BELÄSTIGUNGEN BEIM WESTSCHWEIZER FERNSEHEN
Der Chef der SRG stiehlt sich aus der Verantwortung

Gilles Marchand hatte in Genf 16 Jahre Zeit, um über eine Betriebskultur zu wachen, in der weibliche Angestellte nicht herabgesetzt werden. Er versagte dabei kläglich.

Francesco Benini
Francesco Benini
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Gilles Marchand führte das Westschweizer Fernsehen während 16 Jahren.

Gilles Marchand führte das Westschweizer Fernsehen während 16 Jahren.

Peter Schneider / KEYSTONE

Viel war an der Medienkonferenz der SRG am Freitag von der neuen Betriebskultur die Rede, die es in den Redaktionen der öffentlichen Radio- und Fernsehsender brauche. Die Frage lautet: Ist SRG-Generaldirektor Gilles Marchand der Richtige, um den Wandel herbeizuführen?

Grosse Zweifel sind angebracht. Marchand führte das Westschweizer Fernsehen während 16 Jahren. Er trägt damit die Verantwortung für ein Arbeitsklima, in dem die Herabsetzung von Frauen alltäglich war.

Untersucht worden sind bisher erst die drei Fälle, über welche die Zeitung «Le Temps» im vergangenen Herbst geschrieben hatte. Der Bericht über die weiteren rund 180 Aussagen, welche Angestellte des Westschweizer Fernsehens bei einer Genfer Anwaltskanzlei gemacht haben, wird erst im Juni abgeschlossen.

Es ist zu befürchten, dass die Öffentlichkeit dann erneut nur rudimentär ins Bild gesetzt wird. Was die SRG am Freitag präsentierte, war jedenfalls dünn. Natürlich ist es richtig, dass die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten gewahrt bleiben. Trotzdem hätte die SRG klarer darüber informieren können, wie und in welcher Häufung es zu den Übertretungen kam, welche die Untersuchung feststellte.

Marchand gab den Überraschten – es gab keinen Grund dafür

Auch der Fehler, den Marchand beging, ist nur summarisch geschildert. Er liess die Vorwürfe, die gegen einen Kadermitarbeiter erhoben wurden, ungenügend abklären. Der Untersuchungsbeauftragte kommt jetzt zum Schluss, dass der Fehler Marchands nicht schwerwiegend gewesen sei. Warum nimmt der Beauftragte diese Wertung vor und nicht der Verwaltungsrat der SRG? Ist es tatsächlich eine Lappalie, wenn Vorwürfe, die einen Kaderangestellten betreffen, unzureichend überprüft werden?

Man wird den Eindruck nicht los, dass sich die Zuständigen der SRG aus der Verantwortung zu stehlen suchen. Marchand gab den Überraschten, als die Vorwürfe im vergangenen Herbst publik wurden. Nun zeigt sich: Zur Überraschung gab es keinen Grund. Nur weil man sich als Chef ungern mit einem Thema beschäftigt, bedeutet das nicht, dass es verschwindet.

Wenig überzeugend ist auch die Reaktion von Medienministerin Simonetta Sommaruga. Sie tut ihre Empörung über die sexuellen Belästigungen kund, betont die «Vorbildfunktion» der SRG – und erklärt gleichzeitig, dass sie dem Rundfunk in personellen Belangen nicht am Zeug flicken könne. Dabei weiss in Bundesbern jeder, dass die SRG personelle Veränderungen herbeiführen würde, wenn Sommaruga das wollte.

Die Angestellten in Genf sprachen erst in grosser Zahl über die Übertretungen, als eine Zeitung das Thema aufgriff. Das zeigt: Sie vertrauten nicht darauf, dass ihre Vorgesetzten angemessen auf ihre Beschwerden eingehen würden. So breitete sich eine Kultur des Schweigens aus, für die Marchand die Verantwortung trägt.

Die schlechte Betriebskultur ist nur eines der Probleme in der SRG

Dass er nun im Amt bleibt, hat damit zu tun, dass sich in der Geschäftsleitung der SRG niemand für seine Nachfolge aufdrängt. Und der öffentliche Rundfunk kämpft mit Problemen, von denen er lange verschont blieb. Die Werbeeinnahmen brechen ein; die SRG muss Sparpakete schnüren.

Die mit Abstand grösste Unternehmenseinheit in der Deutschschweiz reagierte allzu lange passiv auf die Digitalisierung – und versucht nun Versäumtes mit einer Hektik nachzuholen, die sowohl die Angestellten als auch das Publikum vor den Kopf stösst. Es liegt nicht im Interesse des SRG-Verwaltungsrats, dass der Direktor in einer solchen Situation abtritt. Zumal kaum jemand die fachliche Eignung Marchands bestreitet.

Es mutet jedoch befremdlich an, wenn er nun erklärt, dass er künftig bei der SRG die zwischenmenschlichen Faktoren stärker gewichten wolle. Marchand hatte in Genf 16 Jahre Zeit, über eine Betriebskultur zu wachen, in der für die Herabwürdigung von Frauen kein Platz ist. Marchand versagte dabei kläglich. Es ist darum nachvollziehbar, wenn bei den öffentlichen Radio- und Fernsehstationen viele Angestellte der Meinung sind: Es ist Zeit für einen neuen Chef.