Wenn man vor dem Bauernhof von Toni Meier steht, dann sieht man auf den ersten Blick nicht, dass hier im zürcherischen Flaach etwas Aussergewöhnliches passiert. Alles wirkt so wie auf anderen Landwirtschaftsbetrieben in der Schweiz: ein Stall, ein Einfamilienhaus, eine Garage – und drei Silos ragen in die Höhe. So weit, so unspektakulär. Doch was Meier auf diesem Hof macht, das könnte ein Vorbild sein für die ganze Landwirtschaft. Er sagt: «Mein Ziel ist es, in einigen Jahren CO2-neutral zu produzieren.»

Das sind keine leeren Worte. Meier hat schon einige Schritte gemacht in diese Richtung. Er hat einen Verein gegründet und ein Projekt gestartet, dem sich mittlerweile 23 andere Bauernbetriebe aus der Region angeschlossen haben. Das ambitionierte Ziel von «AgroCO2ncept»: Zwanzig Prozent der CO2-Emissionen einzusparen und gleichzeitig die Wertschöpfung um zwanzig Prozent zu erhöhen sowie die Kosten um zwanzig Prozent zu senken. Die erste Schwelle hat Meier bereits überschritten, er konnte den Ausstoss mit verschiedenen Massnahmen in den letzten Jahren um einen Drittel senken.

Pflanzenkohle als Hoffnungsträger

Das Flaachtal ist bekannt für Spargeln und Wein. Meier selbst baut auf seinen 35 Hektaren unter anderem Weizen, Gersten, Erbsen und Körnermais an. Er zeigt auf die Felder und erklärt, was er geändert hat für den Klimaschutz: «Die wirksamste Massnahme war die Umstellung von energetisch hergestelltem Dünger auf Recycling-Dünger wie beispielsweise Kompost.» Zudem bringt er sogenannte Pflanzenkohle aus, die CO2 langfristig im Boden binden und Lachgas- und Methan aufnehmen kann. Seit dem Anfang werden die Klimabauern von Agroberatern unterstützt. Diese evaluieren die Betriebe, berechnen den CO2-Ausstoss, schlagen Massnahmen vor, um diesen zu reduzieren.

Begonnen hat das Ganze im Jahr 2011. Meier war aufgefallen, dass da etwas passierte mit dem Klima. Mehr Regen sei bei Niederschlägen vom Himmel gefallen und Dürreperioden seien häufiger geworden, sagt er. Für ihn war klar, dass gegen diese Entwicklung etwas unternommen werden muss und auch Bauern in der Pflicht stehen. Denn einerseits sind sie direkt und existenziell betroffen vom Klimawandel, andererseits ist die Landwirtschaft hierzulande für rund elf Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Gleichzeitig wollte Meier damit die für die Region eigentlich so wichtige Landwirtschaft wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Denn im Flaachtal war nach der Jahrtausendwende vor allem über den Naturschutz gesprochen worden, wegen eines grosses Projekts, um die Thur zu renaturieren.

Die Klimaoffensive war in dieser Hinsicht durchaus erfolgreich: Internationale Medien reisten schon ins Flaachtal, um über das Projekt zu berichten. Die Forschung beobachtet es mit Spannung. Auch eine chinesische Delegation war schon da, um zu sehen, wie Nachhaltigkeit und Landwirtschaft zusammenpassen. Doch der Weg dahin war «ein Kampf», wie Meier sagt. Am Anfang musste er sich nämlich einiges anhören von seinen Bauernkollegen. «Jetzt kommt wieder einer mit so einem Ökothema», hätten sie gesagt und den Kopf geschüttelt über seine Idee. Doch mittlerweile hat sich das geändert. «In der Landwirtschaft hat es in den letzten Jahren ein Umdenken gegeben.»

Auch die Zusammenarbeit mit dem Bund verlief nicht immer spannungsfrei. Eigentlich ist auch für die Behörden klar: Die Landwirtschaft muss mehr tun für den Klimaschutz. Die Reduktion der Umweltbelastung ist ein Element der Agrarpolitik 22+, deren Vernehmlassung kürzlich geendet hat. Gemäss der Klimastrategie Landwirtschaft sollen die Emissionen bis 2050 um mindestens einen Drittel reduziert werden. Der Streit drehte sich darum, dass der Bund nur Einzelmassnahmen zum Klimaschutz unterstützt und diese einzeln auf ihre Wirksamkeit untersucht. Die Bauern aber wollten, dass die Betriebe als Ganzes angeschaut werden, also wie gut alle Massnahmen zusammenwirken. Am Schluss mussten Meier und seine Mitstreiter aber nachgeben, denn sie waren angewiesen auf die finanzielle Unterstützung von Bund und Kanton. Insgesamt zwei Millionen Franken erhalten sie während der sechs Jahre Laufzeit des Projekts.

Doch für Meier ist auch heute noch klar: «Nicht alle Bauern können mit den gleichen Massnahmen gleich viel erreichen.» Das zeigt sich rund fünf Kilometer von seinem Bauernhof entfernt auf dem Weingut Schloss Goldenberg von Heiner Kindhauser. Es liegt auf einem Hügel am Rande eines Dorfs, das Dorf heisst. Kindhauser ist seit Beginn des Projektes dabei. «Für den Weinbauern ist die Flasche das grosse Übel», sagt er. Hinter ihm stehen unzählige Harasse voller Weinflaschen, die auf die Abfüllung warten.

Dort hat Kindhauser darum als Erstes angesetzt. Statt aus Dubai wie früher bezieht er die Flaschen heute aus der Schweiz. Und leichter sind sie auch: statt 626 wiegt eine Flasche nur noch 470 Gramm. Dadurch spart Kindhauser viel CO2, bei Herstellung und beim Transport. Alleine bei den Flaschen hat er eine Reduktion von knapp über 50 Prozent erreicht.

Die Klimabauern als Marke

Irgendwann wollen Toni Meier, Heiner Kindhauser und die anderen beteiligten Bauern ihre Produkte auch vermarkten, sich als Klimabauern aus dem Flaachtal quasi zur Marke machen. Doch das braucht noch ein bisschen Zeit. Erst wenn über alle Betriebe gesehen zehn Prozent CO2 eingespart wurden, wollen sie damit beginnen. Diesen September werden die Betriebe wieder evaluiert. Das Projekt selbst wird noch bis 2022 von Bund und Kanton unterstützt, im Jahr 2024 wird Bilanz gezogen.