QAnon

Die unheimlich netten Q-Schweizer: Radikale Verschwörungs-Bewegung breitet sich auch hierzulande aus

An Demos gegen die Coronamassnahmen tauchen immer wieder QAnon-Anhänger auf. Hier Mitte Mai auf dem Zürcher Sechseläutenplatz.

An Demos gegen die Coronamassnahmen tauchen immer wieder QAnon-Anhänger auf. Hier Mitte Mai auf dem Zürcher Sechseläutenplatz.

Die Verschwörungstheorie QAnon fasst Fuss in der Schweiz. Sie findet Anhänger bei Selbstständigen und Juniorenfussballtrainern. 100'000 Schweizer glauben an irgendeine Form der Theorie, sagt ein Experte.

Das Video strotzt vor monumentaler Symbolik. Blitze schiessen durch den computergenerierten Himmel, der vom goldenen Schriftzug «Das grosse Erwachen» überzogen ist. Ein Sprecher aus dem Off redet über Prominente, Politiker, Hollywood-Schauspieler, die Kinder sexuell missbrauchen. Die Stimme donnert: «Zieht die Rüstung Gottes an, damit Ihr gegen die Pläne des Teufels antreten könnt. Unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte dieser dunklen Welt.» Eine Chatnachricht auf der Plattform Telegram vom gleichen User zu einem Video von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga: «Auch sie wird noch zur Rechenschaft gezogen.»

Der Mann, der die Nachrichten in den Gruppenchat stellte, wirkt bei einem Gespräch in seiner Wohnung sanft wie ein Lamm. Ein 46-jähriger Solothurner, der wegen seiner Multiplen Sklerose im Rollstuhl sitzt. Wenn er spricht, wirkt er nicht wütend, sondern nett und im Gespräch angenehm. Er nennt sich selbst einen «digitalen Soldaten». Einen Soldaten der QAnon-Verschwörungsbewegung.

Immer öfter tauchen Q-Anon-Anhänger an Trump-Veranstaltungen auf.

Immer öfter tauchen Q-Anon-Anhänger an Trump-Veranstaltungen auf.

Diese behauptet, dass eine Satan-anbetende Elite – die einen weltweiten Kindersexhandelsring betreibt – sich mit einem «Staat im Staat» gegen US-Präsident Donald Trump verbündet habe. Trump kämpfe gegen sie, was zu einem «Tag der Abrechnung» mit Massenverhaftungen von Journalisten und Politikern führen werde. Die Theorie dreht sich um eine Person, die sich unter dem Namen «Q» seit 2017 alle paar Tage auf obskuren Webseiten äussert und vorgibt, ein US-Geheimdienstler zu sein.

Das FBI stuft QAnon als Terrorgefahr ein

In den USA ist die Q-Bewegung schon lange nicht mehr nur ein Randphänomen. Sie taucht immer öfter an Veranstaltungen von Donald Trump auf. Mehrere Q-Anon-Anhänger treten als Kandidaten der Republikaner für den US-Kongress an. Aber sicher kann eine amerikanische Verschwörungstheorie nicht in die Mitte der Schweizer Gesellschaft vorstossen. Oder?

Doch, sie kann. Sie ist schon hier.

Verstreut über die Dörfer des Mittellands, in den Ortschaften der Zentralschweiz, manchmal auch in den grossen Städten, gibt es Menschen, die Q für real halten. Es sind Webdesigner, Junioren-Fussballtrainer, Hausfrauen, Büroangestellte, Selbständige. Viele davon scheinen mitten im Leben zu stehen. Sie haben nur ein ziemlich irres Hobby. Ein Hobby, das das FBI als Terrorgefahr einstuft.

Für den Religionsexperten Georg Schmid ist klar: QAnon ist in der Schweiz auf dem Vormarsch. Vor allem da einflussreiche Esoteriker verschiedene Teile der QAnon-Theorie in ihr Weltbild eingebaut haben. «In der Schweiz gibt es rund 300000 esoterisch orientierte Menschen. Ich gehe davon aus, dass etwa 100000 davon an verschiedene Teile der QAnon-Verschwörungstheorie glauben», sagt Schmid. Seit dem Corona-Lockdown haben sich die Mitgliederzahlen der Q-Chats fast verfünffacht.

QAnon ist eine Mega-Verschwörungstheorie. Ein Hut, der auf alles passt. Der Solothurner erzählt an seinem Küchentisch sitzend, er glaube, die Titanic sei absichtlich versenkt worden, Flugzeuge würden Chemikalien versprühen, die britische Queen sei möglicherweise ein Reptil. Auf die Frage, ob er denke, dass die Erde eine Scheibe sei – ebenfalls eine beliebte Verschwörungstheorie – reagiert er leicht empört: «Dort ziehe ich die Grenze.»

Ein junger Zentralschweizer – der Mittzwanziger hat sich nach einer Lehre als Hauswart mit einer Reinigungsfirma selbstständig gemacht – ist ebenfalls ein Q-Anhänger. Er spricht am Telefon über die Globalisierung, die Ausbeutung der Büetzer, dass sich die Schweiz der EU unterwerfe. Dinge, die man auch an einem Stammtisch hört. Dann dreht der junge Mann ab. Er bringt all das in Verbindung mit einer geheimen Elite, die versuche, eine neue Weltordnung zu installieren. Und er glaubt an Q. Er sagt das, als würde er gerade übers Wetter reden.

Q-Anon-Anhänger sagt: «Es gibt viele Spinner»

Zentral für QAnon ist der Glaube, dass es eine pädophile Geheimgesellschaft aus prominenten Politikern und unbekannten Strippenziehern gebe. Manchmal wird auch behauptet, diese satanistischen Eliten würden Kinder töten, um einen Rohstoff zu gewinnen, der sie jung halte. Die Schweizer
QAnon-Gläubige schlucken nicht alles. An irgendeine Form von einem Menschenhandels-Ring glauben beide; die Satanismus-Story überzeugt sie abernicht ganz. Der Zentralschweizer distanziert sich davon und sagt: «Es gibt viele Spinner, die Blödsinn verbreiten.»

Der Innerschweizer ist Administrator einer Schweizer QAnon-Facebookgruppe mit 2500 Mitgliedern. Der Solothurner betreibt einen kleinen Kanal auf dem Messengerdienst Telegram mit hundert Abonnenten. Sie sind keine grossen Nummern, dennoch sind Menschen wie sie der entscheidende Vektor, wie sich QAnon in der Schweiz ausbreitet.

Georg Schmid sagt: «QAnon ist keine Sekte.» Es fehlen Hierarchien, zentrale Autoritäten. «Verbreitung über das ‹Fussvolk› ist der wichtigste Faktor für das Wachstum der Bewegung.»

Die QAnon-Kandidatin Marjorie Taylor Greene gewann in Georgia ihren Wahlkreis für die republikanische Kandidatur. Ihr Einzug in den US-Kongress scheint sicher.

Die QAnon-Kandidatin Marjorie Taylor Greene gewann in Georgia ihren Wahlkreis für die republikanische Kandidatur. Ihr Einzug in den US-Kongress scheint sicher.

Vor etwa einem Jahr sah der Solothurner den Facebook-Eintrag eines Freundes über Q. Er fragt ihn, was es damit auf sich hat. Der Freund empfiehlt ein Youtube-Video. Der 46-Jährige schaut den dreistündigen Film auf seinem Iphone am Stück durch.

Er wurde bisher allein auf Youtube über eine Million Mal angesehen. Das Video raubt einem fast die Sinne. Es präsentiert eine komplett gegensätzliche Geschichte der letzten hundert Jahre – ein Anti-Programm zur Realität. Destilliert und abgekocht auf eine einfache Geschichte. Gut gegen Böse. Und den Protagonisten – den Zuschauer selbst – dem plötzlich die Maske vom Gesicht gerissen wird. Der plötzlich sieht, wie es wirklich sei. Es ist eine falsche, irrwitzige Geschichte. Aber eine mit unheimlicher Anziehungskraft für Menschen, die dafür anfällig sind.

In der aufgeräumten Wohnung des Solothurners steht in der Ecke ein kleiner, alter Laptop und daneben ein beiger Bildschirm, wie man ihn aus den 00er-Jahren kennt. Vermeintliche Beweise für seine Überzeugungen zeigt er dagegen auf einem der neusten IPhones, ein XL-Modell. QAnon ist vielleicht die erste richtige Smartphone-Verschwörungsbewegung. Sie spielt sich komplett zwischen dem Kopf des Gläubigen und seinem Handybildschirm ab. Computer sind nicht mehr nötig. Nur Internet.

Aus den Telegram-Chats führt kein Link zurück in die Realität

Das virtuelle Hauptquartier der QAnon-Anhänger ist der Messengerdienst Telegram, wo man sich anonym in Chatgruppen und Kanäle einklinken kann. Sie bilden ein selbst-referentielles Netz. Der eine Link führt in die nächste Chatgruppe, auf die nächste Verschwörungsseite, zum nächsten Video auf Youtube. Nur zurück in die Realität zeigt kein Link. Der junge Zentralschweizer sagt: «Wie andere auf dem Handy ‹20 Minuten› lesen, lese ich Telegram. Zum Beispiel in Pausen.» Ihn koste QAnon etwa 30 Minuten pro Tag. Der Solothurner spricht von null bis fünf Stunden täglich.

Und welche Rolle spielt Donald Trump in diesem Schlamassel? In der Wohnung des Solothurners spielt sich während des zweistündigen Gesprächs eine vielsagende Szene ab. Als Antwort auf die Frage, was für ihn dafür spreche, dass Q echt ist, verweist der 46-Jährige auf den US-Präsidenten. Im verzweifelten Kampf um jede Wählerstimme hatte dieser kürzlich über QAnon-Anhänger gesagt: «Sie mögen mich sehr, was ich zu schätzen weiss.» Und: «Ich habe gehört, dass es Leute sind, die unser Land lieben.» Trumps eiskalt kalkulierte Antwort ist für den 46-jährigen ein Hinweis, dass Q mit Trump zusammenarbeite.

In den USA hat kürzlich ein QAnon-Anhänger einen Mann erschossen, den er für einen Teil der Verschwörung gehalten hatte. Der Solothurner sagt: «Ich lehne Gewalt entschieden ab.» Ihm persönlich glaubt man das. Als in seiner Chatgruppe jemand fragte, wann «wir Obama töten», drohte er, den Gewaltfan aus dem Chat zu werfen. Mit seiner Drohung, Sommaruga werde «zur Rechenschaft gezogen», habe er gemeint, sie solle wegen der Coronaverordnungen vor Gericht gestellt werden. Und das Video, in dem von einem «Kampf» gegen Behörden die Rede ist, habe er gar nie zu Ende geschaut, die Passage also nicht gesehen.

Sektenexprte Schmid schätzt das Gewaltpotenzial von radikalisierten QAnon-Anhängern als hoch ein: «Wenn jemand wirklich glaubt, es gäbe eine pädophile Elite, die Kinder gefangen hält, kann Gewalt als sehr legitim erscheinen.»

Was tun? Viele Möglichkeiten gibt es nicht. Schmid sagt: «Wichtig ist, dass es im Internet Angebote gibt, die kritisch über die Unlogik in solchen Theorien aufklären. Wenn jemand am Anfang danach googelt, muss er auch solche Resultate sehen.»

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