Urs Karli

Droht dem Kantonsspital Aarau ein administrativer Super-GAU?

Urs Karli: Der CEO des Kantonsspitals Aarau ist der Überzeugung, der Aargau sollte in Bereichen wie etwa bei Herztransplantationen keine neue Baustelle eröffnen.  (Bild: Chris Iseli)

«Vor administrativem Super-GAU»

Urs Karli: Der CEO des Kantonsspitals Aarau ist der Überzeugung, der Aargau sollte in Bereichen wie etwa bei Herztransplantationen keine neue Baustelle eröffnen. (Bild: Chris Iseli)

Der CEO des Kantonsspitals Aarau (KSA), Urs Karli, befürchtet angesichts vieler drohender Krankenkassen-Tarife einen administrativen Super-GAU. Und spricht über Stärken sowie den akuten Platzmangel im Spital.

Mathias Küng

Welches ist aktuell die grösste Herausforderung für das KSA?

Urs Karli:Die grösste Herausforderung ist die Umsetzung unserer neuen Unternehmensstrategie. In diesem Zusammenhang wollen wir auch unsere Raumnot angehen. Das Spitalgelände ist einfach zu klein für die Zahl der bei uns behandelten Patienten. Das spüren diese auch.

Wie?

Karli: Indem wir etwa nicht mehr jedem Erstklasspatienten das ihm eigentlich zustehende Einzelzimmer geben können. Jeden dritten Tag bekomme ich ein Mail zur Raumnot. Wir wollen neue Patienten aufnehmen, haben aber kaum freie Betten.

Mit Blick auf die neue Spitalfinanzierung herrscht grosse Verunsicherung. Wie sehen Sie das?

Karli: Hier stehen wir vor einem administrativen Super-GAU. Im neuen System muss jedes Spital mit den Krankenkassen Tarife aushandeln. Wenn – wie von der Helsana angekündigt – die Kassen dies einzeln durchziehen, müssen wir für jede Kasse ihren Tarif abbilden. Im Moment gibt es in der Schweiz rund 80 Krankenkassen. Die Tarife gelten in der Regel für ein Jahr. Zudem wird es rund 1200 diagnosebasierte Fallpauschalen (DRG) geben. Wenn man die noch mit verschiedenen Tarifen hinterlegen und jährlich anpassen muss, macht mir das wirklich Angst!

Die Kantonsspitäler stehen vor enormen Investitionen. Wie sehr treibt Sie die Idee eines neuen Spitals auf der grünen Wiese anstelle der beiden Spitäler um?

Karli: Dieser Gedanke ist sehr attraktiv. Als ich zum ersten Mal davon hörte, dachte ich: Das muss man so machen. Doch ein Zentralspital anstelle der beiden Kantonsspitäler wird es nicht geben. Der Kanton wird es seinen Bürgerinnen und Bürgern nicht zumuten wollen, dass alle aus allen Ecken des Kantons zur Behandlung in ein einziges Spital fahren müssen.

Warum nicht?

Karli: Viele Aargauerinnen und Aargauer sind im Einzugsgebiet der Universitätsspitäler Zürich und Basel daheim. Wenn diese für sie künftig viel leichter und schneller erreichbar sein sollten als das eigene Kantonsspital, würde sich der Aargau einen wesentlichen Nachteil schaffen.

Auch wenn er dann das modernste Spital hätte, was ja ein Wettbewerbsvorteil wäre?

Karli: Es gibt eine andere, ebenso gute Lösung mit weiterhin zwei Kantonsspitälern. Etwa indem wir das Leistungsangebot der spezialisierten Medizin untereinander aufteilen, während die Grundversorgung natürlich an beiden Standorten bleiben muss. Unser Kanton der Regionen braucht auch künftig mehr als ein Kantonsspital.

Welches sind Ihre Stärken bei der spezialisierten Medizin?

Karli:Tumorbehandlung und Gefässerkrankungen – darunter etwa die Behandlung von Schlaganfallopfern – sowie Traumata, zum Beispiel Unfallopfer. Traditionell besonders stark sind wir beispielsweise in der Behandlung von Hirntumoren. Hier haben wir ein besonders starkes Team von Neurochirurgen, Internisten und Radiologen. Und wir bieten Systemmedizin an.

Was ist darunter zu verstehen?

Karli:Das heisst, dass die Spezialisten zusammenkommen, um einen Patienten zu besprechen. Der Patient muss nicht mehr zur Medizin kommen und wird nicht mehr von einem Arzt zum nächsten geschoben. Jetzt kommt die Medizin zu ihm. Eine solche Leistung kann allerdings nur ein Spital unserer Grösse erbringen.

Viele befürchten als Folge der kommenden Gleichbehandlung aller Listenspitäler (öffentliche und private) einen Kostenschub.

Karli: Das sehe ich nicht so. Es wird eine Kostenverlagerung geben und die Administration wird aufwändiger. Das neue Abrechnungssystem wird auch einen gesunden Druck aufbauen, stationäre Leistungen wo möglich ambulant zu erbringen.

Warum?

Karli: Künftig werden nicht mehr die entstehenden Kosten vergütet sondern es wird zu definierten Preisen, so genannten Fallpauschalen, abgerechnet. Das motiviert die Spitäler, ihre Leistungen in guter Qualität, aber auch möglichst günstig zu erbringen.

Weit verbreitet ist aber die Angst, dass Patienten dann zu früh entlassen werden und sich unnötige Komplikationen ergeben.

Karli:Das neue System fördert eine frühere Entlassung, das stimmt. Verfrühte Entlassungen wird es aber nicht geben, weil in Zukunft zwischen den Spitälern der Wettbewerb mehr spielt – und zwar über die Kantonsgrenzen hinaus. Jedes Spital ist auf seinen guten Ruf bedacht. Sollte ein Patient tatsächlich zu früh heimgeschickt werden und gäbe es Komplikationen, würde es fürs Spital viel teurer, weil es die Zusatzkosten selbst tragen müsste. Und – ganz wichtig – aus ethischen Überlegungen entlassen die Ärzte Patienten ohnehin nicht früher, als sie verantworten können.

Das grösste Problem im Gesundheitswesen ist der ununterbrochene Kostenanstieg. Wo setzen Sie an, um ihn zu dämpfen?

Karli: Wir gehen dazu über, womöglich Patienten bereits am Eintrittstag zu operieren und nicht erst wie früher am Tag danach. Das senkt die Verweildauer. Stationäre Leistungen erbringen wir wo möglich ambulant. Und mit unserem Forschungsprojekt «Optima» wollen wir erreichen, alle Patienten optimal zu betreuen, indem wir deren medizinische und pflegerische Bedürfnisse genauer erkennen und sie gezielter behandeln.

Für die KSA-Erneuerung rechnet man mit mindestens 500 Millionen Franken. Was bekommen wir potenziellen Patienten dafür?

Karli: Bis Ende Jahr werden wir den Masterplan für das künftige KSA vorlegen. Dieses wird viel kompakter sein und aus weniger Gebäuden bestehen. Danach folgt der politische Prozess.

Und wer bezahlt? Müssen Sie das Geld dann via Fallpauschalen selber aufbringen?

Karli: Das wird für einen Neubau nicht funktionieren. Hier muss der Kanton Hilfe leisten. Sonst hätte das KSA einen kompetitiven Nachteil gegenüber anderen Spitälern.

Das heisst?

Karli: Der Kanton Zug hat eben ein hochmodernes Spital gebaut. Dieses erhält für seine Leistungen dann etwa dieselben Tarife wie wir. Mit diesem Geld müssten wir aber noch ein neues Spital finanzieren! Das ginge nicht.

Wie soll es also gehen?

Karli: Ich beobachte in anderen Kantonen und bei uns den politischen Willen, die Spitalliegenschaften erst in einen vernünftigen Status zu bringen und sie dann den Spitälern zu übertragen. Die Finanzierung eines Neubaus wird Verhandlungssache zwischen Kanton und Spital AG sein.

Die Gesundheitspolitische Gesamtplanung schlägt zur Eigentümerschaft der Spitäler mehrere Varianten vor. Was wollen Sie?

Karli: Wir wollen auf jeden Fall Eigentümer werden. Dabei geht es uns nicht um die Liegenschaften per se, sondern um schnelle Entscheidungswege. Die sind notwendig, um im Wettbewerb bestehen zu können.

Wir haben von der notwendigen Spezialisierung der Spitäler gesprochen. Wie steht es um die hoch spezialisierte Medizin?

Karli: Der Aargau sollte in Bereichen wie etwa bei Herztransplantationen keine neue Baustelle eröffnen. Aber er soll sich auf seine Stärken besinnen.

Sie denken dabei ...

Karli: ... an das Paul-Scherrer-Institut (PSI) und seine Protonenbestrahlung. Es ist sehr sinnvoll, hier weiter zu investieren. Diese Therapie ist im PSI am richtigen Ort, weil man sie nicht ohne begleitende Forschung anbieten darf. Es wäre eine grosse Gefahr, sie in kommerzielle Hände zu geben. Hier kann der Aargau ein Wörtchen mitreden. Das soll er tun.

Im neuen Bahnhof Aarau planen Sie einen zweiten Standort – sehr argwöhnisch beobachtet von vielen Hausärzten. Wo stehen Sie?

Karli: Wir wollen am 1. Januar 2012 acht Zentren und Sprechstunden im Bahnhof eröffnen, darunter einen Notfall. Wir wollen damit die Hausärzte nicht konkurrenzieren. Wir verhandeln derzeit mit Ärzten, die sehr gern in dieser Notfallpraxis arbeiten möchten. Ich betone: Im Bahnhof werden nicht hausärztliche Sprechstunden angeboten, sondern eine ärztliche Erstversorgung und eine Triage. Je nach Schwere des Falls können Patienten dann ins Spital weiter verwiesen werden oder zurück an den Hausarzt.

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