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Bewegungsdaten zeigen, dass der Appell des Bundesrates nicht in allen Bereichen wirkt. Dabei wäre zu Hause bleiben, jetzt wichtig.
Von zu Hause aus arbeiten und möglichst auf Reisen verzichten: Das propagiert der Bundesrat seit dem 19. Oktober wieder dringlicher. Die Überlegung dahinter: Wer zu Hause bleibt, verhindert Begegnungen auf dem im Zug, im Büro oder im Flugzeug. Und weniger Begegnungen bedeuten weniger Ansteckungsmöglichkeiten mit dem Coronavirus.
Neue Zahlen des Corona-Mobilitätsmonitorings, das die Firma Intervista im Auftrag der Science Task Force, des Kantons Zürich und der Konjunkturforschungsstelle erhebt zeigen: Der Aufruf des Bundes wird nur zögerlich befolgt.
Peter Moser ist Vizechef des statistischen Amtes des Kantons Zürich und mitverantwortlich für die Bewegungsstudie. Er sagt: «In den Bewegungsdaten sieht man, dass die Homeoffice-Empfehlung und die Massnahmen des Bundesrates noch nicht massiv eingeschlagen haben.» Die Mobilität nehme zwar seit Mitte September langsam ab. Es gebe aber noch keinen tiefen Einschnitt.
Die rund 2500 Studienteilnehmer stammen aus allen Regionen der Schweiz und sind im Alter von 15 bis 79 Jahren. Die per Smartphone übermittelten Daten zeigen, dass sie sich diesen Donnerstag im Durchschnitt um zwölf Kilometer von ihrem Zuhause entfernten. Zum Vergleich: Der Bewegungsradius der gleichen Gruppe betrug am Donnerstag 26. März, also zehn Tage nach Beginn des Lockdowns, sechs Kilometer.
Die Bevölkerung war damals also rund halb so viel unterwegs wie heute. Statistiker Moser erklärt den Unterschied mit den Geschäften, die offen haben. Als im März fast alle Läden (Coiffeure, Blumengeschäft, etc.) und die ganze Gastronomie zu waren, blieb auch das entsprechende Personal zuhause. Zudem waren auch die Schulen eine Zeit lang zu.
Es zeigt sich ein Muster. Der Appell zur Heimarbeit zeigt zwar etwas Wirkung. Viel grösser ist aber der Effekt von realen Einschränkungen. Das sieht man etwa am Bewegungsrückgang der Jungen an Freitagen und Samstagen, sobald Beschränkungen und Maskenpflicht erlassen und schliesslich die Clubs geschlossen wurden.
Die Distanz, welche die 15 bis 29-Jährigen an einem Freitag zurücklegen, sank seit Mitte September um rund 10 Kilometer.
Ein anderes Bild zeigt sich bei den Pendlern. Die Bewegungsstudie von Intervista erfasst auch, wie viele Studienteilnehmer, die normalerweise ausserhalb der eigenen vier Wände arbeiten, im Moment noch Pendeln. Vor der Coronakrise lag die Zahl der Pendler täglich bei 50 Prozent. (Dass die Zahl auch im Normalzustand so tief ist, liegt an den Teilzeitbeschäftigten.) Während des Lockdowns halbierte sich die Zahl der täglichen Pendler auf einen Viertel.
Im Sommer, als der Lockdown aufgehoben und die Fallzahlen tief waren, pendelten täglich wieder rund 40 Prozent. Dieser Anteil ist seit der Homeofficeempfehlung kaum gesunken. Er lag am Donnerstag bei 39 Prozent. Martin Ackermann, Präsident des wissenschaftlichen Corona-Beratungsgremiums (Science Task Force) zeigte sich am Freitag denn auch wenig erfreut über die Zahl der Pendler.
In den sozialen Medien beschweren sich indes Angestellte darüber, dass die Homeoffice-Empfehlung nicht bindend sei. Ihre Vorgesetzten würden dem Appell nicht nachkommen.
Die Mobilität der Bevölkerung spielt eine wichtige Rolle, bei der Verbreitung des Virus. So zeigte ein Forschungsteam der «Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health» in einer Studie, dass Ballungsgebiete, in denen mehrere Städte durch wirtschaftliche, soziale Faktoren und Pendlerströme eng miteinander verbunden sind, am anfälligsten für Ausbrüche der Pandemie sind.» Zu diesem Schluss kamen sie nach der Analyse von 913 städtischen Gebieten in den USA. Die Konstellation von mehreren Verbunden Städten erwies sich als anfälliger für die Verbreitung des Virus als dicht besiedelte Gebiete mit weniger Verbindungen zu anderen Ballungsräumen.
Dass an den Erkenntnissen der US- Forscher etwas dran sein könnte, zeigte sich auch in Deutschland, wo etwa der Osten viel weniger stark vom Ausbruch des Virus betroffen ist, als das Bundesland Nordrhein-Westfalen. Die Ostmetropolen Dresden und Leipzig sind viel wenige miteinander verbunden als etwa Köln und Düsseldorf.
Wer einmal am Morgen im Zug von Zürich nach Bern sass, weiss, dass auch Schweizer Städte eng verbunden sind. Rund 20 Prozent der Pendler verlassen fürs Arbeiten ihren Heimatkanton. Der von den Forschern skizzierte Intercity-Effekt dürfte also auch in der Schweiz eine Rolle spielen.