Sponsoring

Aussenminister stoppt heiklen Deal: Warum Ignazio Cassis auf die Tabak-Millionen verzichtet

Zieht die Reissleine: FDP-Bundesrat Ignazio Cassis.

Zieht die Reissleine: FDP-Bundesrat Ignazio Cassis.

Nach viel Kritik folgt die Kehrtwende: Bundesrat Ignazio Cassis bläst die umstrittene Partnerschaft mit dem Tabakkonzern Philip Morris ab. Die Affäre wirft ein schiefes Licht auf sein Departement.

Am Ende war es keine Überraschung: Aussenminister Ignazio Cassis will nicht mehr mit Philip Morris zusammenarbeiten. Der Bundesrat verzichtet auf die Gelder des Tabakmultis, der damit auch als Hauptsponsor des Schweizer Pavillons an der Weltausstellung 2020 in Dubai wegfällt. Für rund 1,8 Millionen Franken hätte sich Philip Morris unter anderem mit dem «Image der offiziellen Schweiz» schmücken dürfen, so versprach es das Aussendepartement in offiziellen Dokumenten. Die Absage an Philip Morris habe Bundesrat Cassis angeordnet, «um das Hauptziel des Schweizer Auftritts in Dubai, die Vermittlung eines positiven Images der Schweiz, nicht in Frage zu stellen», schreibt das Aussendepartement in einer Mitteilung, die es am Dienstagnachmittag verbreitet hat.

Seit die Redaktion von CH Media die Zusammenarbeit mit Philip Morris vor zwei Wochen enthüllt hat, ist viel Unverständnis auf die offizielle Schweiz eingeprasselt. Sogar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) intervenierte wegen der Partnerschaft in Bern.

Das Budget für den Schweizer Auftritt in Dubai beträgt total rund 15 Millionen Franken, die Hälfte davon sollen Sponsoren tragen. Für das Aussendepartement ist klar: Mit seinem Sponsoringbeitrag hätte Philip Morris «wesentlich dazu beigetragen, dass das geforderte Volumen an Drittmitteln erreicht werden kann». Bundesrat Cassis war laut offiziellen Angaben in allgemeiner Form, aber nicht im Detail über die einzelnen Sponsorendossiers im Bild. Er sei jedoch seit Mitte Juni über «eine mögliche Partnerschaft» mit Philip Morris informiert gewesen. Von Anfang an sei Cassis skeptisch gewesen, weil ihm als Präventivmediziner die Vorsorge «gegenüber den schädlichen Folgen des Tabakkonsums» wichtig sei.

Philip Morris schon auf der Website präsentiert

Eigentlich habe der Departementschef erst im dritten Quartal 2019 abschliessend entscheiden wollen, hält sein Departement weiter fest. Die Medienberichte hätten den ursprünglichen Zeitplan indes beschleunigt. Cassis habe sich bereits jetzt mit dem Dossier vertraut gemacht. Nach dessen Prüfung habe er entschieden, die Arbeiten an der Sponsoringpartnerschaft nicht weiterzuführen – um die Ziele der Landeskommunikation nicht zu gefährden.

Diese Darstellung erstaunt. Wie Recherchen dieser Zeitung nahelegen, bestanden im Aussendepartement unterschiedliche Auffassungen darüber, ob und in welcher Form das Tabak-Sponsoring offizialisiert ist.

Noch vor zwei Wochen liess Präsenz Schweiz, die zuständige Abteilung für Landeskommunikation, keine Zweifel daran: An der Partnerschaft mit Philip Morris gibt es nichts mehr zu rütteln. Präsenz-Schweiz-Chef Nicolas Bideau informierte in Interviews darüber, wo genau der Tabakkonzern im Schweizer Pavillon präsent sein werde. Demnach hätte dieser in einem separaten Bereich sogar einen elektronischen Tabakerhitzer präsentieren dürfen. Das Aussendepartement sprach freimütig über die «Alternative zur traditionellen Zigarette». Und auf der offiziellen Website des Schweizer Pavillons war Philip Morris mit Logo als «Main Partner» aufgeführt – in der Zwischenzeit wurde dieser Eintrag wieder entfernt.

Fakt ist: Zwischen Präsenz Schweiz und Philip Morris bestand ein Vorvertrag, der Konzern unterzeichnete als Hauptsponsor bereits eine Absichtserklärung. Gestützt darauf sei er auch auf der Website präsentiert worden, rechtfertigt sich das Aussendepartement. «Wir bedauern, dass diese Praxis zu einer Verwirrung führen kann.»

Sponsoring hat bald ein erstes politisches Nachspiel

Philip Morris hat kein Verständnis dafür, dass seine Dienste als Sponsor nicht mehr gefragt sind. Der Aussenminister sei «von Aktivisten und Organisationen in eine solche Position gebracht worden», kritisiert der Konzern in einer Mitteilung. Diese Akteure behaupteten, dem Rauchen ein Ende setzen zu wollen, hätten aber «offenbar kein Interesse daran, einen offenen Dialog über fundierte Wissenschaft, Innovation und bessere Alternativen für Raucher zu führen». Man sei bestrebt, Rauchern weniger schädliche Alternativen anzubieten.

Die Affäre hat schon bald ein erstes politisches Nachspiel. Mitte August soll Aussenminister Cassis antraben müssen, wenn die Gesundheitskommission des Ständerats das Tabakproduktegesetz behandelt. Der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber bestätigt auf Anfrage, dass er einen entsprechenden Antrag gestellt hat. Die Debatte über Tabakwerbeverbote stehe nun ganz im Zeichen des Philip-Morris-Sponsorings, sagt er. «Wir sollten deshalb genau klären, welche Verpflichtungen das Aussendepartment bereits eingegangen ist.» Graber kündigt an: Je nach Ergebnis der Diskussion werde er in der Kommission ein Sponsoringverbot für solche oder ähnliche Fälle beantragen.

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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