Kandidatur

Ein Genfer will an die Spitze der WTO - doch die Unterstützung der Schweiz ist ihm nicht sicher

Hamid Mamdouh (67) kandidiert unter der Flagge Ägyptens und mit Unterstützung der Afrikanischen Union für das Spitzenamt bei der Welthandelsorganisation mit Hauptsitz am Genfersee.

Hamid Mamdouh (67) kandidiert unter der Flagge Ägyptens und mit Unterstützung der Afrikanischen Union für das Spitzenamt bei der Welthandelsorganisation mit Hauptsitz am Genfersee.

Der ägyptisch-schweizerische Doppelbürger Hamid Mamdouh kandidiert für das Amt des Generaldirektoren der Welthandelsorganisation mit Hauptsitz in Genf. Ob er von der Schweiz Rückendeckung erhält, ist allerdings unklar.

Idyllischer könnte die Lage kaum sein. Der imposante Hauptsitz der Welthandelsorganisation WTO liegt am Genfersee zwischen dem beliebten Parc de La Perle du Lac und dem Botanischen Garten, am Ende der Avenue de la Paix, die hinauf zum Hauptgebäude der Vereinten Nationen führt. Auf der Wiese hinter der WTO, am See anliegend, räkeln sich an warmen Tagen wie derzeit Genferinnen und Genfer in der Sonne, spielen Frisbee oder üben Yoga-Posen.

Doch im Innern der WTO, wo rund 600 Personen arbeiten, sieht es anders aus. Es läuft der Kampf um die Zukunft der Organisation. Denn WTO-Generaldirektor Roberto Azevêdo gab im Mai überraschend bekannt, von seinem Amt zurückzutreten. Dies inmitten der Corona-Krise, die den Welthandel ins Schlingern gebracht hat, und vor Ablauf seiner ordentlichen Amtsdauer in einem Jahr. Der Brasilianer begründete den Schritt damit, dass es eine neue Führungskraft brauche.

Am Mittwoch läuft die Frist ab, um eine Kandidatur einzureichen. Schon jetzt ist klar, dass auch ein Kandidat mit Schweizer Pass ins Rennen um die Azevêdo-Nachfolge einsteigt: Hamid Mamdouh. Der 67-jährige Anwalt lebt seit den 80er-Jahren mit Unterbrüchen in Genf und ist schweizerisch-ägyptischer Doppelbürger. Seine Kandidatur läuft unter der Flagge Ägyptens und hat die Unterstützung der Afrikanischen Union.

«Genf, das ist mein Zuhause»

Mamdouh, der die Mehrheit seiner Karriere in internationalen Organisationen wie der WTO absolvierte, in seiner Freizeit gerne Gitarre spielt und aktuell für eine internationale Kanzlei in Genf arbeitet, sieht sich aber auch als Vertreter der Schweiz, wie er kürzlich der «Tribune de Genève» sagte: «Ich habe eine enge Verbindung zur Schweiz. Meine drei Kinder leben hier und ich habe fünf Enkelkinder. Genf, das ist mein Zuhause.» Deshalb habe er sich einbürgern lassen. Er betont, dass er die Werte der Schweiz auch an der Spitze der WTO verteidigen würde.

Doch was sagt der Bund? Unterstützt er die Kandidatur des Doppelbürgers? Auf Anfrage will man sich beim Staatssekretariat für Wirtschaft noch nicht festlegen. Mamdouh sei einer der Kandidaten auf der Auswahlliste. Man werde alle prüfen und sich dann im Rahmen eines Konsultationsverfahrens zwischen den WTO-Mitgliedern festlegen. Die Schweiz werde sich zudem dafür einsetzen, dass die WTO ihre wichtige Funktion bei der Wiederbelebung des internationalen Handels nach der Covid-19-Krise erfüllen könne.

Das US-amerikanische Center for Strategic and International Studies nennt Mamdouh als ersten Kandidaten in einer Liste von möglichen Azevêdo-Nachfolgern. Danach folgen in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannte Namen wie Azevêdos Stellvertreter aus Nigeria, Benins UN-Botschafter, eine kenianische Diplomatin und ein ehemaliger EU-Kommissär aus Grossbritannien. Dazu gesellen sich Anwärter aus Mexiko und Europa. Laut dem Think Tank stehen die Chancen gut, dass erstmals jemand aus Afrika die Spitze der WTO übernehmen könnte. Dass noch nie eine Frau das Amt innehatte in der Geschichte der Organisation, wird in internationalen Analysen hingegen praktisch ausgeblendet.

Die Baustellen, die auf die WTO warten

Wer auch immer den prestigeträchtigen Posten am Genfersee übernehmen wird, ist mit zahlreichen Baustellen konfrontiert: Die Blockade der WTO-Streitschlichtungsstelle durch die USA, der trotz der Pandemie weiterlaufende Handelsdisput zwischen China und den Vereinigten Staaten, und die Sackgasse, in der sich die Doha-Verhandlungen befinden, um neue Handelsregeln zu definieren.

Vor allem aber hat die Pandemie die Schwächen der heutigen Welthandelsorganisation schonungslos aufgedeckt, wie die «Washington Post» zuletzt schrieb. Die Krise hat gezeigt, dass zahlreiche Länder sich keinen Deut um multilaterale Handelsregeln scherten, als es um die Beschaffung von Mundschutzmasken, Beatmungsgeräten und andere medizinische Hilfsmittel ging. Manche Regierungen führten gar Exportkontrollen ein, um wichtige Materialien im eigenen Land zu behalten.

Die Schweiz erwartet eine Reform der WTO

Die WTO wird in den kommenden, instabil bleibenden Jahren somit versuchen müssen, die Parteien wieder vermehrt auf den Kurs der wirtschaftlichen Kooperation einzuschwören. Dies dürfte sich als umso schwieriger erweisen, als die USA unter Präsident Donald Trump die WTO zuletzt mehrfach kritisierten und lieber auf Alleingänge als auf Multilateralismus setzen. Zudem könnte die protektionistische «Jeder für sich allein»-Haltung vorhanden bleiben angesichts der düsteren Aussichten, wonach die Weltwirtschaft dieses Jahr um bis zu 30 Prozent einzubrechen droht.

Ein Sprecher des Staatssekretariats für Wirtschaft sagt, dass es für die Schweiz wichtig sei, dass das multilaterale Handelssystem der WTO nicht nur erhalten bleibe, sondern sogar gestärkt werde. Dazu müsse die Organisation allenfalls reformiert und an die aktuellen Herausforderungen angepasst werden. Die Schweiz nehme in den entsprechenden Verhandlungen eine aktive Rolle ein. Und: «Die neue Generaldirektorin oder der neue Generaldirektor wird eine wichtige Rolle bei der Umsetzung dieser Reform spielen.»

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