Demonstrieren und Schwänzen reichen ihnen nicht. Die Aktivisten der «Extinction Rebellion» (Rebellion gegen das Aussterben) blockieren Strassen oder schütten Kunstblut vor Firmen, die sie als Klimasünder ausmachen. In London sorgten sie im April für Aufsehen, als sie eine Woche lang versuchten, die britische Hauptstadt lahmzulegen.

Auf Videoaufnahmen sieht man, wie Pflanzen und Spielsachen herangetragen und Brücken und Kreuzungen mit Fahnen und mobilen Kunstwerken in Beschlag genommen werden. Kinder spielen Fussball und auf einer Skate-Rampe übt jemand Tricks mit dem Rollbrett. Die Polizei schaute zunächst zu und verhaftete später Hunderte Aktivisten.

Die Extinction Rebellion ist die radikale Version der Klimademos. Das Anliegen ist das gleiche: Massnahmen gegen den Klimawandel. Die Klima-Rebellen bringen das Anliegen aber mit einer viel grösseren Dringlichkeit vor. Die radikale Ungeduld kommt auch im Logo der Bewegung zum Ausdruck.

In einem Kreis prangt ein oben und unten geschlossenes X. Es symbolisiert eine Sanduhr. Die Zeit läuft uns davon, lautet das Credo. «Handelt jetzt», ist eine der zentralen Forderungen der Bewegung. Mit Blockaden will sie die Regierung zum Handeln gegen den Klimawandel zwingen. Andernfalls, so die Meinung der Rebellen, drohe das Aussterben der Menschheit.

Rebellen-Training in Zürich

Von London breitet sich die Bewegung global aus. Auch in der Schweiz ist sie angekommen. Stark ist sie bislang vor allem in der Westschweiz. Parallel zu den Aktionen in London blockierten Lausanner Rebellen eine Stunde lang eine Brücke. Der motorisierte Verkehr stand still.

Die Rebellion wächst schnell und chaotisch. So wurden in Zürich gleich zwei Sektionen gegründet. Eine Sektion mit lauter Expats diskutiert auf Englisch, eine zweite gegründet von Einheimischen verständigt sich auf Deutsch. Nun wollen sie sich vereinen. Auf einer Karte im Internet sind Sektionen in Genf, Waadt, Wallis, Freiburg, Neuenburg, Luzern, Bern, Zürich und Konstanz eingezeichnet. Täglich meldeten sich ein halbes Dutzend neue Interessierte, sagt ein Mitglied der Bewegung.

Wird es in der Schweiz bald auch zu Blockaden wie in London kommen? Auf Anfrage heisst es lediglich, man werde sich eng mit anderen Gruppen, etwa der Schülerbewegung, absprechen.

Für den 2. Juni laden die Zürcher Rebellen zu einem Kurs für «gewaltfreie direkte Aktionen» ins Gemeinschaftszentrum Wipkingen. Auf Facebook zeigen sich 136 Personen daran interessiert. Zum Inhalt des Trainings schweigen sie.

Diese Zeitung konnte in einem Zürcher Café mit drei Vertretern der Schweizer Rebellen sprechen: dem 23-jährigen Produktentwickler Jason, dem 44-jährigen Web-Entwickler Daniel und dem 67-jährigen Präventivmediziner «im Unruhestand» Anton. Die drei betonen, dass auch Frauen Teil der Bewegung seien.

Die Quote von 30 Prozent wolle man mit Kinderbetreuung während der Treffen noch erhöhen. Auch Autofahrer und Fleischesser seien an den Treffen willkommen. Niemand solle sich ausgeschlossen fühlen. Schliesslich hat man Grosses vor: Nicht der Einzelne, sondern die Regierung soll zum Handeln bewegt werden.

Von der herkömmlichen Politik sind die drei Rebellen enttäuscht. Alle drei waren oder sind zwar in Parteien wie der SP oder den Grünen aktiv, der politische Prozess ist ihnen aber zu langsam. Sie wollen, dass der CO2-Ausstoss bis ins Jahr 2025 auf null gesenkt wird.

Auch hier sind sie um fünf Jahre radikaler als die Klimajugend. Deren Aushängeschild Greta Thunberg will bis 2030 eine Reduktion um 80 Prozent. «Ich handle aus Notwehr», sagt Anton, der beteuert, dass es ihm vor allem um die Zukunft seiner Enkelin geht. Dass diese exakt an jenem Freitag zur Welt kam, als Greta Thunberg in Stockholm ihren Schulstreik begann, sieht er als Zeichen.

Wie ihre Vorbilder aus England sind die Zürcher Klima-Rebellen bereit, für ihre Aktionen verhaftet zu werden. Mit langer Haft rechnen sie wegen ihres Gewaltverzichts allerdings nicht. Der gewaltfreie Widerstand des indischen Revolutionärs Mahatma Gandhi ist ihr Vorbild.

Wenn es um konkrete Aktionen geht, zeigen sich die Widersprüche der Bewegung. Zwar wollen die Rebellen blockieren, gleichzeitig aber niemandem wehtun. So findet Jason es zwar gut, dass die Kleiderkette «H&M» wegen der Blockaden in London Umsatzeinbussen hatte. Gleichzeitig bedauert er, dass es auch kleinere, ihm sympathischere Betriebe traf. Er plädiert für positive Aktionen. Etwa Nachtzugfahrer mit einem Zmorge überraschen.

Unter den Schülern, die gegen den Klimawandel demonstrieren, ist die «Extinction Rebellion» beliebt. Es gibt Überschneidungen bei den Mitgliedern. «Ich unterstütze die Extinktion Rebellion zu 100 Prozent», sagt etwa der 18-jährige Klimaaktivist Jonas Kampus. Selber habe er aber keine Zeit, um sich dort auch noch zu engagieren.

Dass die Rebellen radikaler seien als die Schüler, stellt Kampus infrage. «Das Bild von den braven Schülern und den radikalen Aktivisten der Extinction Rebellion ist falsch», sagt er. Beide Bewegungen seien heterogen.