Schweiz

Desinfektionsmittel statt Wein: Die Winzer geraten wegen Corona in Not

Das Tessin drosselt die Weinproduktion. Ein Teil der überschüssigen Trauben soll zur Herstellung von Alkohol für Desinfektionsimttel verwendet werden.

Das Tessin drosselt die Weinproduktion. Ein Teil der überschüssigen Trauben soll zur Herstellung von Alkohol für Desinfektionsimttel verwendet werden.

Volle Weinkeller, kein Absatz in Restaurants: Das Coronavirus akzentuiert die Krise der Weinbranche. Beispiel Tessin: Ein Teil der Trauben soll zur Herstellung von Alkohol als Desinfektionsmittel dienen.

Noch ist die Weinernte 2020 in weiter Ferne. Doch schon jetzt ist bei Tessiner Weinbauern von einem Annus horribilis die Rede, einem Horrorjahr. Gemeint ist damit nicht die Qualität der Reben, die noch nicht absehbar ist, sondern die katastrophalen wirtschaftlichen Aussichten. Angesichts voller Keller und Überbestände in den Kellereien darf die Ernte nicht zu hoch ausfallen. Die Produktion soll sogar markant gedrosselt werden.

Das Coronavirus hat die kritische Lage der Branche akzentuiert. «Allein bei Rotwein haben wir 34 Monate Lagerbestände», sagt Andrea Conconi, Direktor von Ticinowine, der Marketing-Organisation der Branche. Ein Monat Lagerbestand entspricht dem langjährigen Mittelwert des Verkaufs in einem Monat. Ideal wären maximal 24 Monate Bestand in den Kellern.

Nun sind in Folge der Coronakrise Restaurants und Beizen seit zwei Monaten geschlossen, Veranstaltungen und Familienfeste abgesagt; Degustationen finden nicht statt, die «Tage der Offenen Weinkeller» verschoben. «Dadurch ist der Verkauf um 20 bis 30 Prozent zurückgegangen», sagt Conconi. Dies entspricht rund 1,5 Millionen Flaschen. Im Tessin werden jährlich zirka 6 Millionen Flaschen à 0,75 Liter produziert.

Tessin drosselt Weinproduktion, Winzer sind verärgert

Den dramatischen Einbruch bestätigt auch Bruno Bonfanti, Präsident der Vereinigung Schweizer Weinhandel, der bei Vini Bée in Stabio tätig ist. «Wer mit seinen Produkten von der Restauration abhängt, muss Einbussen von bis zu 70 Prozent verzeichnen», präzisiert er. Produzenten, die mit ihren Weinen im Detailhandel präsent seien, ergehe es etwas besser. Der Markteinbruch betreffe nicht nur das Tessin, sondern stark auch die Westschweiz, insbesondere die Kantone Wallis und Waadt.

«Wein ist ein geselliges Getränk», so Bonfanti. Ohne Sozialleben und Gemeinschaftsanlässe werde weniger getrunken. Man merke sogar, dass es weniger Privateinladungen gebe, bei denen zu Hause den Gästen ein paar Flaschen guter Wein kredenzt werde. Die Isolation mache sich spürbar.

Angesichts dieser Entwicklung hat der Tessiner Branchenverband IVVT, in dem Weinhändler, Weinbauern, kleine Winzer und die Genossenschaftskellerei in Mendrisio vertreten sind, bereits entschieden, die Produktion 2020 um rund 20 Prozent zu drosseln. Der Ertrag in den Rebbergen muss von 1 Kilogramm pro Quadratmeter auf 800 Gramm reduziert werden. Die Genossenschaftskellerei in Mendrisio wird davon im Regelfall nur 500 Gramm ankaufen. Entsprechende Entscheide haben auch andere Grosskellereien ihren Weinbauern mitgeteilt.

«Diese Ankündigungen ist bei den Weinbauern gar nicht gut angekommen», sagt Mirto Ferretti, Präsident des Weinbauernverbandes Federviti im Bellinzonese. Im ganzen Tessin gibt es rund 2700 Weinbauern, davon bewirtschaftet die Hälfte ihre Weinberge allerdings nur nebenbei als Hobby.

Alkohol für Desinfektionsmittel

Wohin mit den überschüssigen Trauben? Geplant ist, einen Teil dafür zu verwenden, reinen Alkohol zu destillieren und diesen als Desinfektionsmittel auf den Markt zu bringen. Für diesen Verwendungszweck bezahlen die Kellereien nur zwischen 50 und 80 Rappen pro Kilo Trauben; bei der normalen Weinproduktion liegt der Kilopreis bei 4,20 Franken. «Mit der Alkoholproduktion lässt sich kein Geld verdienen – es ist eher ein soziales Engagement für die Gesellschaft in dieser schwierigen Lage», meint Conconi von Ticinowine.

«Das Grundproblem bleibt, dass die Produktion zu hoch ist, während Absatz und Konsum rückläufig sind», so Conconi. Einige Winzer sind angesichts der Coronakrise zwar sehr aktiv geworden und haben ihr Online-Geschäft mit interessanten Aktionen ausgebaut. Doch die Verluste in der Gastronomie konnten damit nicht wett gemacht werden. Ab Montag dürfen Restaurants wieder öffnen. Wird dann alles wieder gut? Bonfanti bleibt angesichts der vielen Vorschriften für die Gastrobranche skeptisch: «Ich gehe nicht davon aus, dass es sofort zu einem Run auf die Restaurants kommen wird.»

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