Frau Carobbio, als Sie vom Bahnhof hierher gekommen sind, sind Sie da Drogendealern begegnet?

Marina Carobbio: Nein. Das heisst aber nicht, dass wir in der Schweiz keine Probleme mit Drogen haben.

Offene Drogenszenen wie in den 1990er-Jahren gibt es nicht mehr, auch Bandenkriege kennen wir nur aus den Nachrichten. Weshalb soll der Status quo in der Drogenpolitik verändert werden?

Unsere Viersäulenpolitik war und ist erfolgreich, aber sie reicht nicht mehr aus. Der Schwarzmarkt ist gross und die Konsumenten leiden teilweise unter gravierenden Folgen – gesundheitliche wie gesellschaftliche.

Im Parlament und vor dem Volk ist eine Liberalisierung der Drogenpolitik mehrfach gescheitert. Sind Ihre Bestrebungen nicht illusorisch?

Eine nationale Regelung ist im Moment tatsächlich schwierig. Deshalb begrüssen wir die Pilotprojekte in den verschiedenen Städten, woraus dann Lehren gezogen werden können. Wir wollen die öffentliche Diskussion anstossen.

Wenn der Drogenkonsum entkriminalisiert wird, ist das doch ein Anreiz – gerade für junge Leute – es einfach mal auszuprobieren.

Heute werden viele Ressourcen für die Repression gebunden, die viel besser eingesetzt werden könnten. Wir wollen keinesfalls Minderjährigen den Zugang zu Drogen erleichtern, im Gegenteil. Es würden Mittel frei werden, die für den Jugendschutz eingesetzt werden könnten.

Würde insgesamt die Anzahl der Drogenkonsumenten mit Ihrem Modell nicht zunehmen?

Das glauben wir nicht. Man sollte in erster Linie das Schadenspotenzial der einzelnen Substanzen anschauen. Und da sieht man, dass zum Beispiel der Alkohol gerade im Vergleich zum Cannabis sehr schädlich sein kann.

Was sagen Sie Müttern und Vätern, die sich bezüglich Drogen Sorgen um ihre Kinder machen?

Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern, einer meiner Söhne ist 17 Jahre alt. Ich kann gut verstehen, dass Ängste vorhanden sind. Gerade deshalb wollen wir die Diskussion über die Drogen, die nun einfach mal eine Realität sind, versachlichen.

*Marina Carobbio ist NAS-Präsidentin und SP-Nationalrätin