Corona
«Diese Tendenz gibt Anlass zur Sorge»: Auch Erwachsene brauchen mehr Beratungen wegen Suizidalität

Die Beraterinnen und Berater der Dargebotenen Hand unterstützen in ihren Gesprächen pro Monat rund 500-mal Menschen, die Suizidgedanken hegen.

Kari Kälin
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Dargebotene Hand

Gespräche zum Thema Suizidalität
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Die Dargebotene Hand betreibt mit der Notfallnummer 143 eine Sorgen-Hotline für Menschen in schwierigen Lebenslagen. Das Angebot wird vor allem von Erwachsenen genutzt. Die Anzahl der Telefongespräche und Onlineberatungen (206'779) hat im Pandemiejahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um 7,6 Prozent zugenommen. Per Ende Oktober 2021 befindet sich die Zahl der Gespräche leicht unter dem Vorjahresniveau; sie liegt aber höher als 2019.

Während sich die Zahl zu den drei dringlichsten Themen – Psychisches Leiden, Alltagsbewältigung, Einsamkeit – stabilisiert hat, wächst die Zahl bei der Suizidalität. «Diese Tendenz gibt Anlass zur Sorge», sagt Sabine Basler, Geschäftsführerin des Verbandes Tel 143 – Die Dargebotene Hand. Pro Monat sind die Beratungsteams der zwölf Regionalstellen in ihren Gesprächen rund 500-mal mit dem Thema Suizid konfrontiert.

Pro Jahr nehmen sich in der Schweiz etwa 1'000 Menschen das Leben

Eine positive Nachricht gibt es. Wie das Bundesamt für Statistik mitteilt, sehe man gemäss den kantonalen Polizeistellen bei den Suiziden im Jahr 2020 keine Zunahme gegenüber dem Jahr 2018. In der Schweiz nehmen sich jährlich etwa 1'000 Menschen das Leben.

Anders als bei den Kindern und Jugendlichen herrscht bei den Erwachsenen in der psychiatrischen Versorgung kein Versorgungsengpass. «Die Versorgung war bis anhin auch während der Pandemie auf allen Ebenen sichergestellt», sagt Fulvia Rota, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP). Viele Psychiaterinnen und Psychiater hätten ihre Pensen erhöht und betreuten mehr Patienten als üblich. «Mit diesen Einsätzen konnten wir die gestiegene Nachfrage auffangen.» Vor allem bestehende und ehemalige Patienten benötigten seit Ausbruch der Pandemie mehr Therapie.

Zeitnahe Behandlung psychischer Leiden ist wichtig

Gemäss einer Umfrage bei den SGPP-Mitgliedern sind im vergangenen Jahr die Wartezeiten bei 55 Prozent der Anfragen unverändert geblieben. Bei 9 Prozent verringerten sie sich, beim Rest verlängerten sie sich im Median um 21 Tage. In Notfällen, sagt Rota, erhielten Patientinnen und Patienten immer sofort einen Termin. Auch für längerfristige Therapien gebe es je nach Region keine Wartezeiten. Falls doch, betrage sie in der Regel einige Tage bis wenige Wochen. Eine zeitnahe Behandlung psychischer Leiden sei wichtig, sagt Rota: «Durch kürzere Wartezeiten werden direkte und indirekte Kosten reduziert, die beispielsweise durch eine Chronifizierung der Erkrankung bis hin zur Hospitalisation entstehen.»

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