Leitartikel zum Frauenstreik

Bis die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern kein Thema mehr ist

«Ein Streik wie 1991? Erst war ich ungläubig. Nun bin ich froh, denn trotz rechtlicher Gleichstellung hapert es an vielen Orten.»

«Ein Streik wie 1991? Erst war ich ungläubig. Nun bin ich froh, denn trotz rechtlicher Gleichstellung hapert es an vielen Orten.»

In ihrem Leitartikel zum Frauenstreik schreibt Inland-Chefin Doris Kleck: «Ein Streik wie 1991? Erst war ich ungläubig. Nun bin ich froh, denn trotz rechtlicher Gleichstellung hapert es an vielen Orten.»

Zugegeben, als ich im letzten Spätsommer zum ersten Mal vom Frauenstreik hörte, blieb ich etwas ungläubig zurück. «Wie 1991», sagte mir die Bekannte euphorisch. 1991? Das waren doch ganz andere Zeiten. Sieben graue Männer regierten die Schweiz. Die Mutterschaftsversicherung stand als uneingelöstes Versprechen in der Verfassung.

In der AHV gab es noch die Ehepaarrente. Und das neue Eherecht war erst seit drei Jahren in Kraft: Der Mann war bis 1988 das Oberhaupt der Familie und die Frau musste den Haushalt führen. Heute erzählen Zivilstandsbeamte jungen Paaren diese Geschichte als lustige Anekdote. Dabei ist es eine traurige Episode aus der jüngeren Geschichte, die nachwirkt. Ja, die Schweiz war lange ein rückständiges Land.

Und heute? Wir Frauen wachsen als emanzipierte Menschen auf. Wir können abstimmen, wählen und uns wählen lassen. Wir können jene Ausbildung machen, die wir
für richtig halten und nicht jene, die unsere Väter für uns vorsehen. Wir können Karriere machen in der Wirtschaft und der Politik. Wir können eine Familie haben oder auch nicht; Hausfrau sein oder berufstätig. Ja, wir haben die gleichen Rechte wie Männer. Und ich finde auch, wir haben die gleichen Chancen. Zumindest so lange wir keine Kinder haben. Ab dann wird es komplizierter.

Dazu ein paar Zahlen. Eine neue Studie zeigt, dass Mutterschaft ein Berufsrisiko ist. Jede siebte Frau verliert deswegen ihre Stelle. In der Schweiz geben 7,3 Prozent der Erwerbstätigen an, unfreiwillig unterbeschäftigt zu sein — drei Viertel davon sind Frauen. Weshalb arbeiten sie nicht mehr?

Vielleicht weil es sich finanziell nicht lohnt, die Kinderbetreuung fehlt oder es nicht der gesellschaftlichen Erwartung entspricht. Oder weil die Frau halt doch die Hauptarbeit im Haushalt trägt. Dazu noch eine Zahl. In Familien mit Kindern erledigen die Frauen mehr als 70 Prozent der Hausarbeit. Und das selbst dann, wenn auch sie erwerbstätig sind. Frauen werden häufiger als Männer zwischen Berufstätigkeit und Hausarbeit aufgerieben.

Obschon die rechtliche Gleichstellung erreicht ist, hapert es an vielen Orten. Vieles hat mit zementierten Rollenbildern zu tun. Ein Teil davon geht auf gesetzliche Regelungen zurück, die auf das Ernährermodell zugeschnitten sind. Dass etwa das Zweiteinkommen höher besteuert wird, ist ein Unding.

Ungerechtigkeiten gibt es auch im Bereich der Sozialversicherungen. Weiter fehlt halt nach wie vor in vielen Unternehmen die Einsicht, dass Frauen auch mit einem Teilzeitpensum gute Arbeit leisten und Verantwortung übernehmen können. Und dass eine lange Präsenzzeit am Arbeitsplatz allein kein Garant für Effizienz und eine gute Arbeit ist. Auf das unsägliche Thema der Lohnungleichheit mag ich gar nicht mehr eingehen. Schliesslich tragen Frauen aber auch eine individuelle Verantwortung. Gleichberechtigung einzufordern, beginnt in jeder Beziehung.

Gleichberechtigung ist kein Frauenthema. Gleichberechtigung geht Männer genau
so an: Sie sind nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. Das gilt bei der Aufteilung der Familien- und Hausarbeit genau so wie im Beruf. Wenn die Firmen uns Frauen nicht glauben, dass man auch mit Teilzeitpensum und als Mutter Karriere machen kann, dann müssen es eben die Männer vormachen.

Der Frauenstreik hat viele Facetten. Frauen haben unterschiedliche Biografien, unterschiedliche Wahrnehmungen und Prioritäten. Es gibt Frauen, die wollen streiken und gleich noch den Kapitalismus überwinden, andere sprechen lieber von einem Aktionstag und von Chancengleichheit.

Seis drum. Wichtig ist, dass Anliegen der Gleichstellung auf die Strasse getragen werden. Dass über die Probleme geredet wird, bis sie nicht mehr da sind. Die Zeiten sind besser als 1991. Zuerst war ich ungläubig. Nun bin ich froh, dass Frauen diesen Tag ins Leben gerufen und so viele Diskussionen lanciert haben.
Danke!

doris.kleck@chmedia.ch

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