Zur Katastrophe meldeten sich unzählige Leute im Nu. Einen Brand, eine Entgleisung wollte niemand verpassen. Ob sie zuerst gerettet werden, ist ihnen egal. Hauptsache, sie schaffen es vor allen anderen in den Tunnel, egal, ob verletzt oder versengt. Auch das zeigt, wie gspässig diese Neat tief im Fleisch und Wesen dieses Bähnlervolks steckt.

Freiwillige Opfer und solche, die das Ausserplanmässige schätzen

Ab heute beginnen im grossen Stil die Tests im Tunnel der Neuen Alpentransversale (Neat). Getestet wird da nicht bloss die Technik, sondern auch die Katastrophe. Die PR-Crew der AlpTransit würde lieber «Unglück» sagen. Sie überlegt, ob man irgendwann auch dazu die Presse einladen sollte, wie heute in Pollegio TI für die Technik. Man könnte zeigen, wie gut die Rettung im Notfall klappt. Mit dem Risiko, dass sich die Leute dann unweigerlich ein Unglück ausmalen. «Figuranten» ficht so was nicht an. Jene Freiwilligen, die sich melden, um bei Übungen Opfer zu spielen. Jetzt schon im Tunnel sein zu dürfen, empfinden sie wie eine Weihe.

Bruno Lämmeli

Freiwillige suchte man auch für die Testfahrten. Da war das Interesse etwas harzig. Offenbar aus einem schlichten Grund. Es gibt auch bei Lokführern mindestens zwei Gattungen Leute: Solche, die es gern haben, wenn alles nach Plan verläuft. Und die anderen.

Von der zweiten Sorte ist Bruno Lämmli (45). Ein Aargauer in Uri, wohnhaft in Erstfeld seit Jahren. Nie wäre er hier je wieder weggegangen. Nie wieder! Trotzdem muss er auf den 11. Dezember 2016 woanders hin – wegen der Neat. Seit der Neat hat Lämmli zwei Herzen, eins für die Neat, eins dagegen. Man könnte also sagen, weil auch Lokführer organisch ein Herz haben: Die Neat reisst Lämmli auseinander.

Die Geschichte des Gotthard-Basistunnels

Je länger man dem Dreifach-Eisenbahner zuhört, desto klarer wird: Die Neat vertreibt diesen Mann irgendwie auch aus dem dreifachen Paradies. Von Erstfeld aus fährt Lämmli Cargo-Loks. Von Erstfeld aus fährt er, als Vereinsmitglied der Stiftung SBB Historic, eiserne Ladys den Gotthard rauf. Darunter das «Krokodil», den Giganten Ae 8/14 11801 und die Schweizer Lok schlechthin, die Ae 6/6. Die Lok mit Kantonswappen Zug betreut Lämmli als Götti persönlich im denkmalgeschützten Depot; sie glänzt am meisten von allen. Drittens schliesslich ist Lämmli in Erstfeld Präsident des Modelleisenbahn-Clubs.

Wir sitzen im Ausflugs-Triebwagen BDe 4/4, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den imposanten alten Rossen, die man auch riecht, im Gegensatz zum Verkehrshaus Luzern, wo ihre Schwestern stehen. In genoppten Ledersesseln, worauf einst Bundesräte im Salonwagen durchs Land gondelten, hören wir Lämmlis gut gemischten Anekdoten zu, den Erzählungen und Einsichten, je länger, desto lieber. Aus seiner Passion, das zeigt sich, machte Lämmli – ganz klassischer Schweizer Bähnler – eine Haltung.

Die Kreuzotter wäre von den Bähnlern in Gold gehüllt worden

Lämmli muss sich nicht erst bei den wachsamen Kommunikationsleuten von SBB und AlpTransit absichern, um öffentlich von seinen Erfahrungen zu berichten. Umso spannender wird das Ganze. Persönlicher sowieso.

Lämmli erzählt, weshalb Dampflok-Führer gut beraten waren, rote Halstücher zu tragen. Dass am Anfang des Elektro-Zeitalters nicht wenige erschlagen wurden, wenn sie Strombügel mit dem Besen vom Schnee befreiten. Dass man bei Tempo 40 bis 45 im «Krokodil» einschlafen könne wie in einem Wiegestuhl. Dass die Ae 8/14 «bocke». Dass Eisen auch eine Art Poren habe ...

Und die fantastische Geschichte mit der Kreuzotter: Mit Gold hätten die Bähnler sie aufgewogen, wäre sie im Depot nicht bloss einmal gesichtet, sondern auch gefunden worden. Der Lebensraum der Kreuzotter ist geschützt. Keinen Stein mehr hätte man ihretwegen vom alten Depot wegtragen oder umdrehen dürfen. Ohne die ersehnte Otter aber war neben den geschützten Remisen ein Neubau entstanden – für die Lösch- und Rettungsfahrzeuge und den Unterhaltszug der Neat.

Streckenkenntnis nötig für Tests – aber was ist bei Neustrecken?

Wieder die Neat, die schmerzliche Neat. Und doch meldete sich Lämmli früh als Testfahrer in der Neat. Eine Fahrt hat er im Tunnel bereits absolviert. Mit welchen Empfindungen? «Ein Lokführer», antwortet Lämmli, «weiss gern, wo er ist. Im Basistunnel verliert man schnell die Orientierung. Obwohl es auch um Kurven geht, über Abzweigungen. Zweimal wirds hell, bei den Multifunktionsstellen Sedrun und Faido. «Sonst ist es einfach ein Tunnel, keine neue Eisenbahn, ein etwas gar langer Tunnel.» Sicher, damit lasse sich an Partys punkten, sagt Lämmli. Aber eine Fahrt mit dem «Krokodil» sei viel besser: «Da winken dir die Leute entlang der Strecke dauernd zu.»
Lämmli spielte im Tunnel gleich doppelt Versuchskaninchen: einmal als Testfahrer. Und dann für die Schulung der Nachkommenden. Obligatorisch sei die Streckenkenntnis, ehe man eine Strecke erstmals befahre, erklärt Lämmli. Die Kenntnis eignet man sich heute über Video an. Aber vom Neat-Tunnel gabs noch keins. Darum konnte Lämmli nur mit einer Sonderbewilligung einsteigen und losfahren. Hatte er nicht Angst, aus den neuen Schienen zu springen? «Als Lokführer lernt man schnell, den Gleisbauern zu vertrauen.»

Im Zug der Neat wird der Cargo-Stützpunkt Erstfeld aufgehoben und Lämmli ins Limmattal wechseln müssen, wo er – «in der Tessiner Gruppe» – immerhin sicher sein kann, weiterhin den Gotthard zu befahren. Fährt er unten, dürfte das Herz oben reisen. Das Projekt, das Werk imponiert auch ihm, aber in Massen.

«Lugano», sagt er, «war nie das Ziel. Nicht diese um 45 Minuten verkürzte Fahrtzeit. Leute, die zum Vergnügen reisen, interessieren niemanden mehr. Nur Pendler und Geschäftsleute. Der Zürcher Banker, der zum Zmorge in Milano den Kollegen treffen will – das war das Ziel.» Ein Punkt aber bei allen Neuerungen berührt Lämmli: Neatzüge werden wieder nach Kantonen benannt. In der gleichen Reihenfolge wie damals die Ae 6/6. Darunter auch die von Lämmli persönlich betreute «Legende».