Armut in der Schweiz

Für diese beiden Mütter gibt es aus dem Elend kein Entrinnen

Zwei alleinerziehende Mütter müssen zeit ihres Lebens finanziell unten durch. Wir haben die beiden Zuhause besucht, wo sie aus ihrem Leben erzählen.

Mal in Urlaub fahren, das wäre richtig toll. Oder mal in der Migros einkaufen, statt ständig mit dem ÖV nach Deutschland. Oder mal einen schönen, neuen Pullover, statt immer die gebrauchten Kleider vom Flohmarkt. Oder mal ins Kino oder einfach auswärts einen Kaffee trinken, statt immer daheim rumzuhängen. Das würden sich Jacqueline Lautenschlager (53) und ihre Tochter Ayla (28) leisten, wenn sie denn genug Geld hätten.

Zeit ihres Lebens ist das Geld bei den Lautenschlagers äusserst knapp. Jacqueline bezieht IV-Rente und Ergänzungsleistungen. Damit kommt sie auf 2790 Franken. 1240 Franken kostete ihre bescheidene 2-Zimmer-Wohnung. Die Miete für Aylas 3-Zimmer-Wohnung bezahlt die Sozialhilfe, wie auch die Krankenkassenprämie. Ausserdem kriegt sie von der Sozialhilfe monatlich 1100 Franken. Damit muss Ayla alle Kosten wie Lebensmittel, ÖV, Kleidung, Strom, Telefon und Freizeit für sie und ihre Tochter Larsia (3) begleichen – eine Herkulesaufgabe. Allein, dass Larsia keine Windeln mehr braucht, bedeutet eine erhebliche Entlastung.

Ein Teufelskreis

Die Fassade bröckelt an einigen Stellen. Unmittelbar neben der Westfassade des unprätentiösen Wohnblocks im Basler Breite-Quartier ist die Eisenbahnlinie, wenige Meter dahinter die Autobahn. Es ist die Heimat der Lautenschlagers. Im 8. Stock. In zwei kleinen Wohnungen. Die Geschichte der Lautenschlagers ist typisch für Menschen aus der unteren Gesellschaftsschicht: Wenig Geld, weil alleinerziehend, weil unzuverlässige Männer – keine Arbeit, weil schlechte Gesundheit, also wenig Geld. Es ist ein Teufelskreis, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt.

Jacqueline wird als Minderjährige schwanger. Ein Jahr nach Wandas Geburt bringt sie ein zweites Mädchen zur Welt, das sie erst kennen lernt, als dieses schon ein Teenager ist.

Der Überfall auf ein Taxi 

Jacquelines Problem ist der Kindsvater. Er arbeitet nicht gern. Viel lieber geht er fischen. Aber auch ein Hobby-Fischer braucht Geld. Also überfällt er mit einem Kumpel im Suff einen Taxifahrer. Das endet im Knast. Jacqueline, immer noch minderjährig, hat ein Baby im Arm, ein anderes im Bauch und Streit mit ihren Eltern.

Die Vormundschaftsbehörde nimmt ihr kurz nach der Geburt das zweite Kind weg und verfrachtet Jacqueline zusammen mit Wanda, der älteren Tochter, in das Mutter-Kind-Heim in Seltisberg (Bezirk Liestal). Die jüngere wächst bei Pflegeeltern auf. Als Jacqueline ihre zweite Tochter trifft, ist diese 16 und in der Drogenszene.

Ayla ist die jüngste von Jaquelines drei Töchtern, hat aber einen anderen Vater. Dieser ist erheblich älter als Jacqueline. «Er hatte viele Frauen und viele Kinder. Es gab keine Zukunft für uns», sagt Jacqueline. Und wieder ist sie allein, mit zwei kleinen Mädchen. Sie lebt bescheiden, schlägt sich mit schlecht bezahlten Jobs irgendwie durch. Denn Wandas Vater weigert sich, Alimente zu bezahlen.

Sind Sie enttäuscht von den Männern? «Nein, Männer sind Männer», sagt sie lakonisch. 2001 lernt sie doch noch «einen Guten» kennen. Sie heiratet – das erste und bislang einzige Mal – aber vor allem aus dem Grund, um den schwer kranken Mann nach seinen Wünschen beerdigen zu können. 2003 stirbt er.

Materiell seien die «Schul Gspänli» natürlich besser gestellt gewesen, sagt Ayla. «Dafür haben wir von unserer Mutter viel Liebe bekommen. Und die finanziellen Engpässe haben meinen Reifeprozess eher beschleunigt als behindert.»

Armut macht krank

Ayla ist eine gute Schülerin. Die Türe zum Gymnasium steht ihr offen. Doch sie will Koch werden. Eine Lehrstelle hat sie bereits, als sie plötzlich zu kränkeln beginnt. Sie fühlt sich schlapp, erbricht häufig, hat Durchfall und irgendwann ist das Immunsystem so schwach, dass sie eine Lungenentzündung erleidet. Die Lehre kann sie nicht beginnen. Später erhält sie die Diagnose: Morbus Crohn, eine chronisch entzündliche Darmerkrankung. Die Krankheit ist vererbt. Mutter Jacqueline war die Trägerin. Doch ihr Glück war es, dass die Krankheit nicht ausgebrochen ist.

Sechs Jahre lang nimmt Ayla Lautenschlager Cortison, wodurch sie stark zunimmt. Als sie glaubt, halbwegs wieder bei Kräften zu sein, ermöglicht ihr die IV ein Privat-Gymnasium. Sie gewinnt an Zuversicht und Motivation. Was sich aber bald verflüchtigt. Ayla muss das Gymnasium abbrechen, weil sie krankheitsbedingt zu viele Fehltage hat. Zu diesem Zeitpunkt ist Ayla schon 22.

Ohne Stock gehts nicht

Mühsam erhebt sich Jacqueline vom Sofa, um etwas vom Boden aufzuheben. «Ohne Stock kann ich nicht mehr gehen», sagt sie. Das Leiden beginnt mit schwerem Rheuma. Dann ein kaputter Fuss. Bei der Operation kommt es zu Komplikationen – Bakterienvergiftung. «In den letzten drei Jahren wurde ich 17 Mal operiert», sagt Jacqueline und zieht die Hose etwas hoch. Kein schöner Anblick: Grossflächige dunkelblaue Flecken, der Fuss sieht aus wie verfault. Seit vier Jahren ist sie vollumfänglich arbeitsunfähig.

Zu dieser Zeit machte sich Ayla auf, um den Zwanzigsten Geburtstag ihres Cousins in Deutschland zu feiern. In einer Bar in Berlin trifft sie einen blonden Mann. Der Flirt endet im Bett. Am nächsten Morgen ist der Blonde weg und Ayla Mutter in spe. Sie fragt nach dem Mann, der sich als André aus Dänemark vorgestellt hat. Recherchiert in den sozialen Medien. Bis heute ohne Resultat. Larsia ist inzwischen drei. Ein aufgewecktes, quirliges Mädchen.
Sind Sie enttäuscht vom Leben? «Überhaupt nicht», sagt Ayla resolut. «Der Morbus Crohn hat mich nicht zugrunde gerichtet, weil ich schon immer kämpfen musste. Ich bereue nichts. Denn mein Weg hat mir Larsia geschenkt, der wichtigste Mensch in meinem Leben. Larsia soll erreichen, was sie sich in den Kopf setzt. Aber ich mache mir grosse Sorgen, dass auch bei ihr der Morbus Crohn ausbrechen könnte.»

"Für uns tun die Politiker nichts"

Fühlen Sie sich alleingelassen von der Politik? «Ich wähle nicht. Denn es ist egal, wer gewählt wird: Für uns tun die Politiker sowieso nichts. Statt dem Sozialstaat Sorge zu tragen, streichen sie immer mehr Leistungen», sagt Ayla.

Jacqueline fährt ihrer Tochter ins Wort: «Ich werde langsam stinkig.» Warum? «Weil die Einwanderer und Asylsuchenden besser behandelt werden als wir. Uns wird zugemutet, dass wir auf dem Flohmarkt die Kleider kaufen, ihnen nicht. Verstehen sie mich nicht falsch. Schuld an dieser Situation haben nicht die Ausländer, sondern unsere Politiker.» Also würden Sie auch einen Mann wie Donald Trump wählen? «Vielleicht. Wenn uns einer viel versprechen würde, wären wir wohl ziemlich empfänglich.»

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Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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