Basel

«Es ging um spannende Fragen»

Ende Juni gibt Markus B. Christ das Präsidium des reformierten Baselbieter Kirchenrates ab. Im Rückblick und in seinen künftigen Tätigkeiten zeigt sich, dass ihm die Überwindung von Grenzen ein wichtiges Anliegen ist.

Daniel Haller

Die Arbeitswelt wird härter: Von Spezialisten wird Dauer-Höchstleistung mit der Gefahr eines Burnouts gefordert. Unqualifizierte Arbeitskräfte kommen oft gar nicht mehr in den Arbeitsmarkt hinein. Beides ist schlecht für die Seele. Merkt die Kirche, wie sich dies in der Krise noch zuspitzt?
Markus Christ: Wir stellen dies vor allem bei der Seelsorge in den Gemeinden fest. Auch werden die Leistungen des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft stärker in Anspruch genommen. Dieses beschäftigt sich seit Jahren mit Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenprojekten, was nun enorm an Aktualität gewinnt. Der Industriepfarrer wird aber auch von Arbeitgeberseite angefragt: Leute, die vor dem Entscheid stehen, Angestellte zu entlassen, sehen sich grossen moralischen und ethischen Problemen gegenüber. Weiter ist unsere Beratungsstelle für Partnerschaft, Ehe und Familie neben Beziehungsfragen vermehrt mit wirtschaftliche Problemen konfrontiert. Wir bemerken also in der Seelsorge die Arbeitsmarktprobleme sehr stark.

Spezialaufgaben wie Industriepfarrer oder Eheberatungsstelle finanzieren Sie aus der Kirchensteuer von juristischen Personen. Wegen der Baselbieter Unternehmenssteuerreform entgeht den Landeskirchen ein Viertel dieser Einnahmen. Müssen Sie diese Dienstleistungen nun mitten in der Krise einschränken?
Christ: Aus diesem Topf finanzieren wir neben den Seelsorgeaufgaben von regionaler Bedeutung auch Bau-Beiträge an die Gemeinden, kirchliche Medienarbeit und die Ausbildung kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Kirchenrat überlegt sich, ob er nun bei allen Bereichen gleichermassen sparen muss oder allenfalls Aufgaben fallen lässt. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Gemeinden an der Finanzierung dieser Aufgaben zu beteiligen.

Senkt die krisenbedingt höhere Nachfrage nach kirchlichen Dienstleistungen die Zahl der Kirchenaustritte?
Christ: Die Bewegungen von Aus- und Eintritt erfolgen leicht verschoben, deshalb kann man diese Frage noch nicht beantworten. Die Kirche muss sich aktiv darum bemühen, neue Mitglieder zu gewinnen. Wir arbeiten derzeit an einer Wiedereintrittskampagne. Die Gründe für Kirchenaustritte sind aber sehr verschieden, und oft vernehmen wir sie gar nicht. Häufig gelten die Finanzen als Hauptgrund, was ich eher bezweifle.

Einerseits verlieren die Landeskirchen mit ihren der Gesellschaft zugewandten Diensten und differenzierten Haltungen Mitglieder. Andererseits verzeichnen Freikirchen mit teilweise abstrusen Positionen - beispielsweise bezüglich Schöpfungsgeschichte - Zulauf. Wie erklären Sie dies?
Christ: Freikirchen sind Bekenntniskirchen. Ein Bekenntnis verleiht Menschen einen gewissen Halt. Der Vorteil einer Freikirche ist, dass man genau weiss, wozu man gehört und was diese Gruppierung vertritt. Dagegen ist die Landeskirche ein grosses Dach, unter dem es ganz verschiedene Menschen gibt: Solche mit eher evangelikaler, andere mit einer liberalen Linie. Wir haben Bekenntnisfreiheit - nicht zu verwechseln mit Bekenntnislosigkeit. Diese Stärke als Volkskirche ist zugleich unsere Schwäche: Man wirft uns eine gewisse Profillosigkeit vor.

Baselbieter Kirchenleute haben sich in der Geschichte gegen die Atombewaffnung der Schweiz, gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst oder für Militärdienstverweigerer eingesetzt. Welches waren während Ihrer Präsidialzeit die brisanten Fragen?
Christ: In den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren hat die Kirche stark die sozialethische Frage in den Vordergrund gestellt. So wurde Mitbestimmung im Betrieb theologisch bearbeitet. Ich beobachte, dass sich das gesellschaftliche Engagement der Kirche verlagert hat: Theologen befassen sich nun stärker mit Fragen der individuellen Frömmigkeit. Trotzdem hat sich die Kirche auch in jüngerer Vergangenheit politisch geäussert. So haben sich kirchliche Stimmen gegen die Verschärfung des Asylgesetzes gewandt. Derzeit geht es um das Lebensende und um Sterbebegleitung.

Die aktuelle Wirtschaftskrise ist unter anderem durch das Sharholdervalue-Denken ausgelöst worden. Dieser entfesselte Egoismus widerspricht dem Gedanken der Nächstenliebe. Die reformierte Kirche steht im Ruf, sie habe vor 500 Jahren den Kapitalismus mit angestossen. Wie bezieht sie zu diesen Fragen Position?
Christ: Man müsste überprüfen, ob die These von Max Weber, dass der Calvinismus an der Wiege des Kapitalismus gestanden habe, so absolut stimmt. Dass aber die Aussage Calvins, man solle mit den anvertrauten Pfunden gut arbeiten, nun in diese Richtung umgeschlagen ist, ist Ausdruck einer Extremform des Gewinndenkens. Dieses ist christlich nicht verantwortbar. Eine christliche, eine reformierte Ethik kann ein solches Gewinnstreben, wie es in der letzten Phase der wirtschaftlichen Hausse praktiziert wurde, nicht teilen. Nun geht es darum, wie wir mit der Krise umgehen und welche ethisch verantwortbare Position wir einnehmen.

Sie sagten vorhin, dass auch Kader, die Leute entlassen, mit ethischen Problemen zur Kirche kommen. Wie geht die Kirche damit um, nun sozusagen «Täter» zu beraten?
Christ: Oft können sie persönlich gar nicht viel für die Entwicklung, die einer gewissen Eigendynamik unterlag und der sie wohl ein Stück weit auch machtlos gegenüber standen. Und wer den Weg zu einer Beratung bei einem Seelsorger findet, zeigt, dass er nicht alles fraglos hinnimmt. Solches Fragen macht deutlich, dass jemand auch Skrupel hat und eine mitmenschliche Komponente entwickelt. Es sind vor allem Verantwortliche aus den Personalabteilungen, die auf die Seelsorge zukommen. Sie sehen, dass sie Menschen entlassen, und nicht Nummern.

Sie waren 18 Jahre Kirchenratspräsident. Welches sind die Baustellen, die Sie begonnen haben, aber unvollendet Ihrem Nachfolger hinterlassen?
Christ: Die Kirche führt periodisch Visitationen zu Zustand und Perspektiven durch. Aus der letzten Visitation 1995/96 erwuchs ein Prozess, der 2004 in ein Leitbild mündete, das in vier Grundsätzen über Strukturen, Glaubensinhalte und Identitäten nachdenkt. Zu jedem Grundsatz sind Massnahmen skizziert, die wir seit fünf Jahren umsetzen. Nach spätestens zehn Jahren werden wir uns erneut fragen müssen, wo wir stehen. All diese Massnahmen aus dem Leitbild sind Baustellen für den neuen Kirchenrat.

Sie meinen Kirchenratspräsidenten?
Christ: Ich betone immer: Der Kirchenrat ist eine Kollegialbehörde. Der Kirchenratspräsident ist «Primus inter Pares» und kein reformierter Bischof. Ich übergebe eine ganze Reihe offener Dossiers. Das wichtigste dreht sich um die Stellung der kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie um die Form der Gemeindeleitung, also um ein innerkirchliches Thema.

Welches war der Höhepunkt Ihrer Zeit als Kirchenratspräsident?
Christ: Der ganze Prozess für das gemeinsame Erarbeiten des Leitbilds unter Beteiligung von Leuten aus den Kirchgemeinden. Da hat sich Kirche prozesshaft ereignet, und es ging um spannende Grundfragen.

Und der Tiefpunkt?
Christ: Ich musste Konflikte in Kirchgemeinden oder Gremien erleben, die letztlich zu Entlassungen geführt haben. Das ging mir immer sehr ans Lebendige.

In welcher Form bleiben Sie der Kirche erhalten?
Christ: Ich habe das Präsidium für die Organisation des nächsten trinationalen Kirchentags 2011 der «Kirchen am Rheinknie» (Kirk) übernommen. Das ist eine nicht nur grenzüberschreitende, sondern auch konfessionsverbindende und sprachübergreifende Aufgabe. Zudem bin ich Präsident des Stiftungsrats der Christlich-Jüdischen Projekte in der Region Basel (CJP). Diese Organisation wirbt für gegenseitiges Verständnis. Da überlegen wir derzeit, den Dialog zu einem Trialog auszuweiten, also den Kontakt zu den Muslimen zu suchen und so die drei abrahamitischen Religionen unter einem Zelt zusammenzufassen und füreinander Verständnis zu wecken. Das Überwinden von lokalen oder kantonalen Grenzen, sei es auf der Ebene der Schweiz, in Europa oder der Weltkirche, war für mich immer ein Anliegen. Drittens bin ich Präsident der Bibelgesellschaft Baselland, die sich für die Verbreitung und das Verständnis der Bibel einsetzt. Dafür und für drei bis Ende 2010 befristete Mandate des Kirchenrats werde ich mich engagieren.

Ist das alles nicht etwas viel?
Christ: Eigentlich will ich auch noch wissenschaftlich-theologisch arbeiten, allenfalls auch publizieren. Ich freue mich auf die vielen Projekte. Aber ich hoffe auch, dass ich Herr über meinen Terminkalender sein werde - und nicht er über mich.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1