Es war ein Aargauer Heimspiel: Als am 22. Juni 2016 Coop-Präsident Hansueli Loosli, ein Wettinger, das neue Verteilzentrum in Schafisheim AG eröffnete, war auch die damalige Bundesrätin Doris Leuthard eingeladen. Die Merenschwanderin richtete das Grusswort an das versammelte Publikum und nahm am Rundgang durch die neue Zentrale und die Grossbäckerei teil. Dabei wich Coop-Präsident Loosli der Magistratin, in entsprechender Fabrik-Montur inklusive Haarnetz, praktisch nicht von der Seite. Einzig beim Fotoshooting beim gemeinsamen «Zöpfle» überliess er Coop-Chef Joos Sutter den Vortritt.

Der ehemaligen Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) scheint es beim Detailhändler gefallen zu haben. Denn Coop schlägt Leuthard, die Ende letzten Jahres ihre Bundesratskarriere beendete, bei der Wahl vom 28. März der Delegiertenversammlung zur Wahl in den Verwaltungsrat vor. Auch für die Tochterfirma Bell ist die Ex-Politikerin nominiert. Den Jahreslohn für beide Mandate schätzt die «Handelszeitung» auf rund 200 000 Franken. Die Nomination sorgte umgehend für politische Kritik.

Alt-Bundesrätin Doris Leuthard wird Coop-Verwaltungsrätin

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Vorerst wäre die 55-jährige Leuthard bei Coop einfaches Verwaltungsratsmitglied. Dass sich die weit vernetzte Leuthard, die auch schon mit Ex-US-Präsident Barack Obama am selben Mittagstisch sass, damit zufrieden gibt, scheint allerdings unwahrscheinlich. Auf sie dürfte mittelfristig das Präsidium warten. Loosli ist 64-jährig und dürfte sich über seine Stabübergabe Gedanken machen, auch wenn diese erst in spätestens sieben, sechs Jahren fällig wird.

Mit Leuthard hat sich Coop die wohl derzeit begehrteste Wirtschaftsfrau geangelt. Wie die Redaktion von CH Media weiss, buhlten andere namhafte Firmen um sie. Bei der Migros-Genossenschaft liebäugelte man ebenfalls mit einer Nominierung Leuthards für das frei werdende Präsidium.

Nur: Während ihre Wahl bei Coop reine Formsache sein dürfte, hätte sich Leuthard bei der Migros am 23. März einer Kampfwahl stellen müssen – mit dem Risiko, als renommierte Bundesrätin nicht gewählt zu werden. Bei der Migros stehen sich zwei Frauen gegenüber: SBB-Managerin Jeannine Pilloud und Ursula Nold, die Präsidentin der Migros-Delegiertenversammlung.

Coop dürfte sich von Leuthard auf politischer Ebene Einiges versprechen. So kämpft der Detailhändler für härtere Regeln bei der Verzollung von ausländischen Online-Lieferungen und beim Kampf gegen den Einkaufstourismus. Und sollte es auf politischer Ebene Probleme in ausländischen Märkten geben, wo Coop mit der Grosshandelsfirma Transgourmet aktiv ist, könnten sich Leuthards Kontakte ebenfalls als wertvoll erweisen.

Doris Leuthard tritt unter Tränen zurück

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Heikles Doppelmandat

«Ich bin stolz, dass wir mit Doris Leuthard eine profilierte und hoch kompetente Schweizer Persönlichkeit für eine Kandidatur in den Verwaltungsrat gewinnen konnten», lässt sich Hansueli Loosli zitieren. Er selbst trat 2011 als Coop-Chef ab und liess sich gleich im Anschluss zum Präsidenten wählen. Im selben Jahr kam das Präsidium beim bundesnahen Telekomkonzern Swisscom hinzu – einem Amt, bei dem er ebenfalls mit Leuthard zu tun hatte, der als Uvek-Chefin die Oberaufsicht oblag.

Looslis Doppelmandat ist insofern heikel, als Coop und Swisscom in verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten. Kürzlich mussten die beiden Firmen einen Flop mit dem Onlineportal Siroop verbuchen. Und neu bietet Coop sein Mobile-Handyangebot mit der Swisscom an. Loosli versichert, bei solchen Themen mit Interessenskonflikt in den Ausstand zu treten.