Könige der Schweiz
Er ist der König des Tessins – und will es auch bleiben

Filippo Lombardi kämpft wie ein Löwe für seinen Kanton und ist dort längst Kult. Er sieht sich selbst als Schweizer Staatsmann und findet, Tessiner geben exzellente Diplomaten ab. Sein Herz schlägt für Ambri-Piotta, dessen Präsident er ist.

Stefan Schmid
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Filippo Lombardi ist Vollblutpolitiker – doch als Präsident seines Hockeyvereins hat er ganz andere Sorgen: «Ambri darf nicht absteigen.»A. Bütschi

Filippo Lombardi ist Vollblutpolitiker – doch als Präsident seines Hockeyvereins hat er ganz andere Sorgen: «Ambri darf nicht absteigen.»A. Bütschi

Er spielt sofort mit, als wir ihm unsere Idee erklären. Filippo Lombardi holt die Tessiner Fahne, die in einer Ecke des Ständeratssaals steht, setzt sich die von uns mitgebrachte Krone auf und posiert. Es fällt ihm leicht, König zu spielen. Die Bezeichnung schmeichelt ihm sichtlich. Sechsmal musste Lombardi seinen Fahrausweis unter anderem wegen Trunkenheit am Steuer abgeben. Viele gesetzestreue Deutschschweizer schüttelten den Kopf. Fünf Jahre lang war er ausschliesslich mit dem Zug unterwegs. Mittlerweile fährt Lombardi wieder Auto – weil sein Fahrausweis sonst abgelaufen wäre.

Die Geschichten sind vergessen. Zumindest im Tessin. Die Südschweizer verehren ihren Hansdampf in allen Gassen. Ständerat für die CVP, dieses Jahr gar Ständeratspräsident. Direktor des privaten Medienunternehmens Timedia, zu dem zwei Tageszeitungen, ein Radio- und ein TV-Sender sowie ein Onlineportal gehören. Und vor allem: Präsident von Ambri-Piotta, dem legendären Eishockeyklub aus der ärmlichen Leventina. Lombardi, Bürger von Airolo, wohnhaft bei Lugano, geboren in Bellinzona und aufgewachsen in Locarno – er ist im Tessin Kult. Wie Ambri-Piotta.

Seine Popularitätswerte sind ennet dem Gotthard auch deshalb hoch, weil Lombardi wie ein Löwe für sein Tessin kämpft. Im Ständerat hängt eine Tessiner Fahne, die Sitzungen leitet er auf Italienisch, das Büro des Ratspräsidenten ist mit «Presidente del consiglio degli stati» angeschrieben: Präsident des Ständerats. «Das habe ich nach meiner Wahl so angeordnet», sagt Lombardi stolz. Überhaupt: Die italienischsprachigen Schweizer müssten sich wehren. «Wir sind in Bundesbern in allen wichtigen Positionen klar untervertreten», sagt Lombardi. Dabei seien gerade die Tessiner exzellente Diplomaten. «Wir wissen, wie man kämpfen muss, um etwas zu erreichen. Und wir sprechen drei von vier Landessprachen.»

So stark Lombardi Berufstessiner ist, so wenig möchte er darauf reduziert werden. Der 57-Jährige sieht sich als Schweizer Staatsmann. Im Gespräch betont er immer wieder, wie wichtig eine gute Politik gerade jetzt sei. «Die Schweiz ist überall unter Druck. Der EU sind wir ein Dorn im Auge. Wir müssen aufpassen und unsere Haut teuer verkaufen.» Innenpolitische Showkämpfe wie jüngst bei der Beratung der Lex USA könne sich das Land nicht leisten. Hier spricht nicht der Tessiner, hier spricht der Ständeratspräsident.

Das Präsidium der kleinen Kammer ist ohne Zweifel die Krönung seiner Politkarriere. Weiter hinauf bringt er es nicht mehr. Dafür fehlt ihm im Bundeshaus die Unterstützung. Im Gegensatz zu den Tessinern mögen ihm einige Restschweizer seine Eskapaden nämlich nicht verzeihen. Zu spüren bekam er dies bei seiner Wahl. Sechs Ständeräte legten leer ein – das kommt in der konsensorientierten kleinen Kammer höchst selten vor.

Doch Lombardi scheint so oder so andere Ambitionen zu hegen: «Ambri darf nicht absteigen.» Sein Herz schlägt für die Weissblauen, 25 Spiele besucht er pro Saison, die Spieler kennen ihn. Mit dem ägyptischen Investor von Andermatt, Samih Sawiris, hat Lombardi einen potenten Sponsor gefunden, der finanziell etwas mithilft. Ziel ist ein neues Stadion bis 2018.

Sagts und begleitet den Journalisten hinaus aus seinem Büro. Die Krone, die wir ihm für das Foto aufgesetzt haben, will er partout nicht mehr hergeben. Doch wir brauchen sie für weitere Porträts. Erst nach dreimaligem Insistieren gibt er sie uns – verständnislos lächelnd – zurück.