Schweizer Symbol

Am Himmelskänel floss Leben und lauerte der Tod – eine Wanderung zur «Suone»

Sie ist Symbol für Wagemut, technisches Können und Gemeinsinn: Die «Nordwestschweiz» unternahm eine 1.-August-Wanderung zum Sujet der neuen Hunderternote: der «Suone».

Stimmt das? Wählten die dafür wirklich Verbrecher aus? Wir drücken uns gegen eine Steilwand, mit dem Fels wie verklebt. Abgrund als Schwindel im Kopf, Sog im Gemüt, Butter in den Knien.

Der Wald, tausend Spitzenhütchen, ist pastellfarben wie das Muster einer Zimmertapete, schwimmt aber im Licht, uns tief zu Füssen. Die stehen auf nichts als einem Sims. Immerhin ist heute ein Geländer vorgeschraubt.

Früher gab’s null Sicherheit auf diesem Himmelsbrett. Zu Hunderten stürzten sie ab im Lauf der Zeit. Jeden Frühling ging wieder diese Bangigkeit durchs Dorf, wenn die Schäden gemeldet wurden an der Lebensader. Am «Känel», an der «Suone» oder «Bisse». An der «Wasserleite».

Wer Wasser daraus bezog, musste helfen bei der Instandstellung. Warum Dorfburschen der Gefahr aussetzen? Der Tod eines Verbrechers oder Querulanten schien weniger schlimm. Gelang ihm die halsbrecherische Aufgabe, winkte die Freiheit. Ein Priester oder Pfarrer stand in der Nähe, so oder so.

«Ich kenne keinen Beweis», sagt Johannes Gerber, «dass man wirklich Kriminelle genötigt hätte. Es gab normalerweise auch keine Entscheide per Los.» Unverheiratete – ja, die mussten aufs Brett.

Johannes Gerber und Max Dohner auf dem Weg zur «Suone»

Johannes Gerber und Max Dohner auf dem Weg zur «Suone»

Suonen wurden genossenschaftlich gebaut, genossenschaftlich genutzt und repariert. Die «Geteilschaft» stellte auch den Suonenhüter. Wer den Regeln zuwiderhandelte, wurde hart bestraft; ein Wasservogt sass zu Gericht.

Trotz «Geteilschaft» setzte es Hader ab. Die einen gruben den anderen Wasser ab, sabotierten Känel. Der Weg ans Gericht war unter Umständen langweilig oder lang. «Man löste Streit auch», erzählt Gerber, «mit einem rechtschaffenen Zweikampf.»

Die stillen Schaffer dieses Landes an stiller Sensation

Johannes Gerber (Jahrgang 1987) ist ein erstaunlicher Mann. Von Beruf Geomatik-Ingenieur ETH in Meiringen BE. Suonenflüsterer aus Passion. Die leichte Ironie der Wortschöpfung soll nur die Bewunderung schärfen für Leute seines Schlags: stille Schaffer, Kenner, Liebhaber, die in der Nähe so viel entdecken, inventarisieren, pflegen, meist freiwillig. Förderer heimatkundlicher Schätze und Kultur, denen jede Region der Schweiz ihre stille Sensation verdankt.

Was sind eigentlich «Suonen»? Beitrag von SRF «Einstein» vom 9. Juni 2011

In seiner Maturarbeit beschäftigte sich Gerber erstmals intensiv mit Suonen. Die liessen ihn fortan nicht mehr los. Seit elf Jahren geht, wandert, steigt Gerber die Känel fast jedes Wochenende ab. Von den rund 600 Suonen im Wallis hat er inzwischen die Hälfte besucht.

Sein Inventar ist das umfangreichste für das Wallis (www.suone.ch). Nur ein Mail genügte, um einen Verlag zu gewinnen für das Thema. Gerber zeichnet jene pädagogisch wertvolle Begeisterung aus, die andere ansteckt, gerade weil sie zurückhaltend ausgeübt, also nicht pädagogisch ist.

Gerber leitet Suonen-Wanderungen, als wären es eigene Entdeckungen. Er achtet darauf, was der Laie an Ort und Stelle sieht, und steuert erst dann sein Wissen bei. Nur an einer Weggabelung rät er, welche Seite man wählen soll: «Da ist die Überraschung grösser.»

Und wieder hat Gerber recht: Gebückt stolpern wir zunächst durch einen spärlich erleuchteten Wasserstollen, um dann seitlich in gleissendes Licht zu kriechen. Zu einem Seitenausgang, wo wir uns aufrichten auf einer kleinen Plattform, eine filigrane Kanzel, und jäh über dem Nichts schweben – die Bisse von Ayent direkt vor Augen.

Akkurat jenes Sujet, das die Nationalbank auf ihrer neuen Hunderternote verwenden wird (ungefähr ab 2020). Eine gute Wahl.

Geschafft: Die beiden Wanderer haben das künftige Sujet der 100-Franken-Note erreicht.

Geschafft: Die beiden Wanderer haben das künftige Sujet der 100-Franken-Note erreicht.

Es ist eines von zwei furchterregenden Teilstücken an dieser Grand Bisse: die Durchquerung der Torrent-Croix. Da lief die Suone der Wand entlang, bis 1830. Trockengelegt, ist sie heute noch nahezu intakt.

Ihr zähes Lärchenholz wurde unzählige Male ausgebessert, stets ein Akt zwischen Angst und Todesverachtung. Wie schon ihr Bau: Weil man einen Mann nicht abseilen konnte, musste der Unglücksrabe ins Nichts robben, auf einem Brett, das auf der anderen Seite mit Steinen beschwert war.

Und so ein Loch in den Fels schlagen, wo ein Balken, mit mehreren Keilen festgeklemmt, hineingerammt wurde. Die Bretterspalten wurden mit Moos abgedichtet; auch dafür musste einer im Känel hocken.

Wie schafften es Chruzi-Puuren, das Gefälle zu berechnen?

Schliesslich behauptete einer, er könne innen durch die Torrent-Croix einen Tunnel schlagen. Damit hatte man kaum Erfahrung. Es war das erste Vorhaben dieser Art überhaupt bei Suonen. Es gelang, auch wenn der wackere Mineur zu früh nach aussen gebohrt hatte. Ein Irrtum, dem Wanderer heute den atemberaubenden Ausguck verdanken.

Die Grand Bisse d’Ayent ist eine der abwechslungsreichsten. Johannes Gerber listet würzige Attribute weiterer Orte auf: «Urtümlich, nur für Schwindelfreie» (Stigwasser und Oberschta). «Nervenkitzel garantiert» (Gorperi und Undra). «Spannend und schwindelerregend» (Niwärch). «Tausendsassa» (Ärgischer Wasserleite, Leiggeru). «Einsam» (Ladu-Süe, Tatz-Giesch-Süe) ... mal abgesehen von diesen Eigennamen, die wie Wildlyrik klingen.

Geomatik-Ingenieur Johannes Gerber posiert vor der «Suone»

Geomatik-Ingenieur Johannes Gerber posiert vor der «Suone»

Eindrücklich sind die Passagen bei Mund an der Wyssa, die Bisse du Rho bei Crans, am Torrent Neuf in Savièse. Über letztere, mit bis tausend Leuten pro Tag ein Besuchermagnet, rümpfen Suonen-Romantiker etwas die Nase: Metall bei Ausbesserungen, Buvettes am Anfang und Ende schaffen da ein Flair von Suonen-Disneypark.

In touristische Fiebrigkeit darf man bei Suonen gewiss verfallen. Doch ihre grössten Rätsel liegen nicht auf der Hand. Millionen von Touristen spekulieren in Machu Picchu darüber, wie es die Inkas geschafft hatten, die Bausteine so dicht zu fügen?

Ebenso kann man im Wallis rätseln: Wie schafften es diese Chruzi-Puuren, das Gefälle der Suonen zu berechnen? Selbst Vermessungs-Ingenieur Gerber kann das zureichend nicht erklären. Umso grösser ist seine Bewunderung: «Die Bisse von Lens wurde in lediglich zwei Jahren gebaut. Die mussten an mehreren Orten beginnen, das Gefälle exakt im Voraus bestimmen. Wie sie das hinkriegten, wissen wir nicht.»

Beim Bissen-Museum in Ayent steckt im Boden ein weiteres unscheinbares Wunder: Grasmatten im vertikalen Tretschbord, sozusagen eine «lebende Mauer». Heutige Suonenbauer (etwa für Weinberge) verwendeten Beton und rissen ihn später wieder heraus, um ihn mit Tretschborden zu ersetzen; die genialen Dinger halten einfach länger.

Es gibt viele Gründe, Suonen als Kulturgut stärker zu würdigen. Anträge, sie zum Unesco-Welkulturerbe zu machen, sind deponiert. Es sind zirka 1850 Gründe – die Gesamtlänge der Walliser Suonen in Kilometer. Nicht eingerechnet die «Privat-Suönli» unter einem Kilometer Länge. Zu würdigen ist die Kühnheit, der Pfiff der Konstruktionen. Das Kolossale im Zerbrechlichen. Die Genossenschaftlichkeit, die Akribie bei der Wasserzuteilung. Die lange Geschichte, die Hartnäckigkeit. Der Nutzen und wirtschaftliche Segen. Die namenlosen Opfer.

Heute noch bessern Freiwillige Känel aus – unter alten Gefahren

Gut ein Drittel der Suonen sind heute noch in Betrieb. Die niederschlagsärmsten Orte der Schweiz befinden sich im Wallis. Im Baltschiedertal, reich an Suonen, bessern jeden Frühling Freiwillige die Känel aus. 1995 stürzte da ein Mann zu Tode. Vor zehn Jahren ertrank eine Frau in einer Bisse.

Am Weg, auf der arkadisch anmutenden, bewaldeten Kuppe wie auf einem Deich neben «unserer» Suone oberhalb der Gemeinde Ayent, stossen wir auf ein rostiges Kreuz mit Namensschild. Warum der Unglückliche hier zu Tode kam, liess sich nicht ergründen. Aber die Nähe des Verhängnisses ist stets zu spüren. Umgekehrt auch der Mut jener Leute vor uns, die sich der Gefahr stellten.

AZ-Autor Max Dohner in schwindelerregender Höhe über der «Suone»

AZ-Autor Max Dohner in schwindelerregender Höhe über der «Suone»

Mit dem Postauto kann man bis auf die Höhe der Suone fahren. Danach fast ebenmässig weiterlaufen. Innerhalb von sieben Schritten, nach einer Wegbiegung, kann sich die Szenerie komplett ändern.

Eben noch war der Tritt nadelweich und mild umschattet, plötzlich das Licht gnadenlos und gleissend. Unverhofft steht man an der Felsnase einer Schlucht, die neben dem Fuss gurgelnd sich zum schwarzen Loch verjüngt.

Beide Teile werden dieses Land geprägt haben: das Schroffe und das Weiche, das Tödliche der Umwelt und das Pastorale. Nicht bloss im Wallis. Am Eingang zum Stollen dreht ein Rad mit einem kleinen Hammer.

Er zeigt hörbar an, dass noch Wasser fliesst; so lange muss man sich nicht sorgen. Ein besserer Sound zum 1. August als Schwärmer und Raketen: das Klappern der Suone.

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