisiertem Monitoring. Denn: Es funktioniert nur auf Plattformen wie Facebook oder in Internet-Kommentarspalten. Private Nachrichten sind ausgenommen, ebenso Instagram und Tiktok oder Whatsapp.

Ausgerechnet die Orte also, wo Klassenchats ausser Kontrolle geraten können. Oder Frauen von Exfreunden bedroht. «Wir wollen gar nicht in diese Räume eindringen. Privat ist und soll auch weiterhin privat bleiben», sagt Sprenger. «Und ich zweifle auch daran, ob Nutzerinnen und Nutzer erlauben würden, dass ein Dritter regelmässig alle ihre privaten Nachrichten liest.»

Die Versicherungen können aber mit Screenshots arbeiten, die Kundinnen und Kunden ihnen zukommen lassen. Am Kunden vorbei arbeiten sei jedoch nicht möglich. In jedem Fall wird er mit den Inhalten konfrontiert - schon allein deshalb, weil der Kunde selbst den Kontext als problematisch oder unproblematisch einstufen muss. Dass das psychisch sehr belastend sein kann, ist augenscheinlich.

Auch deshalb ist klar: Versicherungen allein werden Cybermobbing nicht verhindern. Viele Aktivistinnen und auch Politiker sind sich einig, dass es auf institutioneller Ebene klarere Zeichen gegen die Willkür im Netz braucht. Es gehe um ein Umdenken in der Gesellschaft, und eine klarere Nulltoleranz gegenüber Gewaltandrohung, sagt Jolanda Spiess-Hegglin vom Verein Netzcourage. Offline und Online.

Und Sprenger meint: «Wir haben die Wahl, wie wir auf Hass im Netz reagieren. Denn es ist eine kleine Minderheit, die systematisch diffamiert. Und eine grosse Mehrheit, die sich nicht klar gegen diese Dynamiken positioniert. Weil jeder Angst hat, der Nächste zu sein. Schauen wir weg, sind wir de facto aber auch Mittäter.»

Cyberversicherungsmarkt: Enormes Wachstum prognostiziert

Bis wir gesellschaftlich einen Schritt weiter sind, wird der Versicherungsmarkt für Cybersicherheit weiterwachsen. Jetzt noch ein Nischenprodukt, rechnen Expertinnen mit rasantem Wachstum.

Laut einer Studie von KPMG soll der Cyberversicherungsmarkt bereits in 15 Jahren der grösste sein - grösser noch als der Versicherungsbereich Motorfahrzeuge. Die Studie schätzt, dass das Prämienvolumen in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der Cyber-Sparte bis 2036 auf über 26 Milliarden Euro steigen wird.

«Die grossen Risiken der heutigen Zeit finden zunehmend im digitalen Raum statt», sagt Versicherungsexperte Martin Eling von der Universität St. Gallen. Das ganze Thema habe für Versicherer eine grosse Bedeutung. Der Zugang über die Emotionen des Kunden sei nicht neu - doch der Trend gehe nun tatsächlich in Richtung ganzheitliches Abdecken.

Mit dem Hashtag #zerohate wirbt Silenccio für seine Dienste. Zero Hate - null Hass. Noch gibt es keine Beratungsstelle in der Schweiz, die auf Cybermobbing spezialisiert wäre. Eine Parlamentarische Initiative will Cybermobbing als Straftatbestand festschreiben, eine Motion verlangt eine nationale Social-Media Kampagne gegen Mobbing und Cybermobbing bei Kindern und Jugendlichen. Alles noch pendent. Bis dahin schwemmen Hassposts weiter das Internet.

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