Dieses Gesicht erlaubt jede Bosheit. All die Geissenpeter dieser Welt wirken im Vergleich zu Michael Elsener wie hinterlistige Halunken. Dieses Gesicht, es ist wie ein Witz. Weil so lieb, so unschuldig und doch bisweilen bitterböse.

Aber nur böse für jene, die aus seiner Optik Absurdes tun. Wie Kleinkredit-Firmen, deren Werbung darauf abzielt, junge Menschen zu ködern, obwohl das eigentlich verboten ist.

Oder Johann Schneider-Ammann, bis letztes Jahr unser Digital-Minister, für den der Datenschutz gewährleistet ist, solange er weiss, wo sein Laptop liegt. Ja, solche Dinge findet der Elsener absurd.

Und dann passiert etwas, das eigentlich nicht zu seinem Gesicht passt. Er kniet sich rein, recherchiert, diskutiert, verbeisst sich ins Thema und lässt erst wieder los, wenn er die Absurdität in einen satirischen Mantel gehüllt hat. «Ich mag seine menschfreundliche Bosheit», sagt etwa Roger de Weck, der frühere SRG-Generaldirektor.

Seit «Giacobbo/Müller» im Dezember 2016 letztmals ausgestrahlt wurde, herrscht so etwas wie Satire-Notstand im Schweizer Fernsehen. Zwar wurde Dominic Deville lanciert. Aber nicht auf der grossen Sonntagabend-Bühne.

Wohl zu Recht: Denn Deville ist kein Sympathieträger. Und dass er mal Punk war, macht ihn heute nicht zu einem rotzigeren Comedian als andere. Bringt Deville die gleiche Pointe wie Elsener, muss er damit rechnen, dass er unten durch ist.

Dem charmanten Herrn Elsener hingegen verzeiht man fast alles. «Gmögig sein macht für einen Satiriker im Fernsehen 60 Prozent der Miete aus», sagt Kabarettist Bänz Friedli. «Und Elsener ist definitiv ein gmögiger Typ. Deshalb: Wenn ein Schweizer Satiriker den Sonntagabend rocken kann, dann Elsener.»

Socken statt einer Playstation

Schon als Kind lernt Elsener, dass eine Ungerechtigkeit leichter zu ertragen ist mit Humor. «Es gab eine Verwandte, die hat mir immer Socken zu Weihnachten geschenkt», erzählt er. «Bei dieser Person habe ich mich stets überschwänglich mit einem Brief für die geile Playstation bedankt.»

Später, als er beginnt, sich für Politik zu interessieren, saugt er alles auf. Bilder, Zitate, Meinungen. Er entwickelt eine grosse Lust an der Debatte, hinterfragt, parodiert, ordnet ein. Und bevor er 2010 sein Studium der Politikwissenschaften und Publizistik mit dem Master abschliesst, tourt er mit einem Soloprogramm durch die Schweiz.

Wir treffen uns im Langhuus, einem Kulturlokal in Cham. An einer Kleiderstange hängen etwa fünf verschiedene Hemden. Mindestens eines für jeden Fotografen, den er an diesem Tag empfängt. Ein Detail, gewiss. Aber eines, das ziemlich viel darüber aussagt, wie Elsener funktioniert. Er überlässt kaum etwas dem Zufall, arbeitet viel und hart, weshalb er vor 13 Uhr kaum je erreichbar ist, weil er bis dann reinzieht, was die Medien ausspucken.

Lustvoller Unterricht

«Er ist ein grosser Schaffer. Und er weiss, wovon er spricht, weil er über das notwendige Rüstzeug verfügt, um politische und gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen und einzuordnen», sagt Gisela Widmer, ehemalige Autorin der SRF-Satiresendung «Zytlupe», Theaterautorin und Dozentin an der Schweizer Journalistenschule MAZ. «Michi arbeitet nicht mit Schenkelklopfhumor oder nur mit Wortspielen. Er macht richtig kluge Satire, die auf politischen und gesellschaftlichen Analysen basiert.»

Comedy-Essay nennt Elsener diese Form. Andere nennen es die lustvolle Art eines Volksschul-Unterrichts. Womit Elsener aber nicht viel anfangen kann. «Ich sehe mein Programm als Unterhaltung, die etwas mitgibt. Das Publikum soll gleichzeitig lachen und einen neuen Blickwinkel auf aktuelle Geschehnisse erhalten.»

Oder: Er greift Themen auf, die andere Comedians meiden. Weil sie ihnen zu kompliziert, zu schwierig oder zu trocken erscheinen.

Ständig versuche Elsener, den Kern einer Sache zu entdecken, sagt Gisela Widmer. «Die Suche nach dem Kern zeichnet den guten Satiriker aus. Und dann gilt es, den Kern, die Wahrheit bis zur Kenntlichkeit zu vergrössern. Das gelingt Michi meisterhaft.»

Wie er funktioniert, erklärt Elsener am Beispiel Schneider-Ammann, als dieser sagte, er wisse, wo sein Laptop liege, also sei die Datensicherheit gewährt. «Also denke ich: Lass uns die Probleme und die offenen Fragen, die wir mit der Digitalisierung haben, und den zuständigen Politiker, der nicht weiss, was Sache ist, kombinieren. Ich habe aber keinen missionarischen Anspruch. Ich erwarte nicht, dass das Publikum so denkt wie ich. Vielleicht löst es beim Publikum etwas aus. Wenn nicht, schade.»

Gut möglich, dass die Nummer von Einzelnen als persönlicher Affront gegen den Altbundesrat aufgefasst wird. Elsener aber glaubt: «Wenn man als Satiriker ein Problem hat, dann nur, wenn die Leute das Thema des Witzes mit dem Ziel des Witzes verwechseln. Ein Witz über den Papst und dessen Haltung gegenüber Frauen in der katholischen Kirche ist keine Gotteslästerung. Ich meine: Wenn man Ironie verstehen will, versteht man sie auch. Mein Publikum weiss, worauf es sich einlässt. Die besuchen mich, weil sie wollen, dass ich sie vor den Kopf stosse.»

Mag sein. Nur ist Elsener gerade daran, seinem Kleinkunst-Publikum zu entwachsen. Spätestens, wenn er ab 20. Januar mit «Late Update» auf Sendung geht, den Mainstream bedienen soll und in der gesamten Deutschschweiz besprochen wird. Satire bedinge eine kindliche Lockerheit, meint Elsener. «Ich halte deshalb nicht viel davon, Druck aufzubauen. Ich lerne mit dem Publikum, von Ausgabe zu Ausgabe, wie man die Show macht. Das ist das Faszinierende an diesem Spielplatz.»

Für de Weck ist Humor eine exakte Wissenschaft. «Entweder lacht das Publikum, oder es lacht nicht – bei Michael Elsener gilt: Er hat gut lachen, wir auch.» Aber die Schose ist knifflig. Ein Spagat zwischen Teleboy-Publikum und Late Night. Aber Elsener kann das, glaubt Friedli. «Allein schon, weil er nicht den Anspruch hat, das Fernsehen neu zu erfinden. Nein, er macht, was in Amerika mit der Daily Show sehr gut funktioniert.»

Oder in Deutschland. Beispielsweise die «Heute Show» auf ZDF. Weshalb es nur eine Frage der Zeit ist, bis der erste Vorwurf des Abklatsches kommt. Was Elsener aber nicht kümmert. «Das Format ist erfunden», sagt er. «Die entscheidenden Faktoren sind indes der Gastgeber und sein Team. Und die Haltung der Macher, wie sie mit der Aktualität umgehen. Das alles ist nicht kopierbar.»

Ein Unterschied zu Oliver Welkes «Heute Show» ist zweifellos die Vertiefung des Schwerpunkt-Themas. Aber leider auch der eher zähe Start. In der Pilotsendung dauerte es fünf, sechs Minuten, ehe man in der Sendung drin war. Im Fernsehen entscheiden diese ersten fünf Minuten, ob der Zuschauer die Finger von der Fernbedienung lässt oder nicht.

Im Theater indes verlässt kaum jemand nach fünf Minuten den Saal. «Ich sehe Dutzende Dinge, die man anders hätte machen sollen», räumt Elsener ein. «Eine Schwierigkeit ist: Auch ein Comedian braucht Zeit, um warm zu werden. Deshalb sage ich allen: Wenn ihr dranbleibt, wird es nur noch besser.»

Wer zuschaut, soll besser schlafen

Keine Bange: Er kann das, wenn man ihn beim Schweizer Fernsehen gewähren lässt, meint Bänz Friedli. Dass man ihm Freilauf einräumt, ist Elsener überzeugt. «Live on Tape» laute die Abmachung, sagt er. Also keine nachträglichen Reparaturarbeiten. Selbst wenn es wie in der Pilotsendung eine Panne gibt. «Wir werden mit so viel crazy shit eingedeckt, da gibt es das Bedürfnis von einordnen, abstrahieren, trennen und zusammenfassen», sagt Elsener. «Deshalb trink meinen Cocktail und du weisst, um was es letzte Woche gegangen ist. Die Sendung ist eine Verarbeitungs- und Verdauungshilfe, damit man besser schlafen kann. Das ist mein Anspruch.»

«Late Update» beinhaltet alle Ingredienzen, die auch einem klassischen Nachrichtenmagazin beigemischt sind: Neben dem Schwerpunkt-Thema Einspielfilme, Korrespondentenschaltungen, Expertengespräche und einen Talk mit einem Promi. Häufig ein Politiker.

Nur: Was riskiert ein Politiker, wenn er in seine Sendung geht? «Dass er betrunken rausgeht», ulkt Elsener. «Für einen Politiker ist es eine grosse Chance, in eine Sendung wie ‹Late Update› zu gehen, weil er sich von einer anderen Seite zeigen, die Ketten ablegen kann. Alle, die ich wollte, sind irgendwann zu mir gekommen – und keiner hat es bereut.» Denn einerseits ist es mehr eine Art kollegiales Veräppeln. Andererseits ist er doch so «herzig, herzlich, charmant, ehrlich – und sehr besorgt, wenn was Ungutes läuft», wie Gisela Widmer sagt. «Am liebsten würde ich ihn adoptieren.» Das wollen schon sehr bald sehr viele andere auch.

Sie prägten die heimische Comedy-Szene: