Am 12. März 2005 druckte der «Blick» einen Artikel mit dem Titel «Das gekaufte Parlament». Die Unterzeile lautete: «Marie-Louise Baumann – erfolgreichste Lobbyistin in Bern.» Ihre Dossier-Kenntnisse gälten als phänomenal, schrieb die Boulevardzeitung, sie kenne im Gegensatz zu den Milizparlamentariern jedes Detail – «sodass sie auch gleich noch bei der Ausarbeitung von Anträgen behilflich sein kann».

Zehn Jahre später ist Baumann tief gefallen, in der Kasachstan-Affäre wird sie von verschiedensten Seiten an den Pranger gestellt. Die FDP versucht, die Schuld um jeden Preis von der Partei weg und hin zur umstrittenen Lobbyistin zu schieben («Nordwestschweiz» von gestern). Auch ihr Arbeitgeber, die PR-Agentur Burson-Marsteller Schweiz, stellt sich nicht mehr hinter sie, sondern hat gar eine interne Untersuchung eingeleitet und droht unverhohlen: Sollten die «hohen Standards bezüglich Transparenz und Mandatsführung ... oder gar gesetzliche Grundlagen» von der «Freelance-Mitarbeiterin von uns verletzt worden sein, werden wir adäquate Schritte in Betracht ziehen», so CEO Matthias Graf.

«Allseitig enormer Schaden»

In einem gestern publizierten Interview im «Blick» wurde sie nun auch von Markwalder frontal attackiert: «Mein Vertrauen wurde durch die Lobbyistin Marie-Louise Baumann aufs Übelste missbraucht», sagte die Berner FDP-Nationalrätin und gab an, rechtliche Schritte zu prüfen.

Gestern Abend entschuldigte sich Baumann dann in einem Schreiben, das sie der Nachrichtenagentur SDA zustellte: Sie sei erschüttert über die jüngsten Entwicklungen, schrieb sie. «Es ist dadurch allseitig enormer Schaden entstanden.» Sie sei der Meinung gewesen, sie habe Markwalder sowohl über den Auftraggeber als auch über dessen Ziele und dessen Mitwirkung an der Interpellation immer transparent und umfassend informiert. Offenbar aber sei der enge Kontakt zu ihrem Kunden zu wenig zum Ausdruck gekommen. Für dieses Missverständnis entschuldige sie sich und übernehme die volle Verantwortung.

Im Januar 1970 startete Baumann ihre Laufbahn als Sektionschefin Rechtsdienst der Bundeskanzlei, Ende 1979 wechselte sie zur FDP. Mehr als 20 Jahre lang arbeitete sie in deren Generalsekretariat – und baute insbesondere zu vielen freisinnigen Parlamentarierinnen enge Freundschaften auf, von denen sie in ihrer späteren Karriere als Lobbyistin profitieren sollte. Im Sommer 2000 stiess sie dann als Leiterin Public Affairs und Mitglied der Geschäftsleitung zu Burson-Marsteller. Im Parlament ist Baumann vor allem bei Mitte-Politikern bestens vernetzt, mit fast jedem ist sie per Du. «Marie-Louise» kennt jeder, nur will sie seit Ende letzter Woche niemand mehr kennen.

Mehrere befragte Kenner der Lobbyisten-Szene sind nicht erstaunt, dass ausgerechnet Baumann ein Missgeschick wie die Kasachstan-Affäre unterlaufen ist. Ihre ethischen Standards seien nicht die höchsten, heisst es. So sei sie jahrelang gleichzeitig als Lobbyistin für die Pharma- und die Tabakindustrie aufgetreten. «Zwei Hüte, die nicht jedem auf den Kopf passen», wie es ein bekannter Lobbyist ausdrückt. Zu Burson-Marsteller habe sie auch gut gepasst, schliesslich habe die PR-Agentur ja auch Öffentlichkeitsarbeit für den rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu oder die argentinische Militärjunta betrieben.

«Wohl eine Verzweiflungstat»

Vor zwei Jahren, als Baumann eine Interpellation Markwalders im Sinne ihrer kasachischen Kunden umschrieb, sei die Schweizer Niederlassung von Burson-Marsteller unter starkem Druck der Londoner Zentrale gestanden, erzählt man sich in der Szene. Im Laufe des Jahres 2013 büsste die Agentur im hiesigen Markt 26 Prozent an Umsatz ein, wie die Marktstatistik des Bundes der Public-Relations-Agenturen der Schweiz ausweist. «Burson-Marsteller hätte zu dieser Zeit fast jeden Auftrag angenommen», heisst es. Beim autokratisch regierten Kasachstan nicht genauer hinzuschauen, sei wohl eine Verzweiflungstat gewesen. Zwei Jahre später wurde die Agentur bereits von der Vergangenheit eingeholt – und mit ihr die mittlerweile 69-jährige ehemals «erfolgreichste Lobbyistin in Bern».

Wer die einst umtriebige Frau dieser Tage zu sprechen versucht, läuft ins Leere. Auch bei Burson-Marsteller will man zum Fall Markwalder derzeit nicht mehr sagen, als was offiziell mitgeteilt wird.

Weil Marie-Louise Baumann mutmasslich Kommissionsgeheimnisse an eine ausländische Partei weiterleitete, könnte bald sogar die Bundesanwaltschaft (BA) tätig werden. Artikel 271 und 272 des Strafgesetzbuches verbieten nämlich Nachrichtendienst zugunsten des Auslands. Man werde aktiv, «wenn der sogenannte Geheimnis-Herr – in diesem Fall wohl die Aussenpolitische Kommission – den Verrat eines schützenswerten materiellen Geheimnisses geltend» machen sollte, sagte BA-Sprecher André Marty.