Coronakrise

«Ich will nicht zum Sozialamt, ich will arbeiten» – Corona hat zu Entlassungen geführt, sechs Betroffene erzählen

Stéphane Lhuissier, Lea Dudzik und Daniel Bühlmann (v.l.) durchleben aktuell schwierige Zeiten – die Schuld trägt die Corona-Pandemie.

Stéphane Lhuissier, Lea Dudzik und Daniel Bühlmann (v.l.) durchleben aktuell schwierige Zeiten – die Schuld trägt die Corona-Pandemie.

Tausende haben wegen des Coronavirus ihren Job verloren oder müssen sich neu orientieren. Wie ist es ihnen ergangen? Wir haben sechs Personen getroffen, die ihre Stelle und ihr Einkommen über Nacht verloren haben. Das sind ihre Geschichten.

Die Coronakrise hat am Schweizer Arbeitsmarkt gravierende Folgen hinterlassen, wenn auch weniger einschneidend als in anderen Ländern – vor allem dank der Kurzarbeit.

Trotzdem: Im ersten Halbjahr 2020 verloren 50'000 Personen ihren Job. Laut Staatssekretariat für Wirtschaft waren Ende Juni 150'289 Arbeitslose bei den Arbeitsvermittlungszentren eingeschrieben, 5'709 weniger als im Vormonat. Damit sank die Arbeitslosenquote von 3,4 Prozent im Mai 2020 auf 3,2 Prozent im Juni – trotzdem bleibt die Lage vorerst angespannt. Für das zweite Halbjahr rechnet die UBS mit 75000 zusätzlichen Stellensuchenden. (ks)

Lea Dudzik, Musikerin, 35: «Auswärts essen geht nicht»

Hat jetzt viel Zeit für sich und ihre Gitarre: Musikerin Lea Lu.

Hat jetzt viel Zeit für sich und ihre Gitarre: Musikerin Lea Lu.

Ich wäre gerade in New York, hätte Corona nicht eingeschlagen. Nun wurde mein Atelierstipendium der Stadt Zürich verschoben und ich arbeite in der Schweiz weiter. Ich konzentriere mich nun voll und ganz auf die Produktion meines neuen Albums. Bis um ein, zwei Uhr in der Nacht arbeite ich daran. Es ist schön, mal wirklich Zeit dafür zu haben, für meinen Gesang und meine Gitarre.

Corona hatte auch sein Gutes, es hat mich fokussieren lassen. Die Notwendigkeit, zu reduzieren, hat mehr Klarheit gebracht. Das ist für mich als Künstlerin wertvoll. Wenig Ablenkung war da von dem, was mir wichtig ist. Das war gut für mich. Die finanzielle Situation aber ist schwierig. Ich kann nirgends auftreten, und das wird wohl noch lange so bleiben.

Die Branche kämpft sonst schon ums Überleben, und Corona hat das alles verstärkt. Ich lebe im Moment von der Hälfte meines normalen Einkommens. Ich kann die Miete bezahlen, die Krankenkasse und die Handyrechnung, sonst fast nichts. Auswärts essen geht nicht, alles, was nicht lebensnotwendig ist, kann ich mir nicht mehr leisten. Und ich persönlich bin noch eine von den Glücklicheren. Den meisten meiner Bekannten im Musikbusiness geht es finanziell miserabel. Man sagt, dass bloss ein Dutzend Musikerinnen und Musiker in der Schweiz überhaupt von ihrer Arbeit leben können. Ich finde, das darf nicht sein. Und ich finde, der Bundesrat hat Versprechungen zu schneller und unkomplizierter Hilfe gemacht, die er so für die Branche nicht einhalten konnte.

Die Musikerin kann weiterhin Miete und Handyrechnung bezahlen, auswärts essen liege aber nicht mehr drin.

Die Musikerin kann weiterhin Miete und Handyrechnung bezahlen, auswärts essen liege aber nicht mehr drin.

Die Branche ist sehr divers, jedes Musikerleben anders. Das hat zu Unmengen bürokratischem Hin und Her geführt. Einige erhalten nun ein Taggeld von zwei oder drei Franken. Ich hätte mir für die Freiberuflichen ein überbrückendes Grundeinkommen gewünscht. Meine Hilfszahlungen enden im September. Was dann ist? Ich weiss es nicht.

Junuz Sinanovic, Servicetechniker, 24: «Ich hoffte bis zum Schluss, dass ich bleiben kann»

Junuz Sinanovic möchte sich nicht zeigen. Er arbeitet als Servicetechniker. (Symbolbild)

Junuz Sinanovic möchte sich nicht zeigen. Er arbeitet als Servicetechniker. (Symbolbild)

Dass sich etwas ändern wird, wurde mir im März schon klar. Zuerst hiess es in der Firma, man müsse sich in zwei Gruppen aufteilen, um sich nicht anzustecken. Dann wurde die Arbeit weniger, und im Mai sagte der Abteilungschef dann zu uns: Es könnte sein, dass es zu Änderungen kommt. Ich war 2,5 Jahre bei der Firma Ruggli, als Servicetechniker, eine Vollzeitstelle. Der Job hat mir sehr gefallen, er war abwechslungsreich, ein gutes Team, ich durfte auch internationale Einsätze absolvieren.

Doch Corona hat einen Einbruch gebracht, es wurden kaum mehr Maschinen bestellt. Wir haben nicht mehr die Auftragslage, die wir haben sollten, die Leute behalten das Geld, das sie noch haben, zurück, für die Rettung der eigenen Firma. Investieren will im Moment keiner mehr, die Lage ist unsicher, überall. Wir hatten zu Spitzenzeiten sicher so um die 80 bis 90 Prozent weniger Verkauf. Es gab zehn Entlassungen, und ich war eine davon. Ich habe Ende Mai erfahren, dass ich gehen muss. Per Ende Juli ist alles vorbei. Um ehrlich zu sein, hatte ich bereits damit gerechnet. Weil ich einer der wenig erfahrenen Monteure bin. Aber natürlich hoffte ich bis zum Schluss, dass ich bleiben kann. Doch so ist es jetzt. Und ich habe mich ziemlich schnell damit abgefunden.

Ich nehme die Kündigung mittlerweile ziemlich locker. Ich bin 24 Jahre alt, ich finde sicher etwas Neues. Irgendwo wird man immer gebraucht. Und sonst gibt es ja auch noch das RAV. Wenn ich ein paar Monate arbeitslos bleibe, dann ist das eben so. Ich nehme es pragmatisch. Emotional war die Kündigung für mich nicht. Wohl auch, weil ich mich innerlich bereits gut darauf vorbereitet hatte. Aber natürlich tut es weh, dass man die Leute nicht mehr sieht, die man davor jeden Tag sah. Und all die Spässe, die man zusammen machte.

Jetzt bin ich auf Jobsuche und geniesse nebenbei mein Leben, ich will auch in die Ferien reisen, es gibt ja noch genügend Länder, die nicht auf der Liste stehen, vielleicht gehe ich in die Türkei, oder zurück in die Heimat. Einen Sommer in Bosnien, das hatte ich schon lange nicht mehr.

Anne-Sophie Keller, Journalistin, 30: «Ich habe auf Facebook den Frust gepostet»

Anne-Sophie Keller hat dank Facebook einen neuen Job. Auch sie will sich nicht zeigen. (Symbolbild)

Anne-Sophie Keller hat dank Facebook einen neuen Job. Auch sie will sich nicht zeigen. (Symbolbild)

Vor Corona war mein Leben perfekt. Ich hatte viel Freiheit, ging auf Reisen, lief den Jakobsweg – und dachte, ich mache ihn zu Ende. Doch dann erreichte die Krise auch Galicien und ich musste die letzten 70 Kilometer meines Wegs abbrechen. Am 1. April hätte ich mit einem Dokumentarfilm anfangen sollen, einem grossen Projekt, bei dem ich die Redaktion und Recherche gemacht hätte.

Der Auftrag hätte sicher ein halbes Jahr gedauert, für mich war die 50-Prozent-Stelle eine finanzielle Basis. Daneben wollte ich als Freelancerin weiterarbeiten. Doch sechs Tage vor Start des Projekts kam die Absage vom Sender. Jetzt einen Dokfilm zu machen mit internationalen Reisen ging schlicht nicht. Also fiel alles ins Wasser. Das hat mich zuerst sehr beschäftigt. Es kamen Ängste hoch. So viel Zeit, plötzlich, und kein Anker mehr. Doch ich habe ein grosses Netzwerk, viele Kontakte. Ich habe auf Facebook meinen Frust darüber gepostet, dass der Dokfilm ins Wasser fiel. 16 Minuten nach Absenden des Posts erhielt ich per Messenger ein neues Jobangebot. Ich bin nun bis Ende Jahr bei einem Magazin festangestellt und habe dort mein Pensum aufgestockt. Das gibt mir Halt und eine Struktur. Und ich habe wieder ein Team, was so viel wert ist!

Ich denke aber auch gerne an die Zeit im März zurück. Klar, es herrschte eine grosse Unsicherheit. Aber es eröffneten sich neue Möglichkeiten: Ich hatte plötzlich so viel Zeit. Also ging ich Einkaufen für Nachbarn, habe Leute für Jobs vermittelt oder auch Kinder gehütet – teils unentgeltlich, teils gegen einen Zustupf.

Ich habe mich kurzfristig komplett umorientiert, war nicht mehr länger die Journalistin, sondern einfach ein Teil der Gesellschaft. Das war schön. Ich war eingebunden in die Nachbarschaft, wir haben uns Briefe geschrieben, ein Kollege hat mir den Laptop geflickt. Ich konnte älteren Menschen helfen und vor allem auch Frauen unterstützen, die von der Coronakrise stark betroffen waren. Das hat mir viel gegeben.

Daniel Bühlmann, Chauffeur, 63: «In meinem Alter stellt dich ja auch niemand mehr an»

Daniel Bühlmann wurde mitten in der Coronakrise entlassen.

Daniel Bühlmann wurde mitten in der Coronakrise entlassen.

Mitten in der Coronazeit wurde mir nach 4,5 Jahren gekündigt. Ich fuhr im Auftrag einer Transportfirma für eine Grossbäckerei aus Kloten. Mein Auftrag wurde mir per sofort entzogen. Die Firma hatte aber noch genügend Zeit, sich für Kurzarbeit anzumelden, den Coronakredit des Bundes zu kassieren und einen neuen Bus anzuschaffen. Und ich, 63 Jahre alt, stehe jetzt ohne Job da.

Ich habe in der «Aargauer Zeitung» eine Annonce geschaltet, weil ich hoffte, dass es anderen auch so geht und wir zusammen vielleicht etwas auf die Beine stellen können. Alleine kommst du gegen solche Systemprobleme ja gar nicht an. Und mit 63, in diesem Alter, stellt dich ja auch niemand mehr an.

Ich bin ursprünglich gelernter Schriftsetzer, aber den Beruf gibt es nicht mehr, da bliebe mir theoretisch jetzt nur noch die Selbstständigkeit oder das Sozialamt. Aber wissen Sie, nach 45 Jahren im Arbeitsleben will ich nicht zum Sozialamt, ich will arbeiten. Ich bin ja nicht der Einzige, der das so erlebt.

Es ist egal, mit wem du sprichst, sie sagen alle: Gehen Sie zum Sozialamt. Aber ich will mein Geld nicht geschenkt. Ich habe seit bald zwei Monaten nichts zu tun, und mir ist stinklangweilig. Die Situation ist trostlos. Ich habe ja auch nicht das Geld, ständig etwas zu unternehmen. Mir wäre bereits mit wenig geholfen, ich muss ja nicht 6000 Franken im Monat verdienen wie ein Familienvater, es müsste einfach zum Leben reichen.

Haben Sie gehört, dass ein Politiker während der Coronazeit auf etwas verzichtet hätte? Da oben in seinem Sessel, mit vollem Gehalt, merkt der doch gar nicht, wie es den Menschen hier unten wirklich geht. Der hat eine ganz andere Lebensrealität. Der sagt dann Dinge wie, dass die reiche Schweiz sich die Coronakrise leisten kann. Natürlich, die Statistiken sagen das. Aber meine Realität sieht anders aus, das kann ich Ihnen sagen.

Claudia Stebler, Goldschmiedin, 50: «Manchmal konnte ich nicht mehr schlafen»

Das Goldschmied-Business ist derzeit hart.

Das Goldschmied-Business ist derzeit hart.

Ich bin Goldschmiedin, da ist es wichtig, nebenbei noch ein Grundeinkommen zu generieren, und ich mag es, Lehrerin zu sein. Ich war deshalb seit acht Jahren für die Klubschule Migros tätig, habe dort Goldschmiedekurse geleitet, zuerst in einem Pensum von 20 Prozent, danach reduziert.

Meine Kurse waren immer gut besucht, nie gab es Probleme. Doch dann kam Corona, und die Anmeldungen blieben aus. Ist doch klar, die Leute hatten Angst, man bucht ja nicht einfach Kurse in der Krise. Und so hatte mein Kurs nicht die benötigte Anzahl Teilnehmende. Der Kurs fiel aus, und die Schule hielt es nicht für nötig, mir das Honorar zu zahlen. Das hat mich sehr getroffen und menschlich enttäuscht. Juristisch ist alles korrekt gelaufen, ich hatte einen entsprechenden Vertrag, im Stundenlohn bezahlt und nur dann, wenn sich genügend Leute für die Kurse interessieren.

Aber ich finde: Corona war anders, das war eine Notsituation, das hat ein ganzes Land getroffen. Ich hätte erwartet, dass die Migros mir den Kurs bezahlt, auch wenn keiner kommt. Weil sie ja auch wussten, dass jeder meiner Kurse sonst immer stattgefunden hat. Meine Rechtsschutzversicherung klärt nun für mich ab, ob sich da noch was machen lässt. Sie haben mir zwar angeboten, mich finanziell zu unterstützen, wenn meine Existenz bedroht ist – doch so krass ist meine Situation ja nicht. Das heisst aber nicht, dass ich nicht verletzt bin. Und mich nun neu orientieren musste.

Claudia Stebler sieht von der Migros Klubschule (hier diejenige in Olten) kein Geld. (Symbolbild)

Claudia Stebler sieht von der Migros Klubschule (hier diejenige in Olten) kein Geld. (Symbolbild)

Manchmal hat mich das so belastet, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Ich habe die an sich für mich belastende Situation nun dazu genutzt, mich vollumfänglich in die Selbstständigkeit zu stürzen. Jetzt hoffe ich, dass alles gut kommt und ich genügend Aufträge habe. Und vielleicht werde ich selbst Kurse anbieten.

Stéphane Lhuissier, Chef de Rang, 49: «‹Du musst nicht wiederkommen›, hiess es»

Hat am Telefon von seiner Kündigung erfahren: Stéphane Lhuissier.

Hat am Telefon von seiner Kündigung erfahren: Stéphane Lhuissier.

Ich habe ein Jahr als Chef de Rang gearbeitet, in einem Fünfsternehotel in Zürich, mitten in der Stadt. Ich habe mich um die VIP-Kunden einer Grossbank gekümmert. Ich liebe meine Arbeit, ich weiss, was die Gastronomie braucht und habe viel Erfahrung. Ich bin seit 28 Jahren in meinem Beruf, habe ein Diplom der Hotellerie Française, spreche vier Sprachen. Ich sage das alles, weil ich zeigen will, dass diese Arbeit mir wichtig ist. Das ist nicht einfach ein Sommerjob für mich, das ist ein Teil meines Lebens.

Ich wurde im März plötzlich krank, ich war sehr müde. Ich wäre am Anfang nie auf die Idee gekommen, dass es Corona sein könnte, ich blieb einfach zu Hause und wollte mich auskurieren. Ich war täglich mit meinem Chef in Kontakt. Sie sagten mir, ich solle das abklären lassen, den Arzt anrufen. Das habe ich dann getan, während des Shutdowns. Der Arzt stufte alles als unproblematisch ein. Und mein Chef erkundigte sich regelmässig und fragte nach mir und meiner Gesundheit, ich schickte die Arztzeugnisse als Bestätigung. Es schien alles ganz normal.

Ich hätte am 1. April wieder anfangen sollen, doch plötzlich sagte mein Chef am Telefon: Du musst nicht wiederkommen. Per Einschreiben wurde mir die Kündigung nach Hause geschickt. Sie zahlten mir noch zwei Monate mein Gehalt. Letzte Woche hatte ich nun mein erstes Treffen beim RAV, fast zwei Monate seit meiner Arbeitslosigkeit. Sie sagten, sie hätten so viel zu tun, dass es für einen Termin nicht eher reichte.

Immerhin: Stéphane Lhuissier hat bereits wieder Aussicht auf eine neue Stelle.

Immerhin: Stéphane Lhuissier hat bereits wieder Aussicht auf eine neue Stelle.

Ich habe Karriere gemacht in Paris, aber ich bin fast 50 Jahre alt, und die Wahrheit ist doch: Sie suchen alle nur noch Frauen oder junge Männer, zwischen 20 und 35 Jahre alt. Schauen Sie sich die Annoncen an, ich falle da komplett durch. Doch ich versuche, positiv zu bleiben, ich mache Recherchen, ich suche einfach weiter und mache mir keinen Druck. Ich halte jetzt auch in anderen Bereichen nach einer Stelle Ausschau, in der Reinigung, als Chauffeur. Mittlerweile habe ich sogar erste Aussichten auf etwas Neues.

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