Auf die Wasserkraft ist die Schweiz so stolz wie auf die Schokolade, den Käse und die Uhren. «Die Wasserkraft ist die wichtigste einheimische Energiequelle der Schweiz», rühmt der Schweizerische Wasserwirtschaftsverband (SWV), präsidiert von Nationalrat Albert Rösti (SVP), auf seiner Website.

Aber jetzt, fast wie einst der Swissair, droht das Grounding. In einer Blitzaktion wollen daher Stromkonzerne, angeführt von Alpiq und Axpo, Haushalten und KMU eine «Grundversorgungsprämie» abknöpfen.

Wie kam es zum Niedergang der Wasserkraft? Geht es nach der Stromwirtschaft, ist der Zerfall der Strompreise schuld – ausgelöst unter anderem durch die Energiewende in Deutschland.

Das sehen andere ganz anders. Im Herbst 2015 sagte Energieministerin Doris Leuthard (CVP) im Ständerat, gestützt auf Erhebungen bei Wasserwerken, dass diese zwar zuletzt an Effizienz zugelegt hätten und die Betriebskosten deckten. «Man hat aber festgestellt, dass die fixen Kosten – die Eigen- und Fremdkapitalkosten für die Schulden und die entsprechende Zinslast, die viele Werke haben – hoch sind.» Sie betonte: «Das hat aber nichts mit dem Markt zu tun, das hat auch nichts mit dem Preiszerfall zu tun.»

Will heissen: Die Wasserwerke, die jahrelang Milliardenüberschüsse produzierten, sind hoch verschuldet. Leuthard sagte es direkt: «Es ist einfach blöd, dass diese Wasserwerke nach wie vor so viele Schulden haben und entsprechende Zinsen bezahlen müssen. Damit haben aber der Steuerzahler, der Bund und der Konsument nichts am Hut, vielmehr die Verantwortlichen selber.» Die Verantwortlichen, das sind die Stromlobby und ihre Manager. Jene Kreise, die nun die neue Prämie einfordern.

Keine Rückstellungen gemacht

Doris Leuthard ist eine unverdächtige Zeugin. Sie war lange selbst Mitglied im Verwaltungsrat des Stromhändlers EG Laufenburg. Zu einem ganz ähnlichen Schluss wie Leuthard kommt Nationalrat Hans Grunder (BDP/BE), Mitglied der Energiekommission: «Das Geld kam lange buchstäblich aus der Steckdose raus, die Konzerne haben fette Gewinne gemacht. Sie haben die Gewinne aus der Wasserkraft gezogen, aber zu grossen Teilen keine Rückstellungen für Investitionen und Erneuerungen gemacht, ebenso zu wenig Innovationen.»

Stattdessen seien grosse Dividenden bezahlt, viel Geld auch im Ausland fehlinvestiert worden. «Aber den Goldesel, die Wasserkraftwerke, haben sie teilweise schlecht behandelt und ausgehungert.» Trivialste unternehmerische Regeln seien missachtet worden. «Mit dem Zusammenbruch der Preise ist das Geschäftsmodell futsch, und jetzt können die Konzerne nicht mal mehr den Unterhalt zahlen.»

Der Gang nach Bern soll nun helfen. Axpo-CEO Andrew Walo persönlich hat sich kürzlich in der Bundesstadt Energiepolitiker zur Brust genommen, um seine «Grundversorgungsprämie» durchzuboxen. Chancenlos ist das Ansinnen nicht, denn die Stromwirtschaft ist in National- und Ständerat in Bern vielfach vertreten.

An den Löhnen der Stromkader ist die Krise bisher allerdings nicht wirklich abzulesen. Axpo-Chef Andrew Walo erhielt 2016 trotz Milliardenverlust mit 1,18 Millionen etwas mehr als im Vorjahr. Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin steigerte sich von 1,5 auf knapp 1,9 Millionen. Ihr Unternehmen machte letztes Jahr schliesslich erstmals wieder einen kleinen Gewinn.