Diskriminierungsgesetz

«Ich habe nie damit gerechnet, dass so eine Abstimmung zu meinen Lebzeiten durchkommt»

Ernst Ostertag (im Bild) und sein langjähriger Partner Röbi Rapp waren das erste homosexuelle Paar in der Schweiz, das ihre Partnerschaft am 1. Juli 2003 eintragen liess. Nun ist er überglücklich über das Abstimmungsresultat zum Diskriminierungsgesetz.

Ernst Ostertag (im Bild) und sein langjähriger Partner Röbi Rapp waren das erste homosexuelle Paar in der Schweiz, das ihre Partnerschaft am 1. Juli 2003 eintragen liess. Nun ist er überglücklich über das Abstimmungsresultat zum Diskriminierungsgesetz.

Ernst Ostertag, der bekannteste Schwulenaktivist der Schweiz, erlebt mit der Annahme des Diskriminierungsgesetzes «ein starkes neues Stück» der Schwulengeschichte. Am Abstimmungssonntag erzählt er im Gespräch, warum er an dieses Resultat geglaubt hat und wieso er die Gegner nie verurteilen würde.

Herr Ostertag, vor kurzem feierten Sie Ihren 90. Geburtstag. Ist das Abstimmungsresultat nun ein verspätetes Geschenk an Sie?

Ernst Ostertag: Das ist es! Und es ist das schönste Geschenk, das man mir zu meinem 90. Geburtstag machen konnte. Ich bin heute am Abstimmungsmorgen aufgestanden und war ziemlich angespannt. Ich war mir nicht sicher, ob das Gesetz angenommen wird. Denn so viele Menschen sind heimlich gegen uns – da weiss niemand, was schliesslich in die Urne geworfen wird. Doch als ich am Mittag hier in Bern angekommen bin, war ich überwältigt von den vielen jungen Menschen, die so enthusiastisch waren und keinen Zweifel daran hatten, dass wir die Abstimmung gewinnen werden.

Woher kommt diese Skepsis? Die Umfragewerte wiesen im Vorfeld doch auf eine Annahme hin.

Wissen Sie, ich bin ein gebranntes Kind. Ich habe in dieser Hinsicht viele Enttäuschungen erlebt. Deshalb bin ich etwas vorsichtig. Ich lasse mich lieber positiv überraschen. Natürlich stieg meine Freude dann auch an, als die Resultate reinkamen und jetzt ist sie vollkommen. Ich habe mir gewünscht, dass das Endresultat über 60 Prozent liegt – einiges darüber, nicht so, wie bei der Abstimmung zum Partnerschaftsgesetz 2005.

Hätten Sie damals gedacht, dass im Jahr 2019 noch ein Referendum gegen das Diskriminierungsgesetz ergriffen wird?

Im Gegenteil! Ich habe nie damit gerechnet, dass es zu meinen Lebzeiten eine solche Abstimmung überhaupt geben würde. Ich erlebte ja mit, als das Thema Homosexualität noch ein Tabu war, über das man nie hätte sprechen können. Es war total verdrängt, verklemmt und verschroben.

Irgendwann wurde das Tabu gebrochen und man sprach darüber. Können Sie sich daran erinnern?

Der Auslöser dafür war vor allem die grauenvolle Aidskrise in den 1980er Jahren. Diese hat bewirkt, dass man über Sexualität und sexuelles Verhalten sprechen musste. Die Eltern waren gezwungen, mit ihren Kindern darüber zu sprechen, wenn sie sie vor der Krankheit schützen wollten. Also hat man zwangsweise auch über gleichgeschlechtlichen Sex sprechen müssen. Auf einmal wurden Schwulenverbände gebeten, mit dem Gesundheitsdienst des Staates zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit sollte verhindern, dass eine Epidemie ausbricht.

Hat das ein Umdenken bewirkt?

So viele Menschen sind in der Aidskrise jung gestorben. Den Leuten wurde dann klar, dass sie eigentlich nichts anderes gemacht hatten als alle anderen auch: Sie hatten Sex. Und dann sahen diese Leute mit an, wie alle wegstarben. Das hat zu mehr Solidarität geführt.

Hat sich dieses Umdenken auch in der Politik gezeigt?

1992 wurde die Volksabstimmung zur Revision des Strafgesetzbuches mit über 60 Prozent angenommen. Später, 1999, wurde der Diskriminierungsartikel so angepasst, dass man Menschen auch nicht aufgrund der Lebensform diskriminieren darf. Aus den Diskussionen wurde klar, dass damit auch gleichgeschlechtliche Lebensformen gemeint sind.

Wie sich herausgestellt hat, reichte das nicht.

Genau. Diese Korrektur hat rechtlich nicht wie gewünscht gewirkt. Sie war zu unexplizit. Daraus resultierte die heutige Abstimmung. Ich bin nun ausserordentlich glücklich, dass wir nun den Schutz haben, wie er eigentlich schon lange in der Verfassung steht. Das ist ein starkes neues Stück in der Geschichte der Gleichberechtigung. Wir haben heute einen guten Grundstein gelegt und den Weg bereit.

Wohin führt dieser Weg?

Als nächstes gilt es diese Gleichberechtigung auch bei der Ehe oder, wie ich es lieber ausdrücke, in Partnerschaften hinzukriegen. Mal abgesehen von gesetzlichen Bestimmungen gilt es künftig in der Praxis die innere Offenheit der Menschen zu erreichen. Dafür haben wir dank der EDU und der jungen SVP eine wunderbare Plattform geschenkt bekommen. Die Abstimmung hat uns zwar viel Geld und sehr viel Arbeit gekostet, aber es war Arbeit für unsere Zukunft. Und für die Zukunft aller jungen gleichgeschlechtlichen Liebenden.

Schaut man sich die Zahlen von heute und jene von vor 15 Jahren bei der Abstimmung zum Partnerschutzgesetz an, können diese guter Hoffnung sein.

Tatsächlich zeigen mir die Zahlen, dass die Leute sich geöffnet haben. Es gibt immer und es wird immer Menschen geben, die uns nicht akzeptieren können, weil es ihr Denken nicht zulässt; sie wollen und können es sich nicht vorstellen. Verstehen Sie mich nicht falsch, diese Menschen darf man nicht verunglimpfen.

Sondern?

Sie gehören zu uns, sie sind Mitbürgerinnen und Mitbürger und unsere Aufgabe ist es, auf sie zuzugehen. Wir dürfen sie nicht verteufeln. Sowas darf niemals geschehen. Denn wir wissen, was es heisst, wenn man ausgegrenzt wird. Wir dürfen nicht denselben Fehler machen, den man uns gegenüber gemacht hat. Wir sollten auf diese Menschen zugehen und ihnen sagen: «Für euch gibt es auch einen Platz und ihr dürft so leben, wie ihr wollt. Es ist euch freigestellt, uns zu verurteilen. Ich denke nicht so, wie ihr und ich möchte nicht missionieren. Ich will auch nicht, dass ihr missioniert. Aber wir wollen miteinander in Frieden weiterleben.»

Wie geht Ihr Tag an diesem Abstimmungssonntag zu Ende?

Ich werde hier noch etwas Feiern und dann mit einem sehr viel leichteren Gang, als ich gekommen bin, nach Hause gehen.

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