Tessin
Arbeitslose als Busfahrer: Die Tessiner ÖV-Revolution

Die Verkehrsbetriebe im Südkanton stocken ihr Angebot massiv auf – dem Ceneri sei dank.

Gerhard Lob aus Locarno
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In Sachen Busverkehr hat das Tessin nun viel zu bieten.

In Sachen Busverkehr hat das Tessin nun viel zu bieten.

Keystone

Das Tessin war stets ein Stiefkind im öffentlichen Verkehr der Schweiz. Doch am Sonntag ändert sich dies. Zumindest macht der Südkanton schlagartig einen gewaltigen Qualitätssprung nach vorne.

Auslöser ist die Inbetriebnahme des neuen Ceneri-Basistunnels anlässlich des grossen Fahrplanwechsels, der die Fahrzeiten der Bahn zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des Kantons praktisch halbiert: Zwischen Lugano und Locarno dauert die Reise nur noch 30 statt 60 Minuten und ist umsteigefrei, zwischen Bellinzona und Lugano sind es rund 15 Minuten. Die 15,4 Kilometer lange Doppelröhre wird in sechs Minuten durchquert.

«Das ist weniger Zeit als eine Busfahrt zwischen zwei Quartieren in Lugano», so Claudio Zali, Direktor des kantonalen Verkehrsdepartements.

Der Ceneri-Basistunnel bildet in dieser Stadt das Rückgrat des S-Bahn-Netzes Ticino-Lombardia (Tilo). Und seine Inbetriebnahme ist allein schon ein verkehrstechnisches Highlight. Daneben geht aber fast vergessen, dass die grosse ÖV-Revolution auch auf der Strasse stattfindet, namentlich in den Agglomerationen Locarno, Lugano, Bellinzona und Mendrisio.

Die jeweiligen Verkehrsbetriebe bauen ihr Busangebot ab dem 13. Dezember massiv aus, insbesondere auf den Zubringerlinien zu S-Bahn-Knoten. Postauto als wichtigster Anbieter des strassengebundenen ÖV erhöht sein Angebot um ganze 45 Prozent. 50 neue Fahrzeuge werden in Betrieb genommen, neue Linien eingeführt. Auch die Talregionen werden besser bedient.

Flächendeckende Busfahrer-Umschulungen

Es handelt sich zugleich um ein gigantisches Beschäftigungsprogramm. Im ganzen Kanton wurden 250 neue Stellen geschaffen. Allein bei Postauto werden 150 neue Chauffeure tätig sein, bei den Locarneser Verkehrsbetrieben (Fart) sind 60 neue Fahrerinnen und Fahrer eingestellt worden.

Bei rund der Hälfte des neuen Personals handelt es sich um umgeschulte Arbeitslose. Eine solche Aufrüstung des ÖV-Angebots hat natürlich seinen Preis. Der Grosse Rat hat einen Rahmenkredit von 461 Millionen Franken für die Zeitspanne 2020 bis 2023 bewilligt.

Leider kommt der ÖV-Schub sozusagen zum falschen Zeitpunkt. «Es ist nicht leicht, in diesen Pandemiezeiten den öffentlichen Verkehr zu promoten», räumte Departementschef Claudio Zali (Lega) dieser Tage ein. Gross angelegte PR-Kampagnen sind daher erst im kommenden April vorgesehen, wenn die zweite Stufe der ÖV-Revolution gezündet wird, mit der Einführung eines 30-Minuten-Takts zwischen Locarno und Lugano und Direktzügen zwischen Locarno und Mailand. Dann werden zum Beispiel 40'000 Gratis-Tageskarten verteilt, um die Tessiner zum Umsteigen zu bewegen.

Vorteile für Touristen im Tessin

«Das neue Angebot ist sehr gut, jetzt kommt es darauf an, es auch zu nutzen», gibt Fabio Canevascini, Präsident von Pro Bahn Ticino, der Interessensvertretung der Kunden, zu bedenken. Denn bekanntlich sind die Tessinerinnen und Tessiner eher ÖV-Muffel. Das eigene Auto geniesst einen hohen Stellenwert. Es wird daher einen langen Schnauf brauchen, bis das Angebot genutzt wird. Das wissen auch die Verkehrsplaner beim Kanton.

Sicher ist: Von den verbesserten ÖV-Verbindungen im Tessin werden ebenfalls die Touristen profitieren. Denn mit dem «Ticino-Ticket», das Übernachtungsgäste in Hotels und Campingplätzen automatisch erhalten, können alle ÖV-Angebote gratis genutzt werden.

Schon jetzt ist dieses Angebot bei Feriengästen äusserst beliebt. Und es wird noch attraktiver: Wer beispielsweise auf einem Campingplatz in Tenero wohnt, kann mit dem RE in 23 Minuten von Tenero nach Lugano fahren – durch den neuen Ceneri-Basistunnel. Das lohnt sich selbst für ein Abendessen.