Berufsbildung
Jeder Zehnte ohne Lehre: Die Schwachstellen des Schweizer Erfolgsmodell

Die Berufslehre ist ein Exportschlager. Selbst die USA streben mit der Schweiz ein Abkommen über die Berufsbildung an. Trotz des Erfolges: Das hiesige Berufsbildungssystem hat auch seine Schwachpunkte. Nur reden tut man nicht gerne darüber.

Doris Kleck
Merken
Drucken
Teilen

KEYSTONE

Das schweizerische Bildungssystem

Das schweizerische Bildungssystem wird in drei Stufen gegliedert. Die obligatorische Schulzeit endet mit einem Abschluss der Sekundarstufe I. Danach folgt entweder der direkte Einstieg ins Erwerbsleben mit einer Lehre (mit oder ohne Berufsmaturität) oder eine allgemeinbildende Schule wie das Gymnasium oder eine Fachmittelschule. Diese Ausbildungen fallen unter den Begriff Sekundarstufe II. Zur Tertiärstufe schliesslich gehören die Ausbildungsgänge an den Universitäten, Fachhochschulen und der höheren Berufsbildung. (dk)

Tempi passati. Seit 2009 geht die Zahl der Schulabgänger zurück. Und der Wirtschaftsmotor brummt. Die Vorzeichen haben sich also gekehrt. Von der Lehrlingslücke ist nun die Rede. Gleichzeitig erlebt die Berufsbildung eine eigentliche Hausse. Sie wird verantwortlich gemacht für die tiefe Jugendarbeitslosigkeit und steht als Treiber für Innovation. Ausländische Delegationen reichen sich die Türklinke beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), um sich über die Berufslehre zu informieren.

Zahlen und Fakten

79700 Jugendliche haben 2013 eine berufliche Grundausbildung begonnen. In der Schweiz wählen rund zwei Drittel der Schulabgänger den Weg der Lehre. Zur Auswahl stehen rund 250 Berufe.

12642 Schulabgänger haben 2012 eine Lehre als Kaufmann/-frau in Angriff genommen. Es war der am meisten gewählte Beruf. Danach folgten Detailhandelsangestellte und Fachangestellte Gesundheit.

8500 Lehrstellen blieben 2013 unbesetzt. Und trotzdem wählten 16 500 Schulabgänger ein sogenanntes Brückenangebot: Sie fanden entweder keine Lehrstelle oder waren für die Berufswahl noch nicht bereit. Der Bund hat sich zum Ziel gesetzt, die Jugendlichen früher und ohne Umwege ins Berufsleben zu integrieren.

Migranten im Nachteil

Unbestritten ist, dass die Integration von schulisch Schwächeren in den Arbeitsmarkt in einem dualen System besser gelingt als in einem hauptsächlich akademisch geprägten. Doch selbst in der Schweiz hat jeder zehnte 25-Jährige keine Ausbildung nach der obligatorischen Schulzeit absolviert, hauptsächlich, weil die Lehre abgebrochen wurde.

Die regionalen Differenzen sind dabei gross: In der Romandie liegt die Zahl dieser «Ausbildungslosen» bei 16, im Tessin bei 6 Prozent. Auffallend hoch ist zudem der Anteil der Migranten: Für 16 Prozent der Secondos und 29 Prozent der Ausländer der ersten Generation endet die Ausbildung nach der 9. Klasse. Entscheidend ist dabei aber weniger der Pass, sondern die Bildung der Eltern.

Der Abschluss einer Berufslehre oder des Gymnasiums wird als Basis für den Eintritt ins Erwerbsleben betrachtet. Véronique Polito, Zentralsekretärin beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, spricht deshalb von einer «sozialpolitischen Zeitbombe». Zwar ist der Wert von 10 Prozent seit Jahren stabil, doch der Wert ist im internationalen Vergleich nicht mehr aussergewöhnlich tief, die OECD-Länder haben aufgeholt: «Die Schweiz befindet sich im internationalen Durchschnitt», sagt Bildungssoziologe Thomas Meyer.

Polito geht zudem davon aus, dass sich die Situation für die Ausbildungslosen in den nächsten Jahren zuspitzen wird, weil die Ansprüche an die Qualifikationen weiter steigen. Die Industrien mit grossen Produktionsstätten sind längst passé.

Bundessubventionen laufen aus

Bund und Kantone sind sich des Problems bewusst. Ein nachobligatorischer Abschluss sei für die berufliche und soziale Integration von «höchster Bedeutung». 2011 haben sie deshalb die Steigerung der Ausbildungsquote als Ziel definiert: Bis 2020 sollen 95 Prozent der Schulabgänger eine weitere Ausbildung absolvieren.

Einige Kantone wie Basel-Stadt oder Bern haben dieses Ziel bereits erreicht. Hilfreich war dabei einerseits die demografische Entwicklung. Andererseits aber auch die Einführung der Lehre mit Berufsattest. Mittlerweile wählen zehn Prozent der Schulabgänger diesen Weg. Experten sprechen deshalb davon, dass die Verbesserung der Ausbildungsquote auch dank diesem «Downgrading» erreicht wurde. Wie nachhaltig die Attestlehre ist, müsse sich erst noch zeigen, sagt Meyer.

Hilfreich war überdies die Einführung des sogenannten «Case Management», um gefährdete Jugendlichen beim Übergang von der Schule ins Erwerbsleben individuell zu unterstützen. Beim Gewerkschaftsbund fürchtet man nun aber, dass genau diese Bemühungen zurückgefahren werden. Denn Ende dieses Jahres laufen die Bundessubventionen aus und die Finanzierung wird alleine den Kantonen überlassen. Viele von ihnen stehen aber unter Spardruck: Der Kanton Schwyz hat bereits verlauten lassen, dass er das Case Management aufgibt. Andere Kantone könnten folgen, befürchtet der SGB.

Die Befürchtungen werden verstärkt durch die Prioritätensetzung beim Bund. Dort steht die Stärkung der Berufsmaturität und der höheren Berufsbildung zu- oberst auf der Traktandenliste. «Die tertiäre Ausbildung ist auch wichtig. Doch man darf die Basis nicht vergessen, sonst verschärfen wir das Problem der Arbeitslosigkeit», sagt Polito.

Zu spezialisiert?

Soziologe Meyer beurteilt die Situation nicht nur für die Ausbildungslosen als problematisch: «Es gibt Berufsabschlüsse, die können aufgrund eines arbeitsmarktlichen Strukturwandels rasch ‹entwertet› werden.» Für die Betroffenen könne damit die Situation trotz abgeschlossener Berufsausbildung kritisch werden. Als Beispiel aus der Vergangenheit nennt Meyer Berufe des Druckgewerbes.

Entscheidend für ihn ist deshalb die Fähigkeit zur Weiterbildung. Dafür sei aber ein solider Grundschulsack notwendig: «In der Berufsbildung würde man gut daran tun, mit Investitionen in die Allgemeinbildung grosszügiger zu sein», sagt Meyer. Diese Forderung hören die Verfechter der Berufsbildung nur ungern. Es ist mit ein Grund, weshalb Polito sagt: «Es ist ein Problem, dass man nicht über die Probleme des Berufsbildungssystems reden darf.» Doch nur so könne man es weiterentwickeln. Denn das Umfeld, siehe Eingang, ändert sich rasch.