Gebärdensprache

Gehörlose im Bundeshaus: Wenn Christoph Blocher zum Hammer wird

Auch Gehörlose haben in der Schweiz eine politische Mitsprache. Wie bestellt man eigentlich einen Kaffee in Gebärdensprache? Oder wie spricht man Namen aus? Parlamentarier konnten sich darin üben – und sind beeindruckt.

Quizfrage: Wie sagt man «Salami» in Gebärdensprache? Wenn Sie es nicht wissen, geht es Ihnen gleich wie fast allen im Land – also auch dem Aargauer SP-Nationalrat Max Chopard.

Da stand er an der Bar des Bundeshauscafés, wollte sich ein Sandwich gönnen und plötzlich war da diese Sprachbarriere.

Denn an der anderen Seite der Theke stand nicht nur das üblicherweise bedienende Personal, sondern auch Mitarbeiter des Schweizerischen Gehörlosenbunds (SGB), die sich naturgemäss nicht mit Lauten, sondern in Gebärdensprache verständigen.

«Blocher» in Gebärdensprache.

«Blocher» in Gebärdensprache.

Dass sie sich das Bundeshaus ausgesucht haben, um auf sich aufmerksam zu machen, ist kein Zufall. «In der Gesellschaft sind Gehörlose eigentlich sehr gut integriert.

In der Politik muss die Akzeptanz noch gesteigert werden», sagt Kommunikationsleiter Roland Wagner. Es gälte Verständnis zu schaffen, Fragen zu klären, Hürden abzubauen.

Dafür eigne sich nichts besser als eine Cafeteria, wo man schnell an kommunikative Hindernisse stosse – und vor allem lerne, dass sie in der Regel nicht unüberwindbar sind.

«Leuthard» in Gebärdensprache.

«Leuthard» in Gebärdensprache.

Schwierige Zeitungslektüre

Konkret wollen die Gehörlosen besser an den politischen Entscheidungsprozessen teilnehmen können. Denn was man als «Normalsprechender» kaum weiss: Lesen ist für Gehörlose nicht einfach, sie müssen es sich aufgrund der Gehörbarriere viel härter erarbeiten. Das hat auch für die Meinungsbildung Folgen.

Die Lektüre einer Zeitung ist für Gehörlose anspruchsvoll, diejenige eines Abstimmungsbüchleins noch viel mehr. «Die einfachste Lösung dieses Problems wäre, das Büchlein in einer Videobotschaft zu präsentieren», sagt der gehörlose Stéphane Beyeler, der in der Cafeteria servierte.

«Calmy-Rey» in Gebärdensprache.

«Calmy-Rey» in Gebärdensprache.

Dass die «Tagesschau» einmal täglich in Gebärdensprache übersetzt werde, sei zwar lobenswert, reiche aber nicht aus. Wirklich hilfreich wäre es, wenn die wichtigsten Behördenmitteilungen konsequent in Videoform im Internet aufgeschalten würden, so Beyeler.

Der gehörlose Internetstar

Doch das kostet. Geht es um zusätzliche Staatsausgaben, ist das Musikgehör des Parlaments normalerweise beschränkt. Im Bundeshauscafé stiessen die Gehörlosen allerdings auf viel Wohlwollen.

«Widmer-Schlumpf» in Gebärdensprache.

«Widmer-Schlumpf» in Gebärdensprache.

Von links bis rechts zeigten sich die Parlamentarier offen für die Anliegen der Minderheit, der in der Schweiz rund 10 000 Personen angehören. «Wenn es ums Ausüben der Volksrechte geht, ist Sparen fehl am Platz», sagt Ulrich Giezendanner (SVP, AG).

Giezendanner lernt Gebärdensprache

Giezendanner lernt Gebärdensprache

«Man soll die Situationen minimieren, wo Behinderte ohne fremde Hilfe an Hürden stossen», sagt Beat Walti (FDP, ZH). «Es ist wichtig, Menschen mit Handicap in den politischen Prozess zu integrieren», sagt Max Chopard. Ob das Verständnis dann, wenn es um konkrete Budgetposten geht, weiterhin gleich gross ist, wird sich weisen.

Die grösste politische Fürsprecherin haben die Gehörlosen aber in der Person von Ständerätin Pascale Bruderer (SP, AG). Aufgrund ihres familiären Hintergrunds – zahlreiche Verwandte sind gehörlos – beherrscht sie die Gebärdensprache einwandfrei.

«Couchepin» in Gebärdensprache.

«Couchepin» in Gebärdensprache.

Ein Cousin von ihr ist gar ein Internetstar, seine Videoposts in Gebärdensprache erzielen jeweils Tausende Likes. Entsprechend sensibilisiert ist Bruderer für die Probleme von Gehörlosen.

Bei öffentlichen Auftritten organisiert sie regelmässig Dolmetscher. «Das hilft einerseits natürlich den Gehörlosen, am politischen Leben teilzunehmen. Es fördert aber auch das Verständnis aller anderen Zuschauer», sagt sie.

Um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu steigern, organisiert der SGB am Samstag anlässlich des «Tags der Gebärdensprache» zudem eine Kundgebung.

Übrigens: Max Chopard bekam sein Sandwich wie gewünscht mit Salami. Er hat in der Vitrine einfach aufs entsprechende Brötchen gezeigt.

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