Rücktritt

Der Chef, der nie ganz angekommen ist – eine persönliche Annäherung an Andreas Meyer

Geht es nach ihm, war es die Ankündigung eines langen Abschieds: Überraschend gab der SBB-Chef gestern Mittwoch in Bern bekannt, spätestens Ende 2020 ist Schluss.

Geht es nach ihm, war es die Ankündigung eines langen Abschieds: Überraschend gab der SBB-Chef gestern Mittwoch in Bern bekannt, spätestens Ende 2020 ist Schluss.

Andreas Meyer ist ein begnadeter Verkäufer seiner Visionen, doch er unterschätzte, dass bei der Bahn vor allem eines zählt: dass sie funktioniert. Patrik Müller hat den SBB-Chef 13 Jahre lang journalistisch begleitet - eine Annäherung.

Er strahlt, schüttelt Hände, macht Sprüche, verteilt rote Bonbons mit Schweizer Kreuz. Andreas Meyer ist in seinem Element. An der Transport-Messe in München Anfang Juni ist seine SBB-Welt noch in Ordnung. Meyer führt den Schreibenden durchs Messe-Gelände, schwärmt von den Chancen der Digitalisierung und von den Innovationen, wie sie hier zu besichtigen sind.

Dass dieser energiegeladene Mann nur drei Monate später seinen Rücktritt ankündigen würde – undenkbar! Er sagt sogar ausdrücklich, er habe noch vieles vor, er möchte «jahrelang» weitermachen. Dabei wusste der 58-Jährige in diesem Moment bereits, dass er Anfang September seinen Rücktritt ankündigen würde. So stellten es gestern zumindest Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar und Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga dar.

Rückblickend dürfte Meyer bereuen, dass er nicht bereits im Mai gegangen ist, oder früher. Denn die letzten drei Monate wurden zu den schwierigsten seiner 13-jährigen Amtszeit:

Erneut verzögerte sich die Lieferung der Dosto-Züge von Bombardier, entgegen den Ankündigungen. Die teuerste Beschaffung der SBB geriet definitiv zum Debakel.

Verspätungen und Zugsausfälle häuften sich. Erste Züge liessen Halte aus, um Zeit aufzuholen.

Schliesslich und vor allem: der tragische Unfall von Baden am 4. August. Ein Kondukteur klemmte den Arm in der Türe ein, wurde vom Zug mitgeschleift und dabei getötet. Die nachfolgende Untersuchung zeigte, dass es Hunderte von Mängeln an den fraglichen Waggons gab. Meyer zeigte sich darob «überrascht». Das Bundesamt für Verkehr schritt ein und verfügte eine externe Überprüfung. Ein Misstrauensvotum.

Mit einer Krise endet Meyers Amtszeit – mit einer Krise hat sie auch begonnen. Kaum angetreten, restrukturierte Meyer den Unterhaltsbereich, was im Industriewerk Bellinzona zu einem der längsten Streiks führte, die es bei den SBB je gab. Zudem stand Meyer unter Abzocker-Verdacht: Der «Sonntag» hatte publik gemacht, dass er beim Transfer von der Deutschen Bahn zu den SBB vergoldet wurde, mit grosszügigen Pensionskassenzuschüssen und mit einem heiklen Haus-Deal.

Meyer reagierte auf Kritik dünnhäutig und professionell zugleich. Der Schreibende hat diese Widersprüchlichkeit mehrfach erlebt. Den erwähnten Artikel zum Haus-Deal wollte Meyer gerichtlich unterbinden, blitzte damit aber ab. Er war wütend, doch kurze Zeit später gab er wieder fröhlich ein Interview.

Der SBB-Chef stand stets hin, wenn es brenzlig wurde. Das war auch am Tag so, an dem der tragische Unfall von Baden an die Öffentlichkeit kam. Meyer beantwortete, sichtlich bewegt, alle Journalistenfragen.

Wie er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, das war ihm wichtig. Eine gewisse Eitelkeit konnte er nicht verhehlen, doch er lernte kommunikativ schnell dazu: Sich in Badehosen in der «Schweizer Illustrierten» gezeigt zu haben, bereute er bald, und so wurde er zurückhaltender. Der vielleicht frivolste Auftritt, den er sich danach noch leistete, war die Inszenierung seiner Rückkehr in den Job nach einem Sabbatical – braun gebrannt und mit aufgeknöpftem Hemd.

Statt sich selber stellte Meyer seine Visionen ins Zentrum. Er war ein begnadeter Verkäufer seiner digitalen und technologischen Zukunftsvorstellungen. Das kam auch in der Politik gut an, namentlich bei der langjährigen Verkehrsministerin Doris Leuthard (CVP). Seine Begeisterung wirkte ansteckend.

Dies allerdings mehr gegen aussen als gegen innen. Die SBB sind ein konservatives Unternehmen mit einer fast militärischen Betriebskultur. Das kommt nicht von ungefähr: In einer Eisenbahn muss primär alles funktionieren, jede Weiche und jedes WC und jede Türe, es braucht ausgefeilte Netz- und Dienstpläne. Ziemlich unspektakulär, aber entscheidend in dieser Branche.

Solcherlei hat den Visionär Meyer nicht gross interessiert. Wohl deshalb fand er nie einen Draht zur Basis, obschon er die biografischen Voraussetzungen dafür mitgebracht hätte: Meyer wuchs als Sohn eines Eisenbahners im Baselbiet auf und jobbte als Jus-Student bei den SBB, und zwar als Wagenreiniger. Der CEO bemühte sich zwar um Nähe, aber seine Jovialität kam beim Bodenpersonal oft gekünstelt rüber – wirklich angekommen ist er hier nie. Das erwies sich gerade in Zeiten der Umstrukturierungen und Krisen als Handicap, wo ein Chef seine Leute mitnehmen muss.

Dieses Manko war umso sichtbarer, als Meyers Vorgänger Benedikt Weibel die Nähe zur Basis geradezu zelebrierte. So brachte dieser den Abbau von 10 000 Stellen einigermassen geordnet über die Bühne. Unter Meyer wuchs der Personalbestand wieder leicht, auf über 30 000.

Wären nur die letzten drei Monate nicht gewesen! Man hätte Meyer als dynamischen, etwas abgehobenen, aber gleichwohl zielstrebigen Manager in Erinnerung behalten: Er hat die SBB digitalisiert, den Fahrplan weiter verdichtet, Cargo neu aufgestellt, und er durfte den Gotthard eröffnen, den längsten Tunnel der Welt.

Doch diese Welt ist ungerecht. Jetzt spricht kaum jemand über Meyers Verdienste, sondern nur über die jüngsten Vorfälle und die Frage: Geht er wirklich freiwillig oder am Ende eben doch auf Druck der neuen Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga? Und die nächste Diskussion hat schon begonnen. Müsste Meyer nicht schon sehr bald den CEO-Schlüssel übergeben, statt wie von ihm gewünscht womöglich bis weit ins kommende Jahr, im äussersten Fall gar bis Ende 2020 zu bleiben? Meyer hätte nach 13 Jahren wahrlich einen besseren Abgang verdient.

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