Strafverfahren

«In der Fifa ist Panik ausgebrochen»: Strafrechtsprofessor Mark Pieth reagiert auf Attacke

Unter Druck schiesst er aus allen Rohren: Gianni Infantino.

Unter Druck schiesst er aus allen Rohren: Gianni Infantino.

Fifa-Boss Gianni Infantino lässt wegen des Strafverfahrens aus vollen Rohren gegen seine Kritiker schiessen.

«In der Fifa unter Gianni Infantino ist offensichtlich Panik ausgebrochen», sagt der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth (67) gegenüber CH Media. Anders sei es kaum zu erklären, dass der Weltfussballverband «einen harmlosen Professor derart angreift.»

Der Anti-Korruptionsexperte bezieht sich auf eine Stellungnahme, die die Fifa unter Boss Gianni Infantino am Sonntagmorgen verschickt hat. Darin verlinkt der Weltfussballverband einen Zeitungsartikel, den er wohl selbst initiiert hat. Der Artikel ist ein Angriff auf Strafrechtsprofessor Pieth, der in den letzten Monaten kritisch mit Fifa-Boss Infantino und seinen Umtrieben ins Gericht ging. Und das von der Fifa verschickte Communiqué spitzt den Angriff noch zu und führt ihn aus.

Strafrechtsprofessor Mark Pieth.

Strafrechtsprofessor Mark Pieth.

Der Tenor darin lautet: Pieth ist nicht unabhängig, also hat seine Kritik am grossen Vorsitzenden Infantino keine Bedeutung.

Die Geschichte, die der «Fussball-Chef» des «Sonntags-Blicks» publizierte, wird von Getreuen des Fifa-Chefs seit Jahren herumgeboten. Darin wird dem Strafrechtsprofessor Pieth vorgeworfen, er habe einst Millionen kassiert für seine Arbeit als Vorsitzender der Fifa-Reformkommission in den Jahren 2011 bis 2013. «2,5 Millionen Franken für nichts», so der Titel des Textes. Mit der Reform wollte Auftraggeber Sepp Blatter der Fifa damals zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen.

Infantino schickt Vertrauten Bell vor

Infantinos alter Vertrauter Alasdair Bell, Vize-Generalsekretär der Fifa, doppelt in der Fifa-Verlautbarung nach mit Kritik am Strafrechtsprofessor: «Herr Pieth und das Basel Institute on Governance haben von der FIFA unter der Leitung von Sepp Blatter Millionen an Honoraren kassiert». Haudegen Bell, der schon bei der Uefa mit Infantino arbeitete, leitet daraus die Behauptung ab, dass der Schweizer Strafrechtsexperte von Weltruf nicht unabhängig sei.

Der Hintergrund des Infantino-Angriffs auf Pieth ist das Strafverfahren wegen möglicher Anstiftung zu Delikten, das der Fifa-Chef wegen seiner ominösen «Schweizerhof»-Treffen mit Bundesanwalt Michael Lauber am Hals hat. Am Anfang des Strafverfahrens gegen Infantino stand der ehemalige Basler Staatsanwalt und Polizeikommandant Markus Mohler, der in einem Interview mit CH Media die Fragen aufwarf, die jetzt vom ausserordentlichen Staatsanwalt untersucht werden. Mohler und Pieth kennen sich seit Jahren, von der Uni Basel her und Mohlers Zeit als Polizeikommandant. Jetzt wittert Infantino offenbar eine Basler Verschwörung.

Nach Mohlers Interview in CH Media wurden mehrere Strafanzeigen eingereicht. Derzeit untersucht der ausserordentliche Staatsanwalt des Bundes Stefan Keller, ob es insbesondere bei einem Treffen, an das sich keiner von vier oder fünf Teilnehmern mehr erinnern will, zu Delikten wie Begünstigung oder Amtsgeheimnisverletzung kam. Das nicht protokollierte Treffen fand im Luxushotel Schweizerhof statt, dass dem Staatsfonds von Katar gehört.

Im Hinblick auf seine Verteidigung hat Infantino seine Medienarbeit massiv verstärkt, namentlich hat er eine Presseverantwortliche aus Deutschland engagiert, die sehr aktiv den Kontakt mit Journalisten sucht.

Sollen Sitz doch nach Katar verlegen, ätzt Pieth

Infantino muss befürchten, wegen des Strafverfahrens als Fifa-Präsident suspendiert zu werden wie sein Vorgänger Blatter, womit er seinen Job los wäre. Schon Anfang Woche ging er via seinen alten Vertrauten Bell in die Gegenoffensive, der den ausserordentlichen Staatsanwalt des Bundes angriff und das Strafverfahren als «absolut unfair» taxierte.

Wenn der Fifa und Infantino der Schweizer Rechtsstaat nicht passe, solle sie ihren Sitz doch nach Katar oder ähnlich verlegen, ätzt Pieth. In ein Land, das ihrem Rechtsempfinden offenbar eher entspreche.

Zurück zum Angriff auf Pieth: 2,5 Millionen kostete die Arbeit der Reform-Kommission unter Pieth und seinem Basel Institute on Governance, die drei Jahre lang aktiv war. Reisespesen und Honorare inklusive. Ein Dutzend Personen aus aller Welt waren tätig, ihnen wurden, wie Pieth erklärt, für ihre Langstrecken-Flüge Business-Class vergütet. «Ich selbst habe als Lohn gar kein Geld genommen», er habe seinen Lohn ja von der Uni gehabt. Er habe aber Rechnung gestellt, für die Zeit, die er brauchte, und dieses Geld dann wie üblich in die Uni-Kasse überwiesen. Einen Gewinn habe sein Institut mit der FIFA-Reform nicht gemacht. «Das Basel Institute hat den Sekretär und die Medienexpertin unserer Kommission bezahlen müssen.» Daher habe man den effektiven Aufwand verrechnet. Umgekehrt sei es nicht in Frage gekommen, «einer reichen Sportorganisation wie der Fifa Geschenke» zu machen.

Unabhängige Leute wurden kalt gestellt

Den Vorwurf, dass die Reform-Arbeit überhaupt nichts gebracht habe, weist Pieth zurück. Unter anderem weil die Uefa, damals unter Platini und Infantino, Teile wie die Amtszeitbeschränkung blockierte, sei in der Substanz wenig geblieben. «Leider ist von den Reformbemühungen nur noch die Papierform übrig. Aus meiner Sicht wurden sie ausgehöhlt, weil die professionellen und unabhängigen durch abhängige Personen ersetzt wurden», sagt Pieth.

Denn eine der Konsequenzen von Pieths Arbeit waren zunächst kritische Leute an der Spitze der Fifa-Ethikkommission wie der Amerikaner Michael Garcia, der Schweizer Cornel Borbély, der Deutsche Hans-Joachim Eckert. Unter ihnen wurden Sepp Blatter und Michel Platini suspendiert, nachdem die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Blatter eröffnet hatte. Diese Leute hätten durch ihre Amtsführung bewiesen, wie unabhängig sie waren, sagt Pieth. Und der Chefaufseher Domenico Scala «hat einen Lohn für den neuen Präsidenten errechnet, der diesem nicht gefallen hat». Unter Infantino wurden diese Leute aber abgesetzt. «Man hatte Angst vor ihrer Unabhängigkeit», steht für Pieth fest.

Für Gianni Infantino gilt die Unschuldsvermutung.

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