Euro-Krise
Die Bauern müssen sich auf schwere Zeiten vorbereiten

Die Schweizer Bauern müssen sich darauf vorbereiten, längerfristig ohne Grenzschutz zu leben. Die Folge: Die Landwirte werden Abstriche beim Einkommen machen müssen.

Christof Forster
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Die Bauern bereiten sich darauf vor, längerfristig ohne Grenzschutz zu leben. Das bedeutet harte Einschnitte beim Einkommen. Key

Die Bauern bereiten sich darauf vor, längerfristig ohne Grenzschutz zu leben. Das bedeutet harte Einschnitte beim Einkommen. Key

Jacques Bourgeois personifiziert wie kein anderer ein Dilemma, das viele Schweizer Politiker derzeit umtreibt. Als FDP-Nationalrat kann der freundliche Fribourger die Forderung seiner Partei nach mehr Freihandelsabkommen gut nachvollziehen. «Weil die Schweiz jeden zweiten Franken im Ausland generiert, ist der Marktzutritt entscheidend für unsere Unternehmen.» Der Bundesrat soll laut FDP den Abschluss von Freihandelsverträgen mit Ländern ausserhalb der EU forcieren, um die Abhängigkeit Schweizer Firmen vom schwachen Euro zu mindern.

Doch Bourgeois ist nicht nur FDP-Politiker, sondern auch Direktor des Schweizerischen Bauernverbands. Hat er diesen Hut auf, dann tönt es ganz anders. «Als Verbandsdirektor bin ich gegen neue Freihandelsverträge.» Und: «Wir wollen nicht geopfert werden.» Er weiss, dass die Bauern den besseren Marktzutritt für Schweizer Unternehmen mit Preiseinbrüchen bei ihren Produkten zahlen müssten.

Knacknuss Brasilien

In den Abkommen, welche der Bundesrat bislang abgeschlossen hat, ist die Landwirtschaft praktisch ungeschoren davongekommen. Doch dies wird sich bald ändern. Denn die Regierung strebt jetzt mit den wichtigen Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) Freihandelsverträge an. «Mit China, Russland und Indien werden wir vermutlich einen Ausgleich finden, um die Kosten für die Landwirtschaft zu begrenzen», sagt Luzius Wasescha, Delegierter des Bundesrats für Freihandelsabkommen.

Eine Knacknuss ist Brasilien, das seine Agrarprodukte exportieren will. Erste Kontakte zwischen der Schweiz und dem südamerikanischen Land fanden statt, doch das Landwirtschaftsdossier blockiert die Aufnahme von Verhandlungen. Würde die Schweiz einwilligen, als Gegenleistung zum Zutritt in den grossen brasilianischen Markt die Agrarzölle stark abzubauen, kämen die Schweizer Bauern massiv unter Druck. Denn die EU könnte dann die gleichen Konzessionen von der Schweiz einfordern.

«Hart für die Bauern»

Für Wasescha ist deshalb klar: «Die Schweizer Bauern müssen sich darauf vorbereiten, längerfristig ohne Grenzschutz zu leben.» Solche Reformen seien gewiss hart für die Bauern, weil es um Existenzen gehe. «Der Bundesrat muss eine Güterabwägung machen», sagt Botschafter Wasescha.

Die Wirtschaft erhielte dank Freihandelsabkommen neue Wachstumschancen. «Dafür würde die Landwirtschaft einen Preis für die Anpassung an offenere Märkte zahlen, den man allerdings mit flankierenden Massnahmen abfedern könnte.» Gar nichts von solchen Stützungsgeldern hält Verbandsdirektor Bourgeois. «Die Bauern wollen ein Einkommen aus der Produktion.»

Nestlé und Co. drücken aufs Tempo

Stark aufs Einkommen der Bauern drücken wird auch das Agrar-Freihandelsabkommen, das die Schweiz derzeit mit der EU aushandelt. Der Bauernverband lobbyiert emsig dagegen – und erzielt dabei Erfolge. In der Juni-Session hat sich der Nationalrat für den Abbruch der Verhandlungen ausgesprochen.

Der Aargauer CVP-Nationalrat und Bauernvertreter Markus Zemp ist allerdings skeptisch, ob sich diese Position auch nach den Wahlen halten lässt. «Mit dem starken Franken hat sich die Situation geändert.» Der Druck werde zunehmen. Zemp: «Die Nahrungsmittelindustrie fordert bessere Exportchancen für ihre Produkte.» Und die Grossverteiler verlören wegen des Einkaufstourismus Marktanteile.

Diese Branchen und Konsumentenschutzorganisationen haben sich in der IG Agrarstandort Schweiz zusammengetan. Ihre Forderung ist klar: «Der Bundesrat muss anhand eines verbindlichen Fahrplans das Liberalisierungstempo aufzeigen und flankierende Massnahmen anbieten. Dann können sich die Bauern frühzeitig darauf einstellen», sagt IG-Geschäftsführer Jürg Niklaus.