Offline-Politiker

Diese Parlamentarier machen Wahlkampf wie vor 20 Jahren

Obwohl inzwischen mehrere Millionen Schweizer einen Twitter- oder Facebook-Account besitzen, verzichten zahlreiche National- und Ständeräte auf Social Media. Sie erzählen, warum sie ihren Wahlkampf wie vor 20 Jahren führen.

Wer BDP-Nationalrat Hans Grunder auf Twitter oder Facebook folgen will, kann lange suchen: Der Emmentaler hat keinen Account. Von Selfies, Tweets und Likes hält der 59-Jährige wenig: «Wenn ich schaue, was manche Parlamentarier teilweise für Müll ins Netz stellen, frage ich mich: Ist das nicht kontraproduktiv?» In seiner Zeit als BDP-Präsident habe er seine Parteikollegen immer wieder auf die Gefahren von Social Media hinweisen müssen. «Das war manchmal wie bei meinen fünf Kindern.»

 

Auch beruflich geht Grunder auf Distanz zur digitalen Welt: Seinen mehr als 100 Mitarbeitern hat der Inhaber eines Ingenieurunternehmens das Surfen auf Twitter und Facebook während der Arbeitszeit verboten. «Wir kontrollieren das regelmässig. Wenn ich mir überlege, wie viel Zeit und Produktivität in der Wirtschaft auf diese Weise flöten geht!»

Die Zeit fehlt

Im Parlament ist Grunder mit seiner ablehnenden Haltung nicht alleine: Obwohl inzwischen mehrere Millionen Schweizer einen Twitter- oder Facebook-Account besitzen, verzichten zahlreiche National- und Ständeräte auf Social Media; sie führen ihren Wahlkampf wie vor 20 Jahren, als das Internet ein Nischenprodukt für Computerfreaks war.

Eine prominente Abstinenzlerin heisst Karin Keller-Sutter, St. Galler FDP-Ständerätin und einstige Bundesratskandidatin: Im Gegensatz zu Hans Grunder hat sie zwar eine eigene Internetseite. Doch auf Facebook und Twitter findet man sie nicht: «Mir fehlt die Zeit, um die Netzwerke zu bewirtschaften.» Sie wisse, dass das nicht immer ein Vorteil sei. «Gewisse Kollegen, die die sozialen Medien aktiv bewirtschaften, schaffen es damit wohl öfter in die Medien.» Sie selber könne jedoch gut ohne leben. Als ehemalige Regierungsrätin habe sie den Vorteil, nicht von null zu beginnen: Die Wähler kennen sie.

Für den Berner Stadtpräsidenten und SP-Nationalrat Alexander Tschäppät geht es beim Verzicht auf Facebook und Twitter vor allem um die Glaubwürdigkeit. «Ich gehöre nicht zu dieser Generation, und ich springe sicher nicht auf diesen Zug auf, nur weil Wahlkampf ist.» Natürlich erreiche er so gewisse Wählerschichten schlechter. Aber er sei ohnehin skeptisch, wie bedeutend soziale Medien «wahlstrategisch» seien. «Facebook und Twitter sind zwar gratis und schnell. Doch es ist alles sehr unverbindlich.»

Auch der Solothurner FDP-Nationalrat und Social-Media-Abstinenzler Kurt Fluri findet «die ganze Twitterei» «sehr oberflächlich». «Mein Mitteilungsbedürfnis ist eher unterentwickelt: Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Leute für jeden meiner Gedankengänge interessieren.» Wenn ein Thema relevant sei und er etwas dazu zu sagen habe, meldeten sich die Journalisten meist von alleine bei ihm, so Fluri. Ausserdem fehle ihm die Zeit, um täglich über Twitter und Facebook zu kommunizieren.

Externer Berater als Mittelweg

Für Politiker, die wenig Zeit haben und dennoch auf Social Media präsent sein wollen, gibt es einen Mittelweg: Sie können ihren Facebook- oder Twitter-Account extern betreuen lassen. Der Aargauer SVP-Nationalrat Maximilian Reimann hat schon vor Jahren PRBerater Roman Jäggi engagiert, der in seinem Namen Beiträge auf Facebook stellt. «Wenn es etwas Heikleres ist, dann sprechen wir uns ab.»

Nicht ganz freiwillig kam Reimann zu Twitter: Nachdem die Jungen Grünen des Kantons Aargau diesen Frühling in seinem Namen einen falschen Twitter-Account erstellt und parodistische Stellungnahmen abgesetzt hatten, richtete Berater Jäggi dem 73-Jährigen ein eigenes Profil ein. Reimann sagt, mittlerweile habe er auch schon den einen oder anderen «Twitter-Spruch rausgelassen».

Sein Berater sagt, die Präsenz auf Social Media könne wichtig sein, um im Krisenfall schnell mit einem breiten Publikum zu kommunizieren. Als Beispiel nennt er den Autounfall von FDP-Präsident Philipp Müller Mitte September: «So etwas kann jedem passieren.»

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