Armin Laschet, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, konnte es nicht fassen. «Millionen Menschen fiebern mit der Kirche Notre-Dame in Paris, einem der bedeutendsten kulturelle Orte in Europa», schrieb der CDU-Politiker. «Warum muss man CNN einschalten, während die ARD Tierfilme zeigt?» Und Laschet fügte, unter dem Hashtag Qualitätsjournalismus, noch eine bissige Bemerkung hinzu: «Gut, dass man sich bei Privatsendern zeitnah informieren kann.»

Die ARD reagierte auf die Kritik. Alle derzeit bekannten Informationen würden in der Tagesschau an die Zuschauer weitergegeben, schrieb der Sender auf Twitter. «Sobald weitere gesicherte Informationen vorliegen, wird dort darüber berichtet.» Mit dieser Antwort gab sich Laschet aber nicht zufrieden «Sie haben die kulturelle und europäische Dimensionen dieser Katastrophe nicht begriffen.»

Auch Ulrich Deppendorf, der ehemalige Leiter und Chefredakteur des ARD Hauptstadtstudios Berlin, fragte auf Twitter, weshalb die ARD keinen Brennpunkt zum Brand von Notre Dame gesendet habe. «Schwer nachzuvollziehen», fand er.

Viele Fernsehanstalten, von ORF über CNN, BBC, NTV und N24 schalteten Sondersendungen aus Paris auf. Auch das Westschweizer Fernsehen RTS. Ganz im Gegensatz zum Schweizer Fernsehen SRF. «Weshalb berichten alle Nachrichtenkanäle mit Breaking-News-Live-Sendungen über Paris? Ausser SRF auf dem TV-Kanal?», fragte Kalligrafie-Künstlerin Li Nünlist auf Twitter.

Was sagt SRF selbst zur Kritik? Man habe im Bereich Fernsehen bereits in der Hauptausgabe der «Tagesschau» erste Bilder des Brandes gezeigt, hält Gregor Meier fest, Nachrichtenchef der TV-Chefredaktion. «In ‹10vor10› machten wir den Brand zum Schwerpunktthema.» Und statt des geplanten unmoderierten «Newsflashes» kurz vor Mitternacht habe SRF ein «Tagesschau Spezial» produziert.

Moderiert worden sei es von «10vor10»-Moderatorin Andrea Vetsch. Es habe dabei auch eine weitere Live-Schaltung nach Paris gegeben. Meier verweist vor allem auch auf den Online-Live-Stream und den Online-Ticker. Dort habe SRF «lückenlos über das Ereignis berichtet».

SRF wollte keine Verspätung von «10vor10»

Es wäre möglich gewesen, eine kurze «Tagesschau»-Sendung zwischen «1 gegen 100» und «Puls» zu schalten, sagt Meier. Damit wäre aber «10vor10» erst mit Verspätung ausgestrahlt worden. Das wollte SRF nicht: «Da haben wir uns dagegen entschieden», sagt Meier.

«Zentral für uns ist, dass wir unser Publikum optimal auf unseren verschiedenen Kanälen bedienen können», betont Meier. Das habe SRF getan, indem es die Sonderleistung online erbracht habe und das Strukturprogramm wie vorgesehen am TV. «Auch ARD und ZDF verzichteten auf eine Sondersendung im Hauptabend-Programm.»

«Jeder Westschweizer sah» Notre Dame

Ganz anders gingen die Westschweizer Kollegen von RTS vor. Um 19.55 Uhr brachte RTS im Téléjournal einen Liveflash von acht Minuten mit den ersten Bildern von der brennenden Kathedrale in Paris. Und um 20.45 Uhr kam eine zweiter Live-Flash aus Paris, für weitere acht Minuten. Parallel dazu informierte der Sender auf RTS Info online die ganze Nacht per Live-Ticker.

«Paris ist für uns Westschweizer die kulturelle Hauptstadt», sagt Bernard Rappaz, Fernseh- und Multimedia-Chefredaktor von RTS. Es sei deshalb klar, dass RTS sehr schnell reagiere, wenn in Paris Notre Dame in Brand gerate. Die Kathedrale sei ein Monument der französischen Kultur und des Katholizismus schlechthin.

«Die symbolische Kraft dieses Ortes ist sehr gross», sagt Rappaz. «Jeder Westschweizer hat Notre Dame schon einmal in seinem Leben gesehen.» Seine Fernsehkollegen aus der Deutschschweiz hingegen nimmt Rappaz in Schutz. «Es ist klar, dass sie nicht dieselbe Sensibilität haben für Notre Dame in Paris wie wir», sagt er. Die Deutschschweiz sei kulturell stärker nach Berlin und damit nach Deutschland ausgerichtet.