Schweiz

Die Sommerferien werden in den Bergen zum grossen Geschäft – und der Klimawandel hilft dabei

Ferien in den Bergen boomen. Doch das passt nicht allen.

Ferien in den Bergen boomen. Doch das passt nicht allen.

Die Schweizer Ferienorte in den Bergen haben lange auf den Winter gesetzt. Doch nun, da alle über das Klima reden, wittern sie eine Chance. Orte wie Lenzerheide (GR), das auf die Biker setzt, oder Sattel Hochstuckli (SZ) sind Vorreiter des neuen alpinen Sommer-Tourismus.

Wie aus dem Nichts kommen die Biker angeflogen, über eine Rampe aus Holz, auf dem Kopf einen Helm, den Körper mit Panzern geschützt. Und lassen dann ihre Bremsen quietschen, gleich bei der Talstation der Rothornbahn in Lenzerheide.

Im Winter schwingen dort Skifahrer ab. Doch jetzt, im Sommer, ist alles anders. Vor dem Sportgeschäft im Bauch der Talstation, das sonst Ski vermietet, stehen Mountainbikes in langen Reihen. Selbst eine Anlage, auf der die Biker den Dreck von den Rädern spritzen können, gibt es. Neben ihr steht Marc Schlüssel, ein Mann mit trendiger Sonnenbrille. Schlüssel ist der Marketingleiter des Ferienorts Lenzerheide, und wenn man ihn nach seiner Vision fragt, dann sagt er, sein Ort soll «das Whistler Europas» sein. Der Marktführer also, so wie Whistler, das Bergdorf in den Rocky Mountains, es in Nordamerika ist.

Eine Verwandlungsgeschichte

Biker-Mekka, dieses Ziel verfolgen sie auf der Lenzerheide schon länger. Gut zehn Jahre ist es jetzt her, dass der Ort den Grundsatzentscheid gefällt hat, künftig auf die Biker zu setzen. Seither haben sie in den Bündner Bergen Mountainbike-Weltcuprennen ausgerichtet und im letzten Jahr sogar eine WM.

Es gibt eine «Kids Bike League», und durch die Hänge über dem Dorf ziehen sich verschiedene Bike-Strecken, Trails genannt. Derzeit setzt das Dorf den Masterplan 2.0 um, die Wege für Biker und Wanderer sollen getrennt werden, damit diese sich am Berg nicht in die Quere kommen.

Es ist das neuste Kapitel einer Verwandlungsgeschichte. Und diese Geschichte spielt sich derzeit vielerorts in den Schweizer Alpen ab. Ferienorte setzen auf den Sommer. Und lassen im Ringen um die Gunst der Touristen nichts unversucht.

Gästezahlen stiegen auf der Lenzerheide um 43 Prozent

Auf der Lenzerheide geht der Plan auf, zumindest, was die Zahl der Gäste für die Bergbahnen betrifft. 2018 kamen im Sommer 43 Prozent mehr als noch 2014, «das haben wir zu einem guten Teil den Bikern zu verdanken», sagt Schlüssel. Das grosse Geld verdient die Bahn mit ihnen zwar nicht, sie sind weniger rentabel als die Skifahrer. «Es ist für uns monetär ein Nullsummenspiel», sagt Schlüssel, und ohne den Winter geht es in Orten wie der Lenzerheide nicht. Er ist heute noch viel wichtiger als der Sommer. Doch dieser legt zu (siehe Zweittext unten), und die Re-gion profitiert von den zusätzlichen Sommergästen, die Hotels etwa, die Restaurants. Oder der Bäcker.

Alles für die Biker: In der Lenzerheide warten zahlreiche Trails, das Gebiet hat in den letzten Jahren seine Bike-Infrastruktur aufgerüstet.

Alles für die Biker: In der Lenzerheide warten zahlreiche Trails, das Gebiet hat in den letzten Jahren seine Bike-Infrastruktur aufgerüstet.

Im Ortszentrum von Lenzerheide sitzt Andreas Züllig im Café des Hotels Schweizerhof. Züllig führt das Haus seit mittlerweile bald 30 Jahren, doch der letzte Juni war der beste, den er je erlebt hat. Züllig verbucht zwar immer noch die meisten Logiernächte im Winter. Doch der Sommer holt auf; er erreicht mittlerweile 45 Prozent. Und Züllig, der Präsident des Hoteliersverbands Hotelleriesuisse, glaubt, dass der Sommer noch einige Chancen bietet für die Bergdörfer. Das hängt in seinen Augen gleich doppelt mit dem Klimawandel zusammen – einerseits mit der Debatte, die etwa über Sinn und Unsinn von Flugreisen in die Ferne immer intensiver geführt wird. «Davon können wir als nahe gelegene, klimafreundliche Alternative profitieren», sagt Züllig, «und dazu können wir Sommerfrische bieten, wenn es im Unterland wie zuletzt unerträglich heiss wird».

In Sattel war die Frage: Aufgeben oder auf den Sommer setzen

Angenehme Morgenfrische herrscht auch in einer ganz anderen Ecke der Schweiz. Obwohl es Mittag ist, zeigt das Thermometer auf dem Mostelberg, 1200 Meter über Meer im Kanton Schwyz, keine 20 Grad. Pirmin Moser steigt aus der Gondelbahn und zeigt auf das Gelände hinter der Bergstation: «Das gesamte Angebot haben wir hier vor Ort.» Moser ist Verwaltungsratsvize der Sattel Hochstuckli AG. Die Firma betreibt die Drehkabinen-Gondelbahn auf den Gipfel, eines der Bergrestaurants und auch einen Erlebnispark. Moser steht auf einer Anhöhe. Dahinter leuchten riesige Tierfiguren und Fantasieschlösser in allen Farben. Zusammen ergeben sie eine gewaltige Hüpfburg. Nur vereinzelt tummeln sich darin Kinder. «Warten Sie nur ab, am Nachmittag werden sie kommen», sagt Moser. Es sei schliesslich Mittwoch, und am Nachmittag hätten viele Kinder frei.

Eine Feststellung, die den Vorteil des Ausflugsmagneten gut zusammenfasst. Sattel Hochstuckli ist zwar klein, im Sommer fährt nur diese eine Bahn. Doch mitten in der Zentralschweiz gelegen, ist das Gebiet nicht nur Tagesausflugsziel für Zuger und Schwyzer, sondern auch für Luzerner, Aargauer und Zürcher. Nur einen Steinwurf von der Anhöhe entfernt schwingt sich eine Hängebrücke 370 Meter über eine Schlucht. Zum Angebot gehören zudem eine Rodelbahn sowie ein Kanal, den Wagemutige mit einem Reifen runterrutschen. Das Ziel des bunten Angebots: Es soll für die nötigen Frequenzen der Bergbahn sorgen, damit diese auch rentiert. «Hätten wir diese Angebote nicht», sagt Moser, «gäbe es die Bahn schon lange nicht mehr.»

Zwar kann man im Winter in Sattel Hochstuckli Ski fahren, doch die tiefe Lage machte dem Gebiet schon in den 1990ern zu schaffen. Die Schwyzer standen vor dem Entscheid: Entweder aufgeben – oder die Strategie radikal ändern. «Wir setzten danach voll auf den Sommer, heute ist der Ertrag aus dem Sommergeschäft wichtiger als jener aus dem Winter», sagt Moser. Zwar sei auch das Wintergeschäft nach wie vor wichtig, doch gehe es heute um Investitionen, so sollen sie sowohl dem Sommer- wie auch dem Winterangebot zugute kommen.

Lenzerheide und Sattel Hochstuckli sind zwei Beispiele für einen Trend. «Der Sommer wird als touristische Saison gerade neu entdeckt», sagt Matthias Imdorf. Er ist einer der Gründer von Erlebnisplan, einer Firma, die Tourismusdestinationen hilft, neue Angebote zu entwickeln. Lange Jahre, sagt Imdorf, hätten sich viele Ferienorte auf das gute laufende Wintergeschäft konzentriert, den Sommer aber vernachlässigt. Doch heute fährt längst nicht mehr die ganze Schweiz Ski, und der Klimawandel hat das Geschäft weiter erschwert. «Jetzt sucht man neue Angebote, um aus dem Sommer ein Geschäft zu machen», so Imdorf.

Das zeigt sich etwa in Arosa, wo es seit dem letzten Sommer ein Bärenland gibt. Es wurde von Erlebnisplan mitentwickelt. Andernorts setzt man auf den Bau neuer, hypermoderner Bahnen, in Zermatt etwa und im Berner Oberland. Und in St. Moritz denkt man über die Austragung des E-Grand-Prix nach.

«Disneylandisierung» der Alpen stösst auch auf Kritik

Der Sommerboom mit seinen Spassangeboten wie Bikeparks, Rodelbahnen und Aussichtsplattformen stösst aber auch auf Widerstand. Wanderer und Naturliebhaber möchten Metall und Plastikhüpfburgen aus den Bergen fernhalten. Der Unmut über die «Eventisierung» oder «Möblierung» der Alpen sammelt sich in Organisationen wie dem Landschaftsschutz Schweiz und Mountain Wilderness.

Maren Kern, Geschäftsführerin Mountain Wilderness:  «Eine Hüpfburg könnte genauso gut im Berner Marzili stehen. Dafür muss man nicht in die Berge.»

Maren Kern, Geschäftsführerin Mountain Wilderness: «Eine Hüpfburg könnte genauso gut im Berner Marzili stehen. Dafür muss man nicht in die Berge.»

Letztere hat für ein Papier alle Erlebnisangebote zusammengetragen und im Land fast 200 Installationen wie Aussichtsplattformen, Cliffwalks und Funparks gezählt. Für die Geschäftsführerin Maren Kern sind das meist austauschbare Angebote. «Eine Hüpfburg könnte genauso gut im Berner Marzili stehen wie auf Sattel Hochstuckli, dafür muss man nicht unbedingt in die Berge», sagt sie.

In den letzten Jahren zählte Mountain Wilderness vor allem eine wachsende Zahl von Fussgängerhängebrücken. In der Albulaschlucht in Graubünden etwa sollen schon bald gleich zwei neue entstehen. Mountain Wilderness ist dagegen. So, wie die Dinge sich entwickeln, dürfte es nicht das letzte Bauprojekt in den Bergen blei- ben, das zu reden gibt.

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