Zuchwil
Firmen bleiben auf Abbaukurs

Die Industrie der Region Solothurn hat eine rabenschwarze Woche zu verkraften. Fast täglich wurden Massenentlassungen oder Schliessungen vermeldet. Gestern der grösste Fall: Itema in Zuchwil streicht 120 der noch 239 Arbeitsplätze.

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Itema

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Solothurner Zeitung

Andreas Toggweiler

Gilbert Ambühl: «Das ist erneut ein Hammerschlag»

Nach der Bosch-Tochter Scintilla sorgt nun der Textilmaschinenhersteller Itema (ex-Sulzer) für Aufruhr in Zuchwil. Die Belegschaft wird
halbiert. «Das ist erneut ein Hammerschlag, nicht nur für die Gemeinde Zuchwil, sondern für die ganze Region», zeigt sich Gilbert Ambühl betroffen. Der Zuchwiler SP-Gemeindepräsident spricht von «einer Katastrophe für die 70 Scintilla- und 120 Itema-Betroffenen». Vielfach treffe es weniger gut qualifizierte Berufsleute, die in der schwierigen Wirtschaftslage besonders Mühe haben werden, eine neue Stelle zu finden.
Man habe ihm von der Itema-Seite her zu verstehen gegeben, dass nur mit einem solchen Personalabbau der Standort Zuchwil überhaupt gehalten werden könne. Allerdings werde langsam die kritische Grösse erreicht, sagt Ambühl. Er erinnert daran, dass schon vor einigen Jahren die Belegschaft auf rund 250 Angestellte halbiert worden sei. Ambühl hofft nun, dass Itema diesbezüglich Wort halten werde.
Zuchwil als Gemeinde habe keinen Einfluss auf solche Personalentscheide. Ambühl: «Wir können höchstens an das Verantwortungsbewusstsein der Entscheidungsträger appellieren.» Wenn so stark exportorientierte Firmen wie Scintilla oder Itema massive Auftragseinbrüche erleiden, sei auch der Kanton «machtlos». Es sei unmöglich als Kanton, die Exportwirtschaft ankurbeln zu wollen, erklärt der SP-Politiker. Der Kanton könne aber Strukturen schaffen, damit die von der Entlassung betroffenen Menschen sozial gut aufgefangen werden. «Und das tut der Kanton.» Er denkt dabei an den Ausbau der RAV und der zielgerichteten Programme im Rahmen der Arbeitslosenversicherung.
Zu den Glanzzeiten in den 80-er Jahren habe der damalige Textilmaschinen-Weltkonzern Sulzer allein in Zuchwil 3500 Angestellte beschäftigt. Gilbert Ambühl betont, dass sich auf dem riesigen Ex-Sulzer-Areal von 150 000 Quadratmeter inzwischen gegen 30 neue Unternehmen angesiedelt hätten. Zudem werde diesen Monat der Kaffeemaschinenhersteller Schaerer von Moosseedorf auf dieses Gelände umziehen, was der Gemeinde 200 neue Arbeitsplätze bringe. Und auf Anfang 2011 werde der Medtech-Konzern Synthes mit vorerst 300 Arbeitsplätzen die Neubauten auf dem Zeughaus-Areal beziehen. (FS)

Bis anhin beschäftigte der Textilmaschinenkonzern Itema (ehemals Sulzer) in Zuchwil noch 239 Personen. Gestern teilte Itema mit, dass ein weiterer Stellenabbau beschlossen wurde - ein weiterer in einer langen Reihe für den Itema-Standort Zuchwil. Gemäss einer Mitteilung werden an den Schweizer Standorten 130 Arbeitsplätze abgebaut, der Hauptteil (120) am Produktionsstandort Zuchwil und vereinzelte in Wetzikon/ZH und Vionnaz/VS. In Zuchwil werden Teile von Projektilwebmaschinen produziert und montiert.

Markt liegt darnieder

Als Begründung wird genannt, dass sich der weltweite Textilmaschinenmarkt im ersten Halbjahr 2009 gegenüber dem Vorjahr nochmals abgeschwächt hat. Die Prognosen deuteten für die nächsten beiden Jahre auf ein weiterhin schwieriges Marktumfeld hin.

Die Textilmaschinenindustrie steckt seit 2007 in einer tiefen Krise. Itema (Schweiz) habe versucht, mit Kostensenkungsmassnahmen innerhalb der Geschäftssparte Weaving (Weberei) zu reagieren. 2008 wurden in Zuchwil bereits 91 Stellen abgebaut, es kam auch zu Standortwechseln (von Rüti nach Wetzikon). Mit Kurzarbeit und Ferienabbau habe man versucht, die schwierige Situation zu überbrücken, heisst es .

Laut Itema-Schweiz-Personalchef Rolf Siegrist wurde am Donnerstag das bei Massenentlassungen vorgeschriebene Konsultationsverfahren eröffnet. Ziel sei es, in den nächsten Wochen nach sozialverträglichen Lösungen zu suchen. Ein Sozialplan sei vorhanden.

Sozialplan anpassen

Die Gewerkschaft «Angestellte Schweiz» forderte gestern eine Überprüfung und Nachbesserung des Sozialplans aus der letzten Entlassungswelle 2008. Soziale Härten müssten unbedingt vermieden werden. «Wir sind durchaus zu Verhandlungen bereit», sagte Siegrist dazu. Verbesserungen für Betroffene der untersten Lohnklasse seien denkbar. Dies allerdings auf Kosten der bisher Besservedienenden.

Trotz einer faktischen Halbierung der Belegschaft, sei man auch nach dem Abbau imstande, den kleiner gewordenen Markt zu bedienen, sagt Siegrist weiter und verweist auf eine strategische Neuausrichtung in andere Märkte. «Wir versuchen mit der in Zuchwil ansässigen Abteilung Industrial Sales ein Standbein zu stärken, das uns mit Aufträgen von Dritten unabhängiger vom Textilmaschinengeschäft macht.» Auch werde das Ersatzteilgeschäft der gesamten Gruppe in Zuchwil zentralisiert.

Itema ist ein italienischer Konzern und erzielte 2008 mit rund 2970 Mitarbeitenden einen Umsatz von 468 Mio. Euro (rund 709 Mio. Franken).

Kritik an der Regierung

Laut Markus Baumann von der Gewerkschaft Unia in Solothurn handelt es sich um den fünften Abbauschritt in Zuchwil innert sechs Jahren. Auch er fordert Rücksicht für die vielen älteren Angestellten. Ferner gelte es die Unterdeckung der Pensionskasse auszugleichen.

Diese Woche fand in der Industrie in der Region Solothurn ein Kahlschlag statt: Schliessung des Schleuniger-Standortes Balsthal (30 Arbeitsplätze), Stellenabbau bei Scintilla Zuchwil (70), ABB Turbo Systems in Deitingen (33), und Step Tec Luterbach (Georg Fischer, 27).

Dies veranlasst die Gewerkschaft Unia einmal mehr zu massiver Kritik an der Regierung. Trotz anhaltend hoher Arbeitslosigkeit bleibe die Solothurner Regierung weiterhin untätig, kritisiert Baumann und fordert insbesondere Massnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit, Kreditbürgschaften und eine offensive Industriepolitk. Baumann forderte zudem staatliche Transferzentren für die von Massenentlassungen der Industrie Betroffenen.