Doch Marschhalt bei Grippe

Bei Grippesymptomen eine Hygieneschutzmaske anziehen und trotzdem zum Dienst einrücken? Das ordnete die Armee vor zwei Tagen an – nun macht sie für Soldaten, die hohes Fieber haben, aber rechtsumkehrt.

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Hans-Peter Wäfler

Die Behörden arbeiten mit Hochdruck daran, eine drohende Schweinegrippe-Welle in der Schweiz einzudämmen. Für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist sogar Komiker Beat Schlatter im Einsatz und appelliert in Fernseh-Spots an die Bürger, bei Grippesymptomen zu Hause zu bleiben.

Ganz anders die Botschaft, welche die Armee vor zwei Tagen verbreitete. An Soldaten in Wiederholungskursen oder Rekruten würden ab sofort je zwei Hygienemasken abgegeben, hiess es in einer Mitteilung des Verteidigungsdepartements. Und: «Damit können Armeeangehörige auch dann in den Militärdienst einrücken, wenn sie bereits Grippesymptome haben.» Alles andere als erfreut reagierte das Bundesamt für Gesundheit auf diese Mitteilung der Armee: «Das widerspricht unseren Empfehlungen», sagte BAG-Sprecher Jean-Louis Zürcher gestern auf Anfrage.

Muss sich ein Soldat mit Grippesymptomen also wirklich in den Zug setzen und unter Umständen durch die halbe Schweiz fahren, wenn er am Sonntagabend in den Dienst einzurücken hat? Gegenüber der MZ präzisierte

gestern Franz Frey, Chef des militärärztlichen Dienstes, den Marschbefehl auch bei Grippesymptomen: «Hat ein Armeeangehöriger 38 Grad Fieber, muss er nicht einrücken, das wäre unzumutbar - auch wegen der Ansteckungsgefahr für Mitreisende im Zug.»

Kampf gegen Simulanten

Einen Krankheits-Freipass gibt es von der Armee aber dennoch nicht. Soldaten, die «Anzeichen einer Erkältung» feststellen, müssen die Hygieneschutzmaske anziehen und einrücken, auch wenn sie dazu den Zug nehmen müssen, stellt Franz Frey klar. Und er meint: «Das ist verantwortbar.» Auch Soldaten, denen der Dienst kurz bevorsteht und die noch über keine Hygieneschutzmasken verfügen, dürfen bei Erkältungsanzeichen nicht einfach zu Hause bleiben. «In solchen Fällen müssen Armeeangehörige den Hausarzt kontaktieren. Dieser entscheidet, ob ein Soldat einzurücken hat», so Frey.

Das heisst: Die Armee hält an ihrem Grundsatz fest, dass Erkrankte nur dann nicht einrücken müssen, wenn ein Arzt ihnen Transportunfähigkeit bescheinigt. Da die «meisten nicht ganz freiwillig in den Militärdienst gehen», gelte das auch angesichts einer drohenden Schweinegrippe-Welle, sagt Militärarzt Frey. Er räumt ein, dass die Armee so auch gegen Simulanten kämpft: «Wir wollen vermeiden, dass Armeeangehörige unter dem Vorwand einer möglichen Schweinegrippe-Infizierung nicht zum Dienst kommen.»

Rückt jemand mit einer Erkältung ein oder erkrankt im Dienst, wird er vom Truppenarzt untersucht. Und auch wenn bei einem Armeeangehörigen die Schweinegrippe diagnostiziert wird, kann er nicht davon ausgehen, diese zu Hause auskurieren zu können. «Eine Behandlung der Grippeerkrankung findet bei der Truppe statt», heisst es in der Mitteilung der Armee. Militärarzt Frey begründet dies damit, dass junge Männer, die Dienst leisten, nicht zur Risikogruppe von Personen gehören, bei denen mit einem schweren Verlauf der Schweinegrippe zu rechnen sei. Sie könnten in der Sanität von der Truppe isoliert werden, bis eine Schweinegrippe-Erkrankung ausgestanden sei, so Frey: «Wer nach einer Erkrankung einen Tag lang keine Symptome mehr aufweist, kann wieder Dienst leisten.»

Zu wenig Platz in Kaserne Liestal

Ob die Behandlung aber tatsächlich bei der Truppe erfolgen kann, hängt von der Infrastruktur vor Ort ab. So wurden von den zehn Rekruten in der Kaserne Liestal, bei denen diese Woche die Schweinegrippe diagnostiziert worden war, sowie von zwölf Kontaktpersonen diejenigen in die «Heimquarantäne» geschickt, bei denen dies die Umstände erlaubten. Nach Hause gehen konnte, wer einwilligte und wer keine schwangere Frau oder Kinder hat. «Um alle 22 Personen bei der Truppe zu behandeln», so Militärarzt Frey, «fehlte in dieser Kaserne der Platz.»