Er ist der Mann, der künftig im Namen der Sicherheit Lauschangriffe in Auftrag geben soll: Präventiv Telefone abhören, in Computer eindringen, Wohnungen verwanzen – die Liste der geplanten Überwachungsmassnahmen ist lang. Wie sich Geheimdienstchef Markus Seiler das neue Regime genau vorstellt, will er nicht sagen. Bevor das Stimmvolk am 25. September über das neue Nachrichtendienstgesetz abgestimmt hat, gibt er keine Interviews. Mit einer Ausnahme.

Am vergangenen Freitag tritt er in der Diskussionssendung «Arena» des Schweizer Fernsehens auf, als Verstärkung für den Westschweizer Verteidigungsminister Guy Parmelin, der nur mässig Deutsch spricht. Seiler wirkt nervös, als er sagt, er sei als Experte eingeladen und nicht zum Politisieren da. Er spricht dann trotzdem wie ein Politiker, vergleicht die Internetüberwachung mit einem harmlosen Autobahnzoll, lässt seinen Unmut über aufsässige Journalisten, die geringe Anzahl seiner Mitarbeiter und die parlamentarische Aufsicht durchblicken: Die Sitzungen mit den Kontrollorganen werde er nicht vermissen, wenn er einmal pensioniert sei. Mehrmals schneidet ihm der Moderator das Wort ab.

Der Chef des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) wehrt sich nicht. Ihn zu unterschätzen, wäre jedoch ein Fehler.

Ehrgeiziger Neuling

Markus Seiler, Jahrgang 1968, ist ein Aussenseiter in der Welt der Geheimdienste, als er im Frühling 2009 Chef des NDB wird. Was der Vater von vier Kindern vorweisen kann, ist eine steile Karriere in der Bundesverwaltung: Nach dem Doktortitel als Staatswissenschafter an der Hochschule St. Gallen und vier Jahren im Parteisekretariat der FDP wird er bald persönlicher Mitarbeiter von Finanzminister Kaspar Villiger, später Generalsekretär unter Verteidigungsminister Samuel Schmid. Seiler gilt als zurückhaltend, aber ehrgeizig; 2007 kandidiert er für das Amt des Bundeskanzlers, wenn auch erfolglos. In seiner Heimatgemeinde im Kanton Bern ist er fest verankert, engagiert sich in der lokalen FDP und in der reformierten Kirche.

Doch als Ueli Maurer 2009 das Verteidigungsdepartement (VBS) übernimmt, scheint sich das Blatt gegen Seiler zu wenden: In seiner Zeit als SVP-Präsident hat Maurer ihn öffentlich zur Persona non grata erklärt. «Ich will Seiler nicht», sagt der SVP-Politiker 2004 vor dessen Ernennung zum VBS-Generalsekretär durch Bundesrat Schmid. Doch Seiler hat Glück: Statt ihn zu entlassen, ernennt ihn Verteidigungsminister Maurer zum neuen Nachrichtendienstchef. Es ist eine Wegbeförderung, aber auch ein Aufstieg.

Neuling Seiler soll den Polizei-nahen Inlandgeheimdienst DAP und den eher akademischen, Militär-nahen Auslanddienst SND zu einem Nachrichtendienst fusionieren. Zwei Organisationen mit unterschiedlichen Kulturen, Mitarbeiter, die sich bis dahin als Konkurrenten gesehen haben. Viele trauen Seiler die Aufgabe nicht zu. Aber das Kunststück gelingt ihm, die Erfahrung aus über einem Jahrzehnt in der Verwaltung zahlt sich aus. Heute, sieben Jahre nach seinem Antritt, sitzt er fest im Sattel. Wer sich etwas länger umhört, hört aber auch kritische Töne.

«Sehr unvorsichtig»

Unter Seilers Ägide ereignet sich 2012 der grösste Datendiebstahl in der Geschichte des Schweizer Staatsschutzes. Ein IT-Mitarbeiter klaut mehrere Festplatten voll mit streng geheimen Informationen. Die Entwendung kommt nur dank eines Tipps einer Grossbank ans Licht. Die parlamentarische Aufsicht kritisiert ein Jahr später, der Nachrichtendienst habe die Informatiksicherheit in gravierender Weise vernachlässigt. Es ist ein Skandal, der Seiler in manch anderem Land den Job gekostet hätte.

Für Kritik sorgt auch Seilers fehlende Distanz zu ausländischen Geheimdiensten. Ein Insider sagt, der NDB-Chef verhalte sich im Umgang mit Partnerdiensten teilweise «sehr unvorsichtig». Das sei etwa bei den USA und Israel der Fall. Der NDB gebe unter Seiler Informationen weiter und habe sich auch schon an internationalen Operationen beteiligt, ohne davor beim Bundesrat Erlaubnis einzuholen.

Mit der parlamentarischen Aufsicht soll Seiler mehr als einmal im Clinch gestanden haben. Manche Informationen gebe er nur widerwillig preis und erst dann, wenn es nicht mehr anders gehe.

Parlamentarier von der SVP bis zu den Grünliberalen sind jedoch voll des Lobes für ihn. «Ich könnte nichts Negatives über ihn sagen», ist ein Satz, den man im Bundeshaus derzeit oft hört, wenn sein Name fällt. Kaum jemand im bürgerlichen Lager will das wahrscheinliche Volks-Ja zum Nachrichtendienstgesetz mit einer ungeschickten Äusserung zum Geheimdienstchef aufs Spiel setzen. Das ist wohl auch der Grund, weshalb dieser zurzeit selber auf Tauchstation ist.