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«Heute vor 19 Jahren» – Ronnie O'Sullivan zwischen Genie und Wahnsinn

Vor genau 19 Jahren gewann Ronnie O'Sullivan seinen ersten WM-Titel im Snooker. Der 44-jährige Engländer ist ein Spieler zwischen Genie und Wahnsinn.

(sda) Snooker gilt als Gentleman-Sport. Insofern passt O'Sullivan eigentlich gar nicht dort hinein, denn er ist alles andere als angepasst. Ebenso wie für sein Talent ist er für Eskapaden bekannt. Er ist jemand der Stellung bezieht, persönlich wird, davon kann Snooker-Boss Barry Hearn ein Liedchen singen. «Er ist ein Genie und darin liegt das Problem», sagte Hearn in einem Interview. «Ein Genie handelt nicht normal.»

Ronnie O'Sullivan in einem Halbfinal im Jahre 2004.

Ronnie O'Sullivan in einem Halbfinal im Jahre 2004.

O'Sullivan kassierte vom Weltverband die eine oder andere Busse wegen ungebührlichem Verhalten. Am Welsh Open 2016 liess er absichtlich die Chance ungenutzt, die maximale Ausbeute von 147 Punkten zu erzielen - er begnügte sich mit 146 Punkten. Grund: Die Sonderprämie von 10'000 Pfund war ihm zu tief. Dennoch hält er den Rekord an Maximum Breaks (15), das erste gelang ihm im Alter von 15 Jahren. Einmal brauchte er für die 36 Stösse in Folge 5:08 oder 5:20 Minuten, je nach Interpretation der TV-Aufzeichnung. So oder so ist das ebenfalls eine Bestmarke. 1045 Mal gelang ihm eine Aufnahme mit mindestens 100 Punkten - Zweiter in dieser Statistik ist der Schotte John Higgins mit 790 Mal. O'Sullivan ist auch Rekordsieger der UK Championship und des Masters (je 7), die zusammen mit der WM (fünf Titel) zu den Triple Crown Events zählen. Mit dem Total von 19 Triumphen an diesen drei Anlässen ist er ebenfalls die Nummer 1.

O'Sullivan wird nicht umsonst als «The Rocket» (die Rakete) bezeichnet. Auf die Frage, warum so schnell, antwortete er einst: «Wenn ich stoppen würde, um zu überlegen, hätte ich nicht mehr getroffen.» Ohnehin hält er sein Gehirn für eines seiner grössten Feinde. Er ist gemäss eigener Aussage von Dämonen besessen. Diese bemüht er immer wieder, wenn er erklären muss, weshalb er der Mensch geworden ist, der er ist.

O'Sullivan wuchs in keinen einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater, Besitzer eines Sex Shops, wurde im September 1992 zu einer lebenslangen Haft verurteilt, nachdem er in einer Bar einen Schwarzen erstochen hatte - nach 18 Jahren kam er frei. 1994 wurde seine Mutter wegen Steuerhinterziehung festgenommen; sie musste für sieben Monate ins Gefängnis.

Das überforderte O'Sullivan. Er bezeichnete sich als depressiv, formulierte immer wieder Selbstmordgedanken. Er soff, rauchte Cannabis und konsumierte auch härtere Drogen. Der Sieg 1998 beim Irish Masters wurde ihm nach einer positiven Dopingprobe nachträglich aberkannt. Im Jahr 2000 machte er eine Entziehungskur, in seiner Biografie berichtet er von über 100 Treffen bei den Anonymen Drogenabhängigen.

All das führte dazu, dass O'Sullivan trotz seines Talents erst am 7. Mai 2001 erstmals Weltmeister wurde. Im Eurosport-Podcast «The Break» sagte er, dass er aufgrund seines exzessiven Lebensstils vielleicht neun Jahre seiner Profikarriere verschwendet habe. «Ich habe ziemlich viel gefeiert», gab er zu. Es gab Zeiten, in denen er kaum trainierte, sondern bloss in der Wohnung herumhing, schlief, ass und rauchte. Er bestellte Fastfood und wog zwischenzeitlich 100 kg.

O'Sullivan dachte mehrmals daran, alles hinzuschmeissen. In der Saison 2012/13 nahm er eine Auszeit, in der er sich auf eine Schweinefarm verzog. Das Comeback gab er im April 2013 an der WM in Sheffield, an der er als Aussenseiter den Titel erfolgreich verteidigte - es war der fünfte und bisher letzte WM-Triumph. Die Rückkehr begründete er damit, Geld zu benötigen, jedoch würde ihm der Snooker-Sport grundsätzlich nichts mehr geben. Beim Siegerinterview sagte er, er werde auf jeden Fall einige kleinere Turniere spielen, wisse aber noch nicht, ob er bei der nächsten WM dabei sein werde.

Nun spielt O'Sullivan immer noch, sehr zur Freude der Liebhaber des Sports. Es ist eine Augenweide, ihm zuzuschauen, wenn ihn nicht gerade die Lustlosigkeit packt. Er besitzt die Fähigkeit, nahezu gleich gut mit rechts und links zu spielen. Als das noch nicht unbedingt bekannt war, warf ihm Alain Robidoux an der WM 1996 Respektlosigkeit vor, weil O'Sullivan nahezu einen kompletten Frame mit links spielte. Eine weitere Anekdote im speziellen Leben des Engländers, der sich mittlerweile vorstellen kann, die Karriere bis 50 fortzusetzen. Dann soll endgültig Schluss sein.

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