Vor 15 Jahren

Brand in Oberaargauer Papierfabrik kostet drei Feuerwehrleuten das Leben

Am 19. Juli 1996 kommt es in Niederbipp zu einer der grössten Brandkatastrophen der Schweiz. Am Freitagmittag bricht im Untergeschoss der damaligen Papierfabrik «Tela» ein Brand aus, der drei Feuerwehrleuten das Leben kosten wird.

Es ist ein schöner Sommertag, der 19. Juli 1996. Die Temperatur ist nicht allzu hoch, es bläst die Bise. In Niederbipp produziert die Papierfabrik Tela in ihrem dreissigjährigen Werk wie gewohnt. Bis um 11.39 Uhr: Kurz vor der Mittagspause ertönt eine Brandmeldeanlage aus dem riesigen Lager-Untergeschoss. Dort brennt ein Papierstapel. Mit dem Brand geht eine starke Rauchentwicklung einher.

Sofort rückt die Betriebsfeuerwehr der Fabrik aus und bekämpft den Brand als erstes. Gleichzeitig werden die Angestellten evakuiert und die Feuerwehr Niederbipp alarmiert, welche noch vor 12 Uhr bei der Papierfabrik eintrifft. Sie lösen den Atemschutztrupp der Tela ab. Im Keller breitet sich derweil das Feuer schnell aus. Das Hauptproblem sind der Rauch und die grosse Hitzeentwicklung. Von aussen ist vom Grossbrand im Keller nichts zu sehen. Nur ein bisschen Rauch steigt aus den Luftschächten auf.

Weitere Feuerwehren treffen ein

Man ist sich aber des Ausmasses bewusst. Die Feuerwehren aus Langenthal und Herzogenbuchsee werden aufgeboten. Letztere stellt am Brandplatz zwei Atemschutztrupps zusammen, welche ab 13 Uhr in den Keller vordringen. Sie sollen den Brandherd finden und bekämpfen. Beim zweiten Trupp passiert dann das unerklärliche: Nachdem sie per Funk zur Rückkehr aufgefordert wurden, hört man nach einer kurzen Funkbestätigung nichts mehr. Die drei Männer kommen nie beim Kellerausgang an. Sämtliche Funkrufe bleiben unbeantwortet.

Sofort geht ein anderer Trupp entlang des Schlauches in den Keller, welcher eigentlich dem Buchser Atemschutztrupp den Rückweg an das Tageslicht hätte zeigen sollen. Doch das Ende des Schlauches liegt am Boden. Mit der Zeit werden die Einsatzkräfte immer ungeduldiger. Die Zeit arbeitet gegen die Vermissten, denn sind die Presslufttanks leer, ist ein Überleben im Rauch unmöglich.

Keine Brandbekämpfung wegen Suche nach Vermissten

Verzweifelt suchen die Helfer nach den drei vermissten Feuerwehrleuten. Es treffen nach und nach neue Feuerwehren ein. Diese bringen mit den Tanklöschfahrzeugen Wasser, welches im Industriegebiet von Niederbipp sehr knapp ist. Auch wenn die Hoffnung, die Vermissten lebend zu bergen, von Minute zu Minute schwindet, glaubt man immer noch, dass sich der Trupp unter Umständen in einen Nebenraum retten konnte.

Erst nach 17 Uhr schaffen es die Flammen, in den Boden in die Produktionshalle zu dringen. Die Strategie der Feuerwehr ändert sich. Es wird versucht, umliegende Gebäude, darunter den Bürotrakt und einen landwirtschaftlichen Betrieb, zu schützen. Zur Wasserbeschaffung organisiert die Kantonspolizei Bern Löschhelikopter.

Feuer springt auf Obergeschoss über

Kurz vor dem Eindunkeln breitet sich das Feuer explosionsartig aus. Innert Kürze wird auch den Bewohnern der Umgebung klar, dass es sich nun um einen Grossbrand handelt. Es steigt nun dichter, schwarzer Rauch in den Abendhimmel, die Halle steht in Vollbrand. Zivile und militärische Löschhelikopter fliegen Wasser vom Aare-Kraftwerk Bannwil zum Brandplatz.

Die ganze Nacht hindurch schlagen hohe Flammen aus dem Produktionsgebäude. Die Halle kann nicht mehr gerettet werden. Man konzentriert sich nun auf die fabriknahen Gebäude.

Mit dem Morgengrauen sieht man erstmals auch die immense Zerstörung. Es sieht aus wie im Krieg. Die Eisenträger der ehemaligen Halle sind wegen der Hitze verbogen und ragen in die Luft. Ein grosser Teil des Daches ist eingestürzt. Das Feuer brennt teilweise noch weiter und die Rauchentwicklung bewirkt, dass die Region die Fenster geschlossen halten muss.

Brand langsam unter Kontrolle

Am Samstagmorgen wird eine erste Leiche des vermissten Atemschutztrupps gefunden. Von den beiden anderen fehlt aber nach wie vor jede Spur.

Dank Soldaten, welche an den Brandplatz beordert wurden, können die Einsatzkräfte im Verlaufe des Samstagabends mit Baumaschinen in die Halle vordringen. In der Nacht zum Sonntag vermelden die Feuerwehren endlich, dass der Brand unter Kontrolle sei.

Erst am Montag entdecken die Helfer auch die Leichen der beiden anderen Vermissten. Eine erste Untersuchung zeigt, dass sich einer vom Trupp trennte. Alle drei starben weder an Verbrennungen noch an herabstürzenden Teilen sondern an einer Rauchgasvergiftung. Warum sich aber einer von den anderen trennte und warum alle drei die Masken mitten im Rauch ablegten, konnte nie ganz nachgewiesen werden.

Ende nach fünf Tagen

Mittwoch, nach fünf langen Tagen, geht das Kommando wieder zurück an die Betriebsfeuerwehr der Fabrik. Mehr als 1600 Personen waren im Schichtbetrieb in dieser Zeit im Einsatz. Der Schaden beläuft sich auf ungefähr 200 Millionen Franken.

Im Nachhinein zeigt sich, dass ein beschädigtes Kabel im Keller das eingelagerte Papier entzünden konnte. Dies führte zu einem Glimmbrand, welcher erst am Freitag kurz vor Mittag offen ausbrach.

Neubau der Fabrik

Noch während des Brandes hatte Helmuth, Elkuch, Mitglied der Geschäftsleitung der Attisholz Holding, zu der auch die Tela-Fabrik gehörte, erwähnt, dass binnen eines Jahres die Produktion wieder hundertprozentig laufen sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die Brandruine schnell abgebaut und schon im Oktober des gleichen Jahres die neue Halle errichtet. Bereits im Mai 1997 kann die neue Fabrik eingeweiht werden.

Quellen: Kantonspolizei Bern, Jahrbuch des Oberaargaus, Augenzeugenberichte

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