Covid-Zertifikat
Impfpass: Ärzte und Apotheker preschen vor und setzen den Bund unter Druck

Noch im Mai will die Ärztevereinigung FMH ein Covid-Zertifikat vorlegen. Es könnte mehr Freiheiten ermöglichen. Doch der Bund scheut eine heikle Diskussion - und zögert.

Lucien Fluri
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Das Impfzertifikat soll digital und fälschungssicher sein - anders als der Impfpass.

Das Impfzertifikat soll digital und fälschungssicher sein - anders als der Impfpass.

Kenneth Nars

Nun ist die Ärztevereinigung FMH vorgeprescht: Noch im Mai will sie, gemeinsam mit dem Apothekerverband Pharma Suisse, ein Covid-Zertifikat lancieren. Im digitalen Dokument soll einsehbar sein, ob jemand an Covid genesen, geimpft oder eben erst getestet worden ist. Dies kündigte der Verband am Sonntag an. Zuvor hatte die «NZZ am Sonntag» berichtet.

Das rasche Vorgehen setzt den Bund unter Druck: Er plant ebenfalls ein Zertifikat, das aber erst im Sommer zur Verfügung stehen soll. Das Dokument spielt eine Schlüsselrolle bei künftigen Öffnungsschritten: Einerseits sollen laut Bund ab Juli Grossveranstaltungen mit bis zu 3000 Besuchern möglich sein. Wer teilnehmen will, muss geimpft, getestet oder genesen sein – und dies mit einem fälschungssicheren Zertifikat nachweisen können.

Gerade für Reisen dürfte das Zertifikat wichtig werden

Und auch für die Sommerferien könnte das Dokument wichtig werden: In der EU soll das Reisen dank Zertifikat wieder vereinfacht werden. So hat es zumindest vergangene Woche das EU-Parlament beschlossen. Details zur Umsetzung in den Mitgliederländern sind allerdings noch nicht geklärt.

Der Ärzteverband kritisiert nun: «Falls Bundeszertifikate planungsgemäss Ende Juni zur Verfügung stehen würden, so müssten die im Impfbüchlein von Hand eingetragenen Impfungen von Hunderttausenden von Menschen in ein internationales Covid-Zertifikat umgewandelt werden.» Dagegen sei die Software-Lösung der FMH «rasch umsetzbar und fälschungssicher». Sie sei EU-kompatibel und baue auf Technik auf, die in Impfzentren oder Arztpraxen eingesetzt werde.

Gesundheitspolitikerin Humbel: «Zertifikat ermöglicht Pilotprojekte»

Läge bereits heute ein fälschungssicheres Zertifikat vor, würde sich auch die grundrechtlich heikle Frage stellen, inwieweit das Leben Geimpfter überhaupt noch eingeschränkt werden darf. Bisher ist der Bund der Diskussion eher ausgewichen. Käme sein Zertifikat Ende Juni, wäre die zeitliche Distanz nur noch gering bis zum Stichdatum Ende Juli, wenn alle Impfwilligen geimpft sein sollen. Damit wäre die Diskussion umgangen.

Von einem «interessanten Angebot», spricht Ruth Humbel. Die Mitte-Nationalrätin ist Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission. Sie würde es begrüssen, wenn es bei der Frage des Zertifikates rasch vorwärtsgehen würde. Dabei sieht sie vor allem die Chance für ­Pilotprojekte. Humbel könnte sich etwa vorstellen, dass Clubs für Junge wieder öffnen- in wissenschaftlich begleiteten Untersuchung; mit PCR-Tests vorher und nachher.

SVP will öffnen - und sieht deshalb nur bedingten Nutzen im Zertifikat

SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi erwartet, dass der Bund das Angebot der FMH nochmals genauer anschaut: «Wenn das Zertifikat schneller vorliegt als andere Lösungen, muss man dies prüfen.» Aeschi hält aber auch fest:

«Ausser beim internationalen Reiseverkehr oder Grossveranstaltungen soll das Zertifikat nicht elektronisch erfasst werden.»

Einerseits vertritt seine Partei die Haltung, dass nun alle Betriebe wieder geöffnet werden können, da die Risikopersonen geimpft sind. Andererseits befürchtet der Zuger Nationalrat bei den Sonderrechten für Geimpfte eine Verletzung der Privatsphäre. «Die elektronische Erfassung jedes Restaurantbesuchs lehne ich entschieden ab.»

Dürfen Geimpfte bevorzugt werden? SP-Parlamentarier fordert klar Regeln

Für die Aargauer SP-Nationalrätin Yvonne Feri sind noch zu viele Fragen offen rund um Impfpässe und Covid-Zertifikate. Feri nennt etwa die Frage, ob Wirte dereinst nur noch geimpfte, getestete oder immunisierte Personen einlassen dürfen. Der Bund vertrat die Haltung, dass dies möglich ist. «Es braucht hier klarere Regeln», sagt die Gesundheitspolitikerin.

Sie will noch diese Woche prüfen, wie das Ausarbeiten einer gesetzlichen Grundlage vorangetrieben werden kann. Zentral dabei ist für Feri: Wenn alle geimpft sind, die dies wollen, müsse man möglichst in eine Normalität ohne Zertifikate für Alltagshandlungen zurückkehren. Jeder soll dann in ein Restaurant oder in den Fitnessklub dürfen, ohne dass er sich ausweisen oder testen lassen muss.