Gewässerverunreinigung

«Das ist eine Katastrophe» – Fisch-Forscher eröffnet Pestizid-Arena mit einem Hammer

Die Teilnehmer der Pestizid-Arena: Marcel Dettling, Markus Ritter, Moderator Sandro Brotz, Tiana Angelina Moser, Maya Graf.

Die Teilnehmer der Pestizid-Arena: Marcel Dettling, Markus Ritter, Moderator Sandro Brotz, Tiana Angelina Moser, Maya Graf.

In der Pestizid-Arena sagt ein Fisch-Forscher gleich zu Beginn, was Sache ist. Danach sehen auch alle mehr oder weniger Handlungsbedarf. Ausser FDP-Mann Feller, welcher von GLP-Moser vorgeführt wird.

Die Schweiz erlebte einen turbulenten Frühling. Klimastreik, Frauenstreik und das EU-Rahmenabkommen sorgten für viele hitzige Debatten an den Stammtischen und Politstuben des Landes.

Nun, in der Woche des kalendarischen Sommeranfangs, trat ein anderes Thema auf das politische Parkett, welches das Potential hat, in den kommenden Monaten ebenso viele Emotionen zu schüren. Die Rede ist von den Pestiziden und deren Einsatz in der hiesigen Landwirtschaft.

Zunächst berichtete 10 vor 10 darüber, dass im Trinkwasser krebserregende Pestizide gefunden wurde. Wenig später und nach stundenlangem Wortgefecht lehnte der Nationalrat sowohl die Trinkwasser- als auch die Pestizidinitiative ab.

Am Freitagabend fand dann die Arena mit dem Titel «Gift auf unseren Tellern?» statt.

Welch bedrohliche Auswirkungen Pestizide haben können, illustrierte gleich zu Beginn der Sendung Fisch-Forscher Roland Kurt. «Es ist eine Katastrophe, was hier abläuft und es wird oft einfach verharmlost», schimpfte er. Wenn er vor zwanzig Jahren einen Stein in einem Bach umgekehrt habe, dann habe es dort gewimmelt von Kleinlebewesen. «Wenn ich das heute mache, dann hat es nichts mehr.»

Dies sei katastrophal, denn die kleinen Tiere seien ein Indikator dafür, wie es den Schweizer Bächen und Flüssen gehe, führte Kurt aus. «Und es geht ihnen nicht gut, sie sind krank.» Die Fische hätten zu wenig Nahrung und jene Nahrung, die sie aufnehmen würden, sei bereits durch Pestizide verseucht, warnte Kurt mit Nachdruck. «Seit dem Jahr 2000 haben wir einen Rückgang von einem Drittel der Fische in unseren Bächen und Flüssen. Das ist alarmierend.»

Kurt forderte deswegen von Markus Ritter, dem Präsidenten des Bauernverbandes, den sofortigen Stopp des Pestizid-Einsatzes. Dieser entgegnete, dass Schweizer Bauern nur jene Mittel einsetzten, die vom Bund zugelassen seien und schob die Verantwortung sogleich weiter. «60 Prozent der Gewässerverunreinigung kommt von den Haushalten und der Industrie», so Ritter.

Während die Landwirtschaft die Probleme erkannt und Massnahmen ergriffen habe, müssten alle anderen nichts tun, ärgerte sich der oberste Bauer des Landes.

Dass mit synthetischen Pflanzenschutzmitteln sehr vorsichtig umgegangen werden muss und dass Handlungsbedarf besteht, darüber waren sich die anwesenden Politiker nach der krachenden Eröffnungsrede des Fisch-Forschers einig. Welche Massnahmen jedoch ergriffen werden müssen, darüber schieden sich die Geister.

Während Ritter die Landwirtschaft auf gutem Kurs sieht, fordert Grüne-Nationalrätin Maya Graf strengere Regeln. «Wir haben seit Jahren ein Problem, Herr Ritter, und wir erreichen es nicht», sagte Graf und echauffierte sich darüber, dass die Mehrheit des Nationalrats diese Woche keinen zusätzlichen Handlungsbedarf sah und nicht bereit für einen Gegenvorschlag war. «Es ist so schade, gemeinsam könnten wir eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft in der Schweiz erreichen.»

Marcel Dettling, der wie Graf einen Bauernhof betreibt und vor der Arena noch Gülle auf seinen Feldern ausbrachte, fürchtet sich derweil vor weitgehenden Pestizidverboten. Der SVP-Nationalrat sieht die Ernährungssicherheit bedroht. «Wenn man die ganzen Pflanzenschutzmittel in der Schweiz nicht mehr einsetzen darf, geht man von Ernteausfällen von bis zu 40 Prozent aus», so Dettling. In Teilbereichen würden sogar totale Ausfälle drohen.

Die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative, welche den Einsatz von Pestiziden stark erschweren beziehungsweise verbieten würden, seien letzten Endes Importinitiativen, meinte der Schwyzer. «Wir schrauben in der Schweiz die Produktion herunter und kaufen im Ausland ein. Da mache ich nicht mit!»

Das sei ein Angstszenario, hielt Tiana Angelina Moser dagegen, man müsse einfach anders produzieren. Eigentlich sei das aber sowieso die falsche Diskussion, fuhr die bestens aufgelegte Grünliberale fort. «Wenn ich Ihnen sage, Herr Dettlin, dass die bisherige Produktion unser Trinkwasser und unser Ökosystem kaputt macht, dann können Sie irgendwann gar nicht mehr zuhause produzieren.»

Moser kritisierte, was momentan mit den Dirketzahlungen des Bundes an die Bauern passiert. «Ich bin doch nicht bereit, mit der einen Hand Geld in die Landwirtschaft zu investieren», so Moser, «und danach mit der anderen Hand noch mehr Geld zu investieren, um wieder alles zu sanieren, das wir kaputt gemacht haben.» Man erhalte mit Steuergeldern ein System künstlich am Leben, das Natur und Menschen schaden würde. «Das geht doch nicht, das ist doch absurd!»

Ritter, der sich mächtig ins Zeug legte, kam nach diesen Voten aus der Öko-Ecke zunehmend in Erklärungsnot. Seine Situation verbesserte sich auch nicht, als er sich mit Franziska Herren, der Initiantin der Trinkwasser-Initiative anlegte.

Herren rechnete vor, dass bei der Produktion von Schweizer Fleisch 50 bis 70 Prozent Import-Futter verwendet würde. Das stimme nicht, entgegnete der Präsident des Bauernverbandes, «90 Prozent des Futters kommt aus der Schweiz.»

Dies löste bei Herren wiederum ein Kopfschütteln aus. Wenn man das Gewicht betrachte, stamme tatsächlich nur zehn Prozent des Futters aus dem Ausland, so Herren. Aber es gehe hier doch um den Nährwert, nicht um das Gewicht. «Ob Sie einen Teller Sojabohnen oder einen Teller Salat essen, hat einen ganz anderen Effekt», erklärte sie schlüssig und liess damit den CVP-Nationalrat einigermassen hilflos zurück.

Noch schlechter erging es eigentlich nur Olivier Feller, der von seiner liberalen Ratskollegin Moser regelrecht überfahren wurde. Der FDP-Nationalrat setzt seine Hoffnung in die Selbstregulierung des Marktes. Wenn alle Links-Wähler nur Bio-Produkte kaufen würden, dann würde auch die Anzahl Bio-Bauern steigen, so Feller.

Dieser Strategie konnte Moser so rein gar nichts abgewinnen. Es würden heute systematisch Grenzwerte überschritten, während ein Insekten- und Vogelsterben stattfinde, konterte die Grünliberale. «Wir können doch nicht die Gesundheit der Umwelt und der Menschen dem Markt überlassen. Da gibt es Grenzen!»

Fisch-Forscher Kurt kam im Verlauf der Sendung leider nicht mehr zu Wort. Doch vielleicht wird sich der eine oder andere Arena-Zuschauer in den kommenden Sommermonaten an seine Warnung zurück erinnern und in der Fluss-Badi mit einem unguten Gefühl einen Stein umdrehen.

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