Bistum Chur
Nach geplatzter Bischofswahl: Der Papst zitierte den Churer Oberhirten nach Rom

Franziskus liess sich von Peter Bürcher über die geplatzte Bischofswahl informieren. Zwei vatikanische Ämter kamen sich wohl ins Gehege.

Kari Kälin
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Papst Franiskus (links) bestellte den Churer Übergangsbischof Peter Bürcher nach Rom.

Papst Franiskus (links) bestellte den Churer Übergangsbischof Peter Bürcher nach Rom.

Keystone/Montage_CH Media

Der Vorgang ist einmalig. Die Churer Domherren verschmähten am 23. November die drei Kandidaten für einen neuen Bischof für das Bistum Chur. Sie traten nicht auf den Vorschlag ein, den ihnen der Papst unterbreitet hatte. Die geplatzte Wahl offenbart, wie tief die Gräben zwischen den Anhängern einer konservativen und einer progressiven Linie sind.

Die Ereignisse haben auch Papst Franziskus aufgeschreckt. Am Wochenende nach dem Eklat hat er den Apostolischen Administrator Peter Bürcher nach Rom aufgeboten. Das bestätigen mehrere Quellen. Franziskus hatte Bürcher, den früheren Bischof von Reykjavik, als eine Art Übergangsbischof eingesetzt. Er übernahm den Posten des umstrittenen Vitus Huonder, der altershalber emeritiert wurde.

Über was genau der Papst mit Bürcher gesprochen hat, ist nicht bekannt. Der Churer Bischofssprecher Giuseppe Gracia mag nicht einmal das Treffen bestätigen und verweist auf das päpstliche Geheimnis, das für die Bischofswahl gilt. Franziskus wollte sich wohl aus erster Hand über die Zustände und die Nichtwahl im Bistum Chur informieren lassen.

Auf dem Ticket standen Mauro-Giuseppe Lepori, 61, Generalabt des Ordens der Zisterzienser in Rom, Vigeli Monn, 55, Vorsteher des Klosters Disentis, und Joseph Bonnemain. Der 72-Jährige ist im Bistum Chur zuständig für die Beziehungen zu den Landeskirchen. Ein Domherr bezeichnete Bonnemain als die «grösste Priesterenttäuschung meines Lebens». Lepori und Monn lehnte die Mehrheit ab, weil sie zu wenig in der Seelsorge des Bistums Chur verankert seien.

Nachdem die Domherren auf das Wahlprivileg verzichtet haben, kann der Papst selbst einen Bischof installieren. Wann das geschieht, ist offen. Vermutlich geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass Franziskus auf die Schnelle den viel zitierten Brückenbauer aus dem Hut zieht, der die zerstrittenen Lager zu versöhnen mag.

Misstöne zwischen vatikanischen Ämtern

Einen weiteren Hinweis, dass sich Franziskus genauer über die Churer Bischofswahl informieren wollte, liefert ein Blick auf die Liste der Audienzen. Am Samstag des Wochenendes, an dem Bürcher nach Rom fuhr, empfing der Papst Marc Ouellet. Der 76-jährige Kardinal aus Kanada ist Chef der Bischofskongregation – jenes Amtes also, das sich um die Ernennung neuer Bischöfe kümmert.

Gemäss Recherchen unserer Zeitung kamen sich die Bischofskongregation und das Staatssekretariat, das Aussenministerium des Vatikans, ins Gehege. Auch das Staatssekretariat wäre eigentlich in die Bischofswahl involviert. Schliesslich meldet der für das Staatssekretariat tätige Nuntius der Schweiz dem Vatikan mögliche Kandidaten, aus der wiederum der Papst eine Dreierliste ans Domkapitel weiterleitet.

Dieses Mal hat aber offenbar die Bischofskongregation unter Umgehung des Staatssekretariats dem Papst eine Dreierliste auf den Tisch gelegt. Dies würde erklären, weshalb unter den Namen keine Kandidaten figurierten, die als konservativ und Huonder-treu gelten. Denn es ist kaum vorstellbar, dass Nuntius Thomas E. Gullickson, dem das Etikett «ultrakonservativ» anhaftet, mit seiner Namensliste quasi selber eine Churer Palastrevolution angezettelt hätte.

Den Vorwurf eines Putsches progressiver Kräfte erhob ein Domherr. Dies zeigt das Protokoll der gescheiterten Bischofswahl. Beim Domherr handelt es sich gemäss diversen Medien um Generalvikar Martin Grichting. Er gilt als Huonders Bruder im Geist und mächtiger Mann im Bistum Chur. Die NZZ bezeichnete ihn jüngst als konservativen Provokateur, aber auch als «hoch gelehrt und rhetorisch beschlagen».

Grichting taxierte die Dreierliste als Versuch, «die ­bisher vom gesellschaftlichen Mainstream abweichende Stimme des Bistums Chur zum Schweigen zu bringen». Sie bedeute eine feindliche Übernahme des Bistums Chur durch die Bischöfe von Basel, St.Gallen und den Abt von Einsiedeln. «Sie haben sich, wie bekannt geworden ist, in Rom direkt massiv in die Bischofsernennung von Chur eingemischt.»

Einfallstor zur Verwässerung der Lehre

Eine entscheidende Rolle in der Konfliktlinie spielen auch die Landeskirchen, die mit den progressiven Kräften verbündet sind. Konservative Kräfte wittern in den Landeskirchen ein Einfallstor zur Verwässerung der katholischen Lehre. Gemäss ihrer Lesart fördern sie eine Protestantisierung der katholischen Kirche.

Der Basler Bischof Felix Gmür und sein St.Galler Kollege Markus Büchel gelten in der Frage des Priestertums für Frauen und beim Zölibat als fortschrittlich. Das Bistum Chur hingegen versteht sich als Trutzburg gegen den Zeitgeist.