Militär

Armeepilot? Nein danke! Luftwaffe braucht Nachwuchs, doch die Jungen wollen nicht

Ein mögliches Testimonial für junge Menschen: Die 28-jährige Fanny Chollet ist die erste Kampfjetpilotin der Schweiz.

Ein mögliches Testimonial für junge Menschen: Die 28-jährige Fanny Chollet ist die erste Kampfjetpilotin der Schweiz.

Schulabgänger können mit dem Job des Militärpiloten immer weniger anfangen. Die Luftwaffe räumt Nachwuchsprobleme ein – und will sich ein neues Image verpassen.

Wie schnell sich doch die Dinge ändern können: Nein, beteuerte die Schweizer Luftwaffe bislang, es gebe kein Nachwuchsproblem. Bis jetzt habe man den Bedarf an Nachwuchspiloten für Helikopter und Kampfjets immer decken können, erklärte eine Sprecherin noch Anfang Jahr gegenüber dieser Zeitung und gab sich betont optimistisch. Die Rede war von «sehr konstanten Zahlen».

Dabei geben just die Zahlen eher Anlass zur Sorge. Auffällig ist besonders das rückläufige Interesse an der fliegerischen Vorschulung Sphair; ein Grundkurs für alle, die eine Pilotenausbildung anstreben. Für künftige Berufsmilitärpiloten gehört er zum Pflichtprogramm. Innert sieben Jahren sank die Sphair-Teilnehmerzahl um 21 Prozent von 420 auf 329 Personen. Und bekamen im Jahr 2012 noch 169 Personen eine Empfehlung für die Ausbil- dung zum Militärpiloten, waren es 2018 lediglich 124 Personen.

Aber eben, die Dinge ändern sich. Nun tönt es bei der Luftwaffe plötzlich anders. Ganz anders: Es sei anspruchsvoll, «den Nachwuchs der Militärpiloten, Zivilpiloten und Fallschirmaufklärer langfristig sicherzustellen», räumen die Verantwortlichen ein. Die schonungslose Analyse geht aus einer öffentlichen Ausschreibung hervor. Mit dieser sucht die Luftwaffe externe Unterstützung für die Weiterführung von Sphair. Gefragt ist eine Agentur für Marketing und Branding. Konkret will die Luftwaffe ihre Marke weiterentwickeln und mit Werbung «permanent neue, zielgruppenfokussierte Impulse» schaffen.

Eine eigenwillige Generation

Oberstes Ziel des Auftrags: Menschen zwischen 16 und 24 Jahren für Berufe wie Militärpilot, Fallschirmaufklärer oder auch Zivilpilot gewinnen. Angesprochen werden sollen explizit junge Frauen und junge Männer. Man wolle sie «an den priorisierten Touchpoints professionell abholen», wie es in schönster Marketingsprache heisst. Welche Touchpoints da gemeint sind, bleibt vorderhand offen. Infrage kämen etwa soziale Netzwerke wie Instagram oder Snapchat. Denn die Luftwaffe will nun eine Erklärung dafür haben, warum sich junge Leute weniger für eine Pilotenkarriere begeistern können. Schuld daran sei das «heutige dynamische Umfeld der Generation Z».

Generation Z? Gemeint damit sind die Schulabgänger von heute. Wie sie ticken, haben Soziologen und Auguren eingehend untersucht. Sie sind mit sozialen Medien aufgewachsen und sind es sich gewohnt, dass online immer alles verfügbar ist. Ihnen wird nachgesagt, dass sie schon früh im Leben genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft haben und eine gute Work-LifeBalance über alles setzen. «Sie sind gut ausgebildete Realisten und wollen die strikte Trennung von Beruf und Arbeit», schreibt das Beratungsunternehmen Mercer in einer Studie zur Generation Z.

Klar geregelte Arbeitszeiten und genügend Freizeit, das ist ihnen wichtig. Die junge Arbeitnehmergeneration sei «individueller denn je», konstatiert die Studie. Eines scheint also klar: Das Lebensmodell der Generation Z lässt sich schwer mit den Ansprüchen von Piloten im Dienst der Luftwaffe vereinbaren.

Einfache Werbung reicht nicht

Militärpiloten sind nach ihrer harten Ausbildung dazu verpflichtet, mindestens vier Jahre für die Luftwaffe zu fliegen. Ihre eigenen Bedürfnisse müssen sie zurückstecken können. Ein Militärpilot sei «so genormt wie die Maschine, die er fliegt», schrieb die Autorin Margrit Sprecher im Buch «Unsere Kampf-Piloten», für das sie eine Ausbildungsklasse begleitet hat. Die F/A-18-Kapitäne dürften keine Individualisten sein, keine Ecken und Kanten haben.

So streng mag die Luftwaffe das Ganze naturgemäss nicht sehen. Eine Armee-Sprecherin erklärt auf Anfrage diplomatisch: «Die infrage kommenden Personen der Generation Z haben viele gute Berufsoptionen.» Manchen sei die Option «Pilot» zu wenig bewusst, ebenso werde die Eignungsabklärung fälschlicherweise als zu schwierig wahrgenommen. Und schliesslich sei die Generation Z nicht mehr mit einfacher Werbung zu erreichen.

Laut der Sprecherin braucht es deshalb ein Marketing, das «individuell auf die verschiedenen Zielgruppen abgestimmt sein muss». Intern fehlten dazu die Ressourcen. Wie viel die neue Marketingoffensive kosten soll, will die Armee mit Verweis auf die laufende Ausschreibung nicht sagen.

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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