Ein Besuch in Auschwitz ist ein in mehrfacher Hinsicht einschneidendes Erlebnis. Da ist zum einen die erschütternde Konfrontation mit dem unfassbaren Grauen, dem absolut Bösen, dem Verlust jeglicher Menschlichkeit im ehemaligen Vernichtungslager unweit von Krakau.

Und da sind zum anderen die Menschenmassen, die fliessbandmässig durch die Gedenkstätte geschleust werden. Sie lösen beim Besucher ein zutiefst ambivalentes Gefühl aus. Man hält den Rummel an diesem Ort des Schreckens für völlig deplatziert. Und wünscht sich gleichzeitig, dass viel mehr Leute kommen, um mit eigenen Augen zu sehen, wozu der Mensch fähig ist.

Jonas Fricker war vermutlich nie in Auschwitz. Der Aargauer Grüne hätte sich sonst letzte Woche im Nationalrat kaum zum unsäglichen Vergleich von Schweinetransporten mit der Deportation von Juden hinreissen lassen. Seine Behauptung, die Juden hätten «eine kleine Chance» gehabt zu überleben, während die Schweine «in den sicheren Tod fahren», ist nicht zu rechtfertigen.

Jonas Frickers Votum im Nationalrat zur Fair-Food-Initiative, 28.9.2017

Ein Mann mit Potenzial

«Zwei Dinge gehen gar nicht: Nazi-Vergleiche und Behinderten-Witze», sagt ein Parteikollege. Was also hat Fricker geritten? Ist sein Vergleich ein Symptom für die zunehmend verblassende Erinnerung an den Holocaust? Hat er sich von fanatischen Tierschützern «anstecken» lassen, die seit Jahren ohne jede Skrupel mit Holocaust-Analogien gegen Tierquälerei polemisieren?

Am Samstag zog Jonas Fricker die Konsequenzen, er trat aus dem Nationalrat zurück. Ich nahm es mit Bedauern zur Kenntnis, denn ich habe lange in Baden gelebt und die Karriere des Umweltwissenschaftlers und Sekundarlehrers mitverfolgt. Sein Potenzial war nicht zu übersehen. Es ist kein Zufall, dass er 2015 von Listenplatz 2 aus in den Nationalrat gewählt wurde.

Persönlich kenne ich Fricker nicht besonders gut. Im Gespräch habe ich ihn als hellwachen und hoch anständigen, teilweise vielleicht etwas unbedarften Menschen erlebt. Erst am Tag vor seinem fatalen Auftritt unterhielt ich mich mit ihm in der Wandelhalle des Bundeshauses über die zweite Hälfte der Legislatur, die er nicht mehr in Amt und Würden erleben wird.

Jonas Fricker entschuldigt sich.

Fricker begründete seine Entgleisung mit Naivität. Man darf ihm das abkaufen, denn ein negatives Menschenbild konnte man bei ihm nie feststellen, schon gar nicht antisemitische Anwandlungen. Umso mehr beelendet es, dass einige Berufskollegen offenbar krampfhaft versucht haben, ihm eine entsprechende Gesinnung nachzuweisen.

«Wir wollen mehr davon!»

Sein Rücktritt wurde in den Medien praktisch durchs Band begrüsst. Auch das irritiert, denn gleichzeitig scheint es kaum jemanden zu kümmern, dass ein Politiker weiterhin im Bundeshaus sitzt, der ebenfalls Fragwürdiges von sich gegeben hat. Gemeint ist Jean-Luc Addor, SVP-Nationalrat aus dem Wallis. Vor drei Jahren kommentierte er ein Tötungsdelikt in einer St.Galler Moschee auf Twitter mit dem Satz «On en redemande!» (Wir wollen mehr davon!).

SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor beim Verlassen des Bezirksgerichts Sitten nach der Gerichtsverhandlung am 23. Mai 2017. (Archiv)

SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor beim Verlassen des Bezirksgerichts Sitten nach der Gerichtsverhandlung am 23. Mai 2017. (Archiv)

Im August verurteilte das Bezirksgericht Sitten Addor wegen Verstosses gegen die Antirassismus-Strafnorm. Der SVP-Nationalrat hat Rekurs eingereicht, dennoch lässt sich das erstinstanzliche Urteil als Signal interpretieren, dass er eine Grenze überschritten hat. Addors Behauptung, der Tweet sei ironisch gemeint gewesen, macht die Sache keinen Deut besser – im Gegenteil.

Liegt es an den Muslimen?

Die Reaktion der Medien? Sie vermeldeten das Urteil, mehr nicht. Rücktrittsforderungen? Fehlanzeige, auch in der Westschweiz. Die gleichen Medien, die über Jonas Fricker hergefallen sind, nahmen das Verdikt gegen Jean-Luc Addor mit einem Schulterzucken zur Kenntnis.

Woran liegt das? Die unschöne Version betrifft die Herkunft der Betroffenen. Fricker hat sich über Juden geäussert, während Addor auf Muslime zielte. Mit denen kann man es ja machen. Die Berichterstattung vieler Schweizer Medien lässt den Eindruck entstehen, die muslimische Gemeinschaft in unserem Land bestehe zu 80 Prozent aus Islamisten. Während in Wirklichkeit mehr als 80 Prozent der Schweizer Muslime wenig bis gar nicht religiös sind.

Abstumpfung im Umgang mit SVP

Die andere Variante betrifft die SVP. Der mediale Umgang mit der grössten Schweizer Partei zeugt einer gewissen Abstumpfung. Man begnügt sich damit, dass ab und zu eine subalterne Charge rausgeworfen wird, die zu eindeutig durch den braunen Sumpf gewatet ist. Während einer wie Addors «Landsmann» Oskar Freysinger mit seinen Entgleisungen durchkam, bis die Walliser ihm die rote Karte zeigten.

Man kann diese mediale Reserviertheit teilweise nachvollziehen. Sie beruht auf der – berechtigten – Erkenntnis, dass die Empörung über die SVP-Stillosigkeiten der Partei stets nur genützt hat. Nun hat das Pendel in die Gegenrichtung ausgeschlagen. Man zieht den Kopf ein und hofft, dass sich das Problem irgendwann von selber löst, während ihre Exponenten weiter zündeln.

Rücktritt wohl unvermeidlich

Deshalb hinterlässt die Affäre Fricker ein mehr als nur ungutes Gefühl. Natürlich berufen sich Linke und Grüne auf hohe moralische Standards, deshalb war sein Rücktritt vielleicht unvermeidlich, obwohl Fricker in der Krisenkommunikation alles richtig gemacht hat, wie ihm Experte Walter Stüdeli im watson-Interview attestierte. Ich halte seinen Entscheid trotzdem für falsch.

Bedauerlich ist Frickers Ausscheiden auch, weil er ein «echter» Öko-Grüner ist. Seine Nachfolgerin Irène Kälin ist Gewerkschafterin und gehört zum linken Flügel der Partei. Immerhin ist sie auch studierte Islamwissenschaftlerin. Vielleicht erlaubt sie sich bei Gelegenheit die Frage, weshalb ein Jean-Luc Addor im Nationalrat weiterhin toleriert wird. Wir Medienleute stellen sie ja nicht.