Trockenheit

Bund erleichtert Heu-Importe – darüber sind nicht alle glücklich

Auf der Alp haben diese Rinder dank der Armee derzeit wieder Wasser zum Trinken. Doch was sie im Winter zu fressen haben, ist derzeit ungewiss.

Auf der Alp haben diese Rinder dank der Armee derzeit wieder Wasser zum Trinken. Doch was sie im Winter zu fressen haben, ist derzeit ungewiss.

Die Landwirte sind zufrieden, der Raufutterverband reagiert skeptisch: Man hat Angst, dass die Bauern Hamsterkäufe machen.

«Hören Sie den Regen?» Ruedy Zgraggen hält den Telefonhörer ans Fenster seines Büros im urnerischen Attinghausen. Der Präsident des Schweizerischen Raufutterverbandes will damit zeigen: Nicht überall in der Schweiz ist die Situation für die Landwirte aufgrund der Trockenheit drastisch. , sagt Zgraggen. Sonst würden die Bauern Hamsterkäufe machen – und die Futterpreise in die Höhe schnellen. Zgraggen zeigt zwar Verständnis dafür, dass der Bund die Importzölle für Heu senken wird, wie er gestern bekannt gab. Doch dass er die gleiche Massnahme auch für andere Raufutter wie Silomais ergreift, gefällt ihm nicht. «Wir können heute noch nicht sagen, wie die Maisernte ausfallen wird», kritisiert Zgraggen. Und schiebt nach: «Wir müssen den Schweizer Markt fördern.»

Wo soll man denn noch kaufen?

Drei Franken pro 100 Kilogramm beträgt heute der Importzoll auf Raufutter. Der Preis für 100 Kilogramm Luzerne liegt bei ungefähr 45 Franken. Er sei in den letzten Tagen um bis zu zehn Franken gestiegen, sagt Ralf Bucher, Geschäftsführer des Aargauer Bauernverbandes. «Bei diesen Preissteigerungen würde man an der Börse von Panikkäufen reden», sagt Bucher.

Die Zollsenkungen des Bundes erachtet er deswegen als wichtiges Signal. Er sagt aber auch: «Für die Bauern ist die entscheidende Frage, ob sie überhaupt noch Raufutter bekommen.» Auch das Bundesamt für Landwirtschaft hält fest, dass Ergänzungsimporte nur beschränkt möglich seien, weil in weiten Teilen Europas Trockenheit herrsche. Die Zollsenkungen sollen einen Teil der angestiegenen Importpreise kompensieren und so den Bauern zugutekommen. Bucher indes bezweifelt, dass die ausländischen Händler die Zollsenkungen an die Schweizer Kunden weitergeben werden.

Die Zollfrage sei für die Bauern nicht entscheidend, sagt Markus Ritter, der Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes. Den Bauern mache Sorgen, dass sie nicht beliebig an Futter herankommen und deshalb auch Notschlachtungen in Betracht ziehen.

Milde bei Direktzahlungen

Ritter, der im St. Galler Rheintal selbst einen Bio-Hof bewirtschaftet, begrüsst aber, dass Bundesrat Schneider Ammann die ausserordentliche Situation erkannt und erste Massnahmen ergriffen hat. Die wichtigste ist für den obersten Bauer, dass der Bund Rechtssicherheit bezüglich der Direktzahlungen schafft. So sollen die Bauern auch Direktzahlungen erhalten, wenn sie aufgrund der Trockenheit nicht alle Bestimmungen einhalten können. So darf etwa auf den Alpen auch zugekauftes Futter verwendet werden oder die Bauern werden nicht finanziell abgestraft, wenn sie das Vieh früher vom Sömmerungsbetrieb abziehen, weil es zu wenig Futter gibt. Die Kantone können für die Direktzahlungen Ausnahmen erlassen. Der Bund forderte sie gestern explizit dazu auf, ihren Handlungsspielraum zu nutzen.

Die dritte Massnahme soll Bauern helfen, die wegen der Trockenheit in finanzielle Bedrängnis geraten. Bei Liquiditätsproblemen können sie zinslose Darlehen oder Fristerstreckungen bei der Rückzahlung von Investitionskrediten beantragen.

Während des Telefonats mit Bauernpräsident Ritter ziehen auch im Rheintal dunkle Wolken auf. Ob der Regen noch kam, muss hier offen bleiben. Ritter sagt, man müsse die Situation als Ganzes beurteilen und nicht von Einzelfällen ausgehen. Tatsache ist, dass die Betroffenheit unter den Landwirten unterschiedlich ist. Heute werden sich die Spitzen des Bauernverbandes treffen, um Massnahmen gegen die Folgen der Trockenheit zu diskutieren. Ein wichtiges Thema dabei: Die Solidarität unter den Schweizer Bauern.

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