Zwei Schweizer Doppelbürgern droht in Marokko die Todesstrafe. Sie sollen am brutalen Mord an zwei skandinavischen Rucksack-Touristinnen im Dezember 2018 beteiligt gewesen sein. Die beiden Frauen, eine aus Dänemark, eine aus Norwegen, wurden enthauptet im Atlas-Gebirge gefunden. Bereits kurz nach dem Verbrechen konnte die Polizei vor Ort mehrere Verdächtige festnehmen. Darunter waren auch zwei Männer mit Schweizer Pass. Sie sollen aus Genf stammen und der Terrormiliz Islamischer Staat die Treue geschworen haben.

In der Schweiz ist die Todesstrafe eine Praxis aus längst vergangenen Zeiten. Doch sie hat auch hierzulande Befürworter. Gemäss einer neuen, repräsentativen Umfrage halten es 40 Prozent der Befragten für richtig, die beiden Schweizer Doppelbürger mit dem Tod zu bestrafen. Das geht aus einer Erhebung des Markt- und Meinungsforschungsinstituts "Marketagent.com Schweiz" hervor, an der 1000 Personen im Alter von 14 bis 65 Jahren teilnahmen. 45 Prozent der Männer und 34 Prozent der Frauen stimmten demnach für die Todesstrafe. Auch unabhängig vom Fall in Marokko zeigt sich ein ähnliches Bild. 36 Prozent der Befragten finden, dass Terroristen, die gezielt töten, hingerichtet werden sollten.

Einer, der weiss, warum die Forderung nach der Todesstrafe wieder aufflammt, ist der emeritierte deutsche Rechtsprofessor Franz Streng. Er ist Experte für Strafrecht und Kriminologie und hat über 20 Jahre lang Befragungen zum Thema durchgeführt. Auch mit dem Fall Rupperswil hat er sich in der Vergangenheit auseinandergesetzt. Streng erkennt in der Bevölkerung ein steigendes Verlangen nach härteren Strafen, obwohl die Zahl der Gewaltverbrechen seit Jahren abnimmt.

"Vergeltungswünsche gegen die Täter"

Einen Grund sieht er in der technischen Entwicklung: "Heute erreichen uns Katastrophen aus aller Welt in Echtzeit", sagt er. Zudem würde in den Medien viel und oft mit drastischen Bildern über schwere Verbrechen berichtet. Auch in TV-Serien oder Filmen spiele die Kriminalität inzwischen eine übergrosse Rolle. "So etwas löst in vielen Zuschauern Mitleid mit den Opfern aus – und daran anknüpfend oft Wut und Vergeltungswünsche gegen die Täter." Gerade unter jungen Menschen wächst der Wunsch nach drakonischen Strafen, wie Befragungen zeigen, die Streng zwischen 1989 und 2012 durchgeführt hatte. Ein Drittel findet, dass selbst eine lebenslange Haft bei manchen Straftaten zu mild ist. Die Hälfte der Befragten würde einen Verdächtigen foltern, wenn man damit ein Menschenleben retten könnte. Ein Viertel spricht sich sogar für die Todesstrafe aus.

Streng geht in der Schweiz von ähnlichen Tendenzen aus. Er könne die Emotionen nachvollziehen, die brutale Fälle wie Mord oder Missbrauch auslösten. Dennoch habe die Todesstrafe in einem kultivierten Rechtssystem nichts verloren. "Wer von starken Gefühlen beherrscht wird, kann keine vernünftigen juristischen Entscheidungen treffen." Die Forschung zeige, dass harte Strafen im Regelfall wenig geeignet seien, Verbrechen künftig zu verhindern. "Wir müssen jungen Menschen den Resozialisierungsgedanken wieder näherbringen, der hat nämlich ganz erheblich an Akzeptanz verloren", sagt er. Der Gedanke, den Täter nach Verbüssung der Strafe zu einem verantwortlichen Leben in Freiheit zu befähigen, sei nicht mehr so ausgeprägt wie früher. Er plädiert deshalb dafür, bereits mit Jugendlichen in der Schule über Verbrechen und das angemessene Strafmass zu sprechen. "Das könnte den Resozialisierungsprozess, den unser Rechtsstaat vertritt, stärken."