Drohende Verjährung

Fall Dieter Behring: Forderungen der Geschädigten sind aus Gerichtsakten verschwunden

Dieter Behring im Juni 2016 vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona.Ti-Press/KEY

Dieter Behring im Juni 2016 vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona.Ti-Press/KEY

Die Übersicht über die Forderungen der Geprellten im Fall Behring ist verloren gegangen – es droht eine Verjährung.

Mehrere Dutzende Geschädigte im grössten Schweizer Betrugsfall sehen sich ein weiteres Mal geprellt. Das Bundesstrafgericht hat im Frühjahr Dieter Behring zwar erstinstanzlich verurteilt, doch ihre Forderungen sind aus den Gerichtsakten verschwunden. Nach zwölf Jahren des Wartens hatten die Geschädigten das Mandatsverhältnis mit ihren Anwälten aufgelöst. Das Bundesstrafgericht meinte, die Geprellten würden damit auch ihre Forderungen zurückziehen. Lucius Blattner, Anwalt von Geschädigten, ist empört über dieses «Versehen» des Gerichts. Dieses stellt sich auf den Standpunkt: «Das Gericht hat nur Ansprüche als zurückgezogen qualifiziert, die explizit zurückgezogen worden sind.»

Offenkundig hat das Bundesstrafgericht aber nicht nur Geschädigte vom Verfahren ausgeschlossen, sondern auch Ansprüche anderer gutgeheissen, die ihr Geld erst kurz vor der Implosion des betrügerischen Systems im Herbst 2004 verloren haben. Dieter Behring zählt aktuell 18 Geschädigte, die nach Ansicht des Bundesstrafgerichts ihre Forderungen geltend machen können, obwohl dieser Komplex der Betrugsgeschichte überhaupt noch nicht verhandelt wurde.

Endspiel im Sommer 2004

Im Juli vor dreizehn Jahren begann das System Behring zu bröckeln. Bei der Postfinance mehrten sich Verdachtsmomente auf Geldwäscherei. Journalisten hinterfragten die wundersamen Gewinnversprechen. Und im inneren Zirkel stieg die Nervosität. Dies ist detailliert im Bericht der Bundeskriminalpolizei aus dem Jahr 2009 nachzulesen. Das Projekt «Cashback» war der verzweifelte Versuch Behrings und seiner Kumpane, mit einem Börsengang das Anlagevehikel zu retten.

Gemäss dem Polizeibericht drängten die Partner Behring, die «Black Box» im System offenzulegen und einer Revisionsgesellschaft Einblick zu geben. Ausser einem oberflächlichen «Audit» durch den Fricktaler Treuhänder Arthur Buck liess Behring allerdings keine Transparenz zu. Stattdessen einigten sich die Partner unter Moderation des Anwalts Rudolf Meroni auf eine komplizierte Transaktion: Behrings Dachgesellschaften sollten in eine London Finance Group (LFG) überführt und diese mit der US-Gesellschaft Can/Am fusioniert werden. In LFG International umbenannt hätte die Can/Am an die Börse gebracht und dem System frisches Geld zuführen sollen. Damit sollten nervös gewordene Anleger ausbezahlt («Cashback») und Mittel generiert werden. Und es wären auch Mittel generiert worden, um weiter am Börsenrad zu drehen.

Die Rettungsaktion war abenteuerlich und basierte gemäss Polizeiakten auf gefälschten Vollmachten. Gehetzt von Medien, Anlegern und Finanzinstituten wurde die Zeit knapp, und es fehlte an liquiden Mitteln. Diese fanden die Kumpane bei der KB&P Consulting. Mit der Aussicht, den Einsatz innerhalb kürzester Zeit zu verdoppeln, verschob Firmenchef Beat Bangerter das vorhandene Kapital von dreissig Millionen Franken nach Riga. Theoretisch «kaufte» die kleine Basler Beteiligungsgesellschaft damit das System Behring, praktisch verschwanden die Millionen auf Nimmerwiedersehen.

Die Aktion «Cashback» sollte das betrügerische Anlagesystem retten, sie war aber nicht Teil davon. Die Bundesanwaltschaft wollte deshalb bereits 2009 diesen Komplex vom Hauptverfahren abtrennen und vorzeitig vor Gericht bringen. Dagegen wehrte sich Behring erfolgreich. Zu einer Abtrennung kam es dennoch 2015, als die Bundesanwaltschaft die meisten Vorwürfe gegen Mitbeschuldigte fallenliess und einzig Behring wegen Anlagebetrug anklagte. Der Komplex «Cashback» erhielt eine neue Verfahrensnummer und die Bundesanwaltschaft ermittelte weiter gegen sechs Beschuldigte.

Es naht die Verjährung

Nun drängt die Zeit. Die fraglichen Delikte verjähren im Sommer 2019. Bis dann müsste ein erstinstanzliches Urteil vorliegen. Dies bedingte, dass die Bundesanwaltschaft spätestens in einem halben Jahr die Anklageschrift vorlegt. Davon ist derzeit nicht auszugehen. Erst Ende August fanden noch Verhöre statt, Schlusseinvernahmen sind keine terminiert. Zu alledem hat Behring gegen den leitenden Bundesanwalt ein neues Ausstandsbegehren wegen «unüberwindlichen Interessenskonflikts» eingereicht. Die Bundesanwaltschaft erklärt: «Da Strafverfahren dynamische Prozesse darstellen, macht sie keine Prognosen über deren Verlauf oder die Art der Erledigung.»

Ein Verfahrensende bis zu einem rechtskräftigen Urteil ist ohnehin nicht abzusehen. Im Frühjahr fällte das Bundesstrafgericht zwar ein erstes Verdikt, die schriftliche Begründung steht aber weiterhin aus.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1