Bundesstrafrichter Emanuel Hochstrasser haut mit seinem Hammer so laut auf sein Pult, dass einige Zuschauer zusammenzucken. Es ist das Ende eines undiplomatischen Prozesses über die Geheimnisse der Diplomatie. Der Richter versteckt seine Emotionen nicht und verschafft seinem Ärger über das selbstbewusste Auftreten des Angeklagten Viktor K.* Luft. In der Urteilsverkündung wirft er ihm vor, dass er sich als «Mister Korruption» bezeichnet hat, selber aber als Beamter Gespür für eine korruptionsanfällige Situation vermissen liess. Deshalb verurteilt er ihn mit dem Hammerschlag zu einer bedingten Geldstrafe von 9000 Franken. Das Delikt: Vorteilsannahme, eine Vorbereitungshandlung für eine potenzielle Bestechung, auch «einseifen» genannt.

Formell ist es ein halber Sieg für die Bundesanwaltschaft. Sie hat den Schuldspruch gefordert, allerdings mit einer doppelt so hohen Geldstrafe. Da sie einen Mann aus den eigenen Reihen anklagen musste, konnte sie mit dem Prozess aber nur verlieren. Viktor K. setzte in seiner Verteidigungsstrategie alles daran, dass die Vorwürfe von ihm ab- und auf seine ehemalige Auftraggeberin, die Bundesanwaltschaft, zurückfielen.

Der Fall kommt für die Behörde zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Just jetzt, da Bundesanwalt Michael Lauber wegen informellen Treffen in der Fifa-Affäre in der Kritik steht, werden unangenehme Details weiterer informeller Treffen publik.

«Ciao, ist der Mike da?»

Viktor K. kennt Lauber seit 1998. Damals arbeiteten sie im gleichen Team bei der Bundespolizei Fedpol. Später wechselten sie in unterschiedliche Abteilungen, doch die Zusammenarbeit blieb eng. Sehr eng. Lauber wurde zum höchsten Strafverfolger der Schweiz befördert und Viktor K. wurde sein persönlicher Berater. Vor Gericht erklärte er seine spezielle Beziehung zum Bundesanwalt: «Ich war der Einzige, der ohne Voranmeldung zu Lauber gehen konnte.» Er sei jeweils einfach vor Laubers Büro erschienen und habe gesagt: «Ciao, ist der Mike da?»

Die Tätigkeit als Laubers Berater tauchte allerdings in keinem Organigramm auf, auch sie war informeller Natur. Formell blieb Viktor K. bei der Partnerbehörde Fedpol angestellt, obwohl er jahrelang zu 100 Prozent für die Bundesanwaltschaft eingesetzt wurde. Erfolglos bewarb er sich bei Freund Mike um eine formelle Anstellung bei der Bundesanwaltschaft. Im Nachhinein sei ihm klargeworden, weshalb er mit leeren Versprechen abgewimmelt worden sei. Für die Bundesanwaltschaft hätte er nämlich ein zu grosses Risiko dargestellt. Denn seine Aufgabe, die Kommunikation mit Russland, sei heikel. Da würden immer zehn Geheimdienste mithören. Viktor K. erhielt regelmässig den Auftrag, «auf inoffizielle Weise» Informationen von den Russen zu beschaffen. Wenn da etwas schiefgeht, ist es praktisch, wenn der Auftraggeber danach auf Distanz gehen kann. Das zeigte sich etwa in dieser Gerichtsverhandlung.

Im Prozess ging es um eine Reihe informeller Treffen in Russland. Verbunden waren sie mit Abendessen im teuersten Restaurant des Landes, Übernachtungen in einem Luxushotel, Ausflügen mit einer Jacht (Foto) und Flügen in Putins präsidialem Jet. Ausgelöst wurde die Untersuchung durch den Rechtsdienst von Fedpol, der Ungereimtheiten in Rapporten festgestellt hatte. Von den zahlreichen Vorfällen blieb juristisch allerdings nur ein Ereignis hängen: eine Bärenjagd.

Es war im August 2016. Anruf aus Moskau: Die Generalstaatsanwaltschaft lud Viktor K. zu einer Jagdwoche ein. Dieser sagte zu, obwohl ihm das Jagen eigentlich zuwider sei. Es sei ihm nur darum gegangen, Informationen zu einem laufenden Strafverfahren zu beschaffen. Dass nicht wie üblich Schweine auf der Abschussliste standen, habe er nicht wissen können. Mit Helikoptern und Geländewagen trieben die Jäger die Raubtiere vor die Gewehre und ballerten drauflos. Welche Kugel schliesslich zum Tod führte, liess sich nicht ermitteln. Fest steht: Jeder Jäger posierte mit einem toten Bären.

Staatsanwalt mit Leseschwäche?

In der Befragung durch den Richter ging Viktor K. ähnlich vor wie bei der Bärenjagd. Er ballerte verbal drauflos. Als er vom Richter gefragt wurde, weshalb er keine Aktennotizen erstellt habe, erzählte er eine Geschichte über seinen einstigen Vorgesetzten Patrick Lamon, Staatsanwalt des Bundes für Wirtschaftskriminalität. Dieser sage selber über sich, an Dyslexie zu leiden, einer Leseschwäche. Einmal habe Viktor K. einen Rapport für Lamon verfasst und ihm gesagt, wenn er diesen gelesen habe, kriege er eine Schachtel Pralinen. Später habe der Staatsanwalt ihm mitgeteilt, den Text zwar nicht gelesen, aber Lust auf Schokolade zu haben.

Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft dementiert. Der Vorwurf sei in diesem Verfahren «deplatziert» und «inhaltlich falsch». Viktor K. hält an seiner Darstellung fest. Und kämpft weiter. Er kündigt Beschwerde beim Bundesgericht an. Weitere Geheimnisse der Diplomatie könnten auf der Abschussliste stehen.

* Name geändert