Birgit Günter

So viel ist klar: Der Boden im Raum Muttenz/Birsfelden ist noch immer mit Schadstoffen aus den Deponien belastet - und wird dies noch jahrzehntelang sein. «Die vollständige Entfernung der heutigen Spurenstoffe wird noch lange dauern», sagt Adrian Auckenthaler, Leiter Ressort Gewässer und Altlasten beim Baselbieter Amt für Umweltschutz und Energie (AUE). «Das Grundwasser hat ein langes Gedächtnis.»

Die grössten Sünder sind dabei die drei Muttenzer Deponien Feldreben, Rothausstrasse und Margelacker. Von ihnen sowie von der Deponie Hirschacker in Grenzach sind die Schadstoffe Richtung Hardwald geflossen, von wo die Menschen in der Region Basel grösstenteils ihr Trinkwasser beziehen. Ein Teil der gefundenen chlorierten Kohlenwasserstoffe stamme zudem aus dem Rheinwasser, sagte Volker Lützenkirchen vom beauftragten Geologiebüro.

Die Behörden haben an der gestrigen Präsentation der neuesten Resultate aber zugleich entwarnt: Wegen veränderter Strömungen im Boden sei heute kein Einfluss der Deponien auf das Trinkwasser mehr messbar. Dabei stützen sich die Fachleute auf Untersuchungen zur hydrogeologischen Situation. Diese zeigen, dass das Wasser bis ins Jahr 1954 von den Deponien Richtung Hardwald geflossen war - in dieser Zeit haben sich die Schadstoffe grossflächig im Muttenzer Untergrund verteilt. Mit dem Bau des Kraftwerks hat sich die Strömung nach Osten verlagert; und seit den kurz darauf eingeleiteten Rheinwasserversickerungen zur Trinkwassergewinnung in der Hard fliesst das Grundwasser nun in einem Bogen nach Westen - weg von der Hard.

Dass dies ein Grund zur Entwarnung sei, bezweifelt aber Martin Forter von Greenpeace (siehe Interview unten). Auch Peter Huggenberger, Geologe der Universität Basel, verweist darauf, dass manche Stoffe sich jetzt weiterverbreiten in Richtung Birs, Rhein und Südwesten. «Auch der aktuelle Deponieabstrom hinterlässt seine Spuren», sagt er. «Die Situation ist sehr dynamisch.» Will heissen: Auch die jetzige Grundwasserströmung kann sich wieder ändern.

Der Fahrplan für die Zukunft sieht nun so aus: Die Deponie Feldreben soll saniert werden. Mit den Arbeiten wird aber frühestens Ende 2010 begonnen. Margelacker und Rothausstrasse werden bis 2012 «überwacht». Anschliessend beurteilt das Baselbieter AUE die Situation erneut. An ihrem nächsten runden Tisch im September wollen sich die Beteiligten zudem einigen, wer welche Kosten dieser angekündigten Massnahmen übernimmt, erklärte AUE-Leiter Alberto Isenburg. Der Kanton schlägt vor, dass die Chemie 25 Prozent zahlt. Den grössten Teil soll die öffentliche Hand übernehmen: Neben Kantonsbeiträgen sollen Gelder aus dem Altlasten-Fonds (Vasa) des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) allein für 40 Prozent der Kosten aufkommen (siehe Grafik unten).

Regierungsrat Jörg Krähenbühl hat trotz Protesten - vor allem von grüner Seite - nicht vor, den Chemiefirmen noch mehr Kosten aufzubürden. «Sie sind für maximal 2 bis 5 Prozent des Deponieinhalts verantwortlich», argumentierte er. «Es handelt sich um Siedlungsabfall- und nicht um Chemiemülldeponien.» Der Kanton habe sich entschlossen, den Kooperationsweg zu gehen, so Krähenbühl. Denn er ist überzeugt: Würde man die Chemie mit höheren Forderungen belangen, so würden das alles hinauszögern, da die Chemie diese anfechten würde.

Wie vertrackt die ganze Sache mit dem Kostenschlüssel ist, versuchte Altlasten-Experte Lorenz Lehmann aufzuzeigen: Schon bei der Frage, wer als Verursacher gelte - ob Deponiebetreiber oder Abfallerzeuger -, würden sich die Geister scheiden. Es gebe da sehr viel juristischen Spielraum. Auch wenn einiges noch offen ist: Die Beteiligten sind überzeugt, dass sie wegen der vielen Untersuchungen - die bisher laut Krähenbühl sechs Millionen Franken gekostet haben - jetzt genug wissen, um mit dem Problem umgehen zu können. Die Trinkwasserqualität sei weiterhin garantiert - dank der Aufbereitung des Hardwassers mit einem Aktivkohlefilter und dank des aufgestauten Grundwasserbergs. «All diese Altlasten widerspiegeln halt unsere Industrie- und Siedlungsgeschichte», meinte Regierungsrat Krähenbühl trocken.